Steve Hiett: "Ich liebe die seltsame Leere von Vororten"

Interview21. Oktober 2013, 16:53
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Steve Hiett ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Modefotografen - Ein Gespräch über die Höhen und Tiefen einer Karriere

Es ist ein grauer Regentag in einem Pariser Vorort. In einem erstaunlich hässlichen Gemeindebau befindet sich die Wohnung des Altmeisters. Dort oben, im achten Stockwerk, hat man durch die großen Fenster einen ungewöhnlichen Weitblick über die Stadt. Das Wohnzimmer ist leer. Ein Sofa, ein Couchtisch und mehrere Gitarren, die wie Freunde herumlungern.

STANDARD: Ich würde gerne mit Ihnen über Frauen sprechen.

Steve Hiett: Frauen? Wow. Jetzt bringen Sie mich in Verlegenheit. Das hätten Sie mir vorher sagen müssen, dann hätte ich ausführlich darüber nachgedacht. Wieso wollen Sie überhaupt über Frauen sprechen?

STANDARD: Sie sind doch Modefotograf geworden, um die Aufmerksamkeit von schönen Frauen zu bekommen?

Hiett: Alles, was ich im Leben gemacht habe, habe ich gemacht, um die Aufmerksamkeit von Frauen zu bekommen.

STANDARD: Gab es noch andere Motivationen, Fotograf zu werden?

Hiett: Ich war Gitarrist in einer Band und suchte einen anderen Job, aber ich wollte keinen Nine-to-five-Job.

STANDARD: Hatten Sie eine Ausbildung als Fotograf?

Hiett: Nein. Bevor ich eine Band gründete, besuchte ich das Royal College of Art und wurde als Grafiker ausgebildet. Erst mit dreißig begann ich, Mode zu fotografieren. Das Tolle an der Modefotografie ist, dass man nicht sehr viel über Fotografie wissen muss. Es ist ein bisschen so, als ob man Rock-'n' Roll-Gitarre spielt. Wenn man die drei wichtigsten Akkorde gelernt hat, kann man loslegen. Genauso war es, als ich meine Kamera lud und sie auf automatisch stellte. Alles, was ich über Fotografie gelernt habe, lernte ich, indem ich's einfach ausprobiert habe. Es sind mir ein paar Fehler passiert, die richtig gut waren und meinen Stil prägten.

STANDARD: Zum Beispiel?

Hiett: Bei Außenaufnahmen Blitz zu verwenden. Heute ist das sehr beliebt, aber damals, Anfang der 1970er-Jahre, machte das niemand. Ja, Guy Bourdin verwendete ab und zu Blitz, oder auch Helmut Newton. Ich war dabei, eine Modestrecke in Deauville zu fotografieren, aber das Wetter war miserabel. Es war grau und nebelig - und ich verzweifelt. Aus dieser Verzweiflung heraus machte ich ein paar Polaroids mit Blitz, die einfach irre aussahen. Aber wir kommen von unserem Thema "Frauen" ab.

STANDARD: Sofort. Warum sehe ich hier in Ihrer Wohnung eigentlich nur Gitarren und keine Fotoapparate?

Hiett: Weil ich mit meinen Bildern gefühlsmäßig etwas Ähnliches produzieren wollte wie mit meiner Musik.

STANDARD: Klingt interessant.

Hiett: Fotografiert habe ich zuerst einmal wirklich nur zum Vergnügen. Es war einfach cool, draufzudrücken und "Klick" zu hören. Ich hasse Digitalkameras.

STANDARD: Aber Sie arbeiten mit Ihnen?

Hiett: Klar arbeite ich damit. Muss ich ja. Aber ich besitze keine, ich miete sie für meine Shootings.

STANDARD: Sie waren Sänger und Leadgitarrist der Gruppe The Pyramid. Mit Ihrem Hit "Summer of last year" wurde Ihre Band richtig bekannt. Wieso hörten Sie auf?

Hiett: Es war zu Beginn eines unserer Konzerte. Ich hielt meine Gitarre, und als ich zum Mikrofon griff, gingen - ich weiß nicht wie viele Volts - durch mich hindurch, weil das Mikro nicht geerdet war. Es schleuderte mich nach hinten auf die Verstärker und katapultierte mich dann ins Publikum. Einen Monat lang lag ich im Spital. Aber als ich rauskam, wollte ich sofort wieder spielen. Als ich vor unserem nächsten Konzert auf der Bühne saß, schaute ich auf die Gitarre und dachte mir: "So etwas darf dir nie wieder passieren", ich stand auf, griff in die Saiten und berührte mit meinem Zeigefinger leicht das Mikrofon - und "Bang" - wieder bekam ich einen Schlag. Ich hab die Gitarre hingestellt und bin von der Bühne gegangen. Und das war's.

STANDARD: Dann wurde die Fotografie zu Ihrer großen Liebe?

Hiett: Mit der Fotografie bin ich verheiratet, die Gitarre ist meine Geliebte. Ich liebe beide. Die Fotografie ist mein Job, und ich versuche, darin so gut wie möglich zu sein. Aber wenn ich von der Arbeit nach Hause komme und aus meinem Augenwinkel die Gitarre sehe, dann habe ich sofort Lust, sie in meine Arme zu nehmen und zu spielen. Aber wir kommen schon wieder vom Thema ab.

STANDARD: Stimmt, sprechen wir endlich über Frauen: Wer war das erste Model, das Sie fotografierten?

Hiett: Sandie hieß sie. Das war 1970, glaube ich. Sie war Peter Greens Freundin, des Sängers und Gründers der Band Fleetwood Mac. Erinnern Sie sich an das Lied Black Magic Woman? Es war über dieses Mädchen. Dabei war sie ein ganz normales blondes Mädchen.

STANDARD: Welchen Ruf hatten Models damals?

Hiett: Also in England waren Models Starlets. In Paris war das Konzept eines Models ein komplett anderes. Das Model war ein poetischer Teil deines Fotos. Das gefiel mir besser, und ich zog nach Paris.

STANDARD: Sie lebten im Swinging London der 60er- und 70er-Jahre. Wie eng war Ihr Kontakt mit anderen Fotografen?

Hiett: In London gab es eine ausgeprägte Hierarchie. David Bailey, Brian Duffy und Terence Donovan waren an der Spitze, das musste man akzeptieren. Erst in den 1980er-Jahren, als ich mit ihnen auf einer Stufe war, freundeten wir uns an. Vor allem Donovan wurde ein enger Freund. Wir stammen beide aus der Arbeiterklasse, und wenn wir uns trafen, fuhren wir an die Küste nach Brighton, gingen ins Pub und aßen gemeinsam. Über Fotografie unterhielten wir uns nie.

STANDARD: Wie sehr prägte die Umgebung, in der Sie aufwuchsen, Ihren Stil?

Hiett: Sussex war ziemlich hässlich - kilometerweise leere Straßen. Ich liebe diese seltsame Leere der Vororte, und sie spielt in meinen Bildern eine große Rolle. Es gibt Fotografen wie Steven Meisel, die viele verschiedene Stile beherrschen. Einmal schauen ihre Modestrecken wie von Helmut Newton aus, einmal wie von David Hamilton. Ich kann nur Bilder von leeren Vororten machen, aber ich bin erfolgreich damit.

STANDARD: Eine Zeitlang wurde es aber sehr ruhig um Sie?

Hiett: Als Grunge aufkam, war meine Karriere vorbei. Ich vermietete meine Wohnung in Paris und ging nach New York, wo ich als Grafiker arbeiten musste, um zu überleben. Ich wohnte in der Nähe von Industrial Studios, dem großen Fotostudio, und wenn ich daran vorbeiging, sah ich die jungen, trendigen Fotografen in ihre Limousinen einsteigen. Ich dachte mir nur: "Wow, das Leben ist seltsam." Ich kam mir vor wie in einem Film. Aber eines Tages war mein Stil wieder gefragt. So ist das mit der Mode. Sie ist launisch.

STANDARD: Als Grafiker waren Sie in New York sehr erfolgreich, wieso blieben Sie nicht dabei?

Hiett: Ich designte das Buch Models Manual, eine Bedienungsanleitung für Models das der Vogue-Fotograf Arthur Elgort veröffentlichte. Das war ein großer Hit. Auch Mondinos Buch Guitar Eros designte ich. Aber die Fotografie ist unmittelbarer und kommunikativer, und als mich Franca Sozzani, die Chefredakteurin der italienischen Vogue, als Fotograf zurückholte, war es keine Frage für mich. Übrigens: Wir sind schon wieder vom Thema abgestreift.

Foto: Steve Hiett

STANDARD: Seit dreißig Jahren fotografieren Sie Models. Was hat sich geändert?

Hiett: In den 1980er-Jahren war ein Model Teil deines Stils. Bilder eines guten Fotografen erkannte man daran, weil man ein bestimmtes Model mit ihm assoziierte. Ich hatte zwei Models, mit denen ich am liebsten arbeitete, Cecilia Chancellor und Kirsten Owen. Sie waren einfach perfekt für die Bilder, die ich machte. Damals blieben Models für ein paar Monate in Paris. Heute sind sie für zehn Sekunden in einer Stadt. Da kann man keine Beziehung aufbauen.

STANDARD: Wie lange brauchen Sie, bis Sie ein gutes Foto im Kasten haben?

Hiett: Meine Fotos sind stark konzeptuell. Wenn mir einmal klar ist, wie mein Bild ausschauen soll, brauche ich nicht mehr als zehn Minuten dafür. Nach zehn Minuten ist die Energie sowieso futsch.

STANDARD: Helmut Newton arbeitete ähnlich - und auch Annie Leibovitz.

Hiett: Helmut schoss fast immer nur eine Rolle Film. Er brauchte lange, bis er das Bild konstruiert hatte, und machte sehr viele Polaroids, aber dann schoss er nur eine Rolle Film.



Foto: Steve Hiett

STANDARD: Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Models aus?

Hiett: Ich sehe ein Mädchen und weiß: Das ist das richtige.

STANDARD: Wann hatten Sie Ihr letztes Casting?

Hiett: Das war vorige Woche, für den Katalog der französischen Modedesignerin Agnès B. Ich sah vierzig Mädchen in zwei Stunden. Das ist eine Menge. Nachher war ich total erledigt.

STANDARD: Wie wichtig ist es, was ein Model zu einem Casting trägt, ob es geschminkt ist oder nicht?

Hiett: Ich schaue nur auf das Gesicht, und deshalb ist es mir auch lieber, wenn sie ungeschminkt sind. Was sie anhaben, ist mir egal. Wenn ich ein Mädchen fotografiere, ist nur eines wichtig: sein Gesicht - und seine Hände. Die Hände sind genauso wichtig wie das Gesicht. Denn wenn ein Model nicht weiß, was es mit seinen Händen machen soll, ist das Foto ruiniert.

STANDARD: Wie viele Mädchen kamen in die engere Auswahl?

Hiett: Mir gefielen fünf Mädchen für diesen Job. Ich bin seit dreißig Jahren in dem Business. Wenn ich mir heute Mädchen anschaue, denke ich daran, dass sie noch nicht einmal geboren waren, als ich anfing, für Agnès die Kampagnen zu fotografieren. Natürlich verändert sich die Beziehung zu den Mädchen, wenn du älter wirst. Keine Ahnung, wie die mich sehen. Die denken sich, ich bin halt wie ihr Opa. Manche sind wirklich süß, und dann schießt mir durch den Kopf: "Mögen sie mich, oder wollen sie den Job?" (Cordula Reyer, Rondo, DER STANDARD, 18.10.2013)

Zur Person: Satte Farben, endlose Beine, ein bisschen Provokation und eine mysteriöse Grundstimmung: Mit diesem Stil hat es der 1940 in Sussex geborene Steve Hiett in alle großen Modemagazine geschafft. Seine Karriere begann Hiett allerdings als Popmusiker, mit 30 sattelte er auf Fotografie um. Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte Hiett in den 1980ern, als seine poppigen Bilder das Gefühl einer Zeit auf den Punkt brachten. Mit dem Aufkommen von Grunge war seine Karriere erst einmal vorbei, und er arbeitete als Grafiker. Heute fotografiert Hiett wieder für die großen internationalen Magazine.

  • Wenn Steve Hiett auf den Auslöser drückt, dann wallt das Haar und funkeln die Farben. Hier eines seiner Modebilder.
    foto: steve hiett

    Wenn Steve Hiett auf den Auslöser drückt, dann wallt das Haar und funkeln die Farben. Hier eines seiner Modebilder.

  • Selbstportrait von Steve Hiett.
    foto: steve hiett

    Selbstportrait von Steve Hiett.

  • >>> zur Rondo-Coverstory
    foto: edu simões/the observer/the interview people
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