"Diese Schoßhündchenfreiheit ist mir zu bieder"

16. Oktober 2013, 05:30
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Seit 40 Jahren bringt Helmut Seethaler seine Pflückgedichte in Wien an. Der SchülerStandard leistete ihm auf einem seiner Streifzüge Gesellschaft und erfuhr von seiner Motivation und zu braven Töchtern

Wien - Wenn man mit dem Wiener Zetteldichter Helmut Seethaler unterwegs ist, dauert es nicht lange, bis man Aufsehen erregt. Schon nach wenigen Minuten schlendert eine U-Bahn-Aufsicht direkt auf uns zu. "Einfach ignorieren", weist Seethaler mich an. Als die Aufsicht vor uns steht, entkommt ihm doch ein freundliches "Guten Tag" - nachdem er sich sofort ärgert, doch etwas gesagt zu haben. So viel zu unserer Taktik.

Mit einem hämischen Grinsen auf den Lippen fragt die mit einer knallgelben Sicherheitsweste eingekleidete Aufsichtsperson, wieso wir das machen. "Um die Passanten zu inspirieren und sie zum Nachdenken anzuregen", bringe ich mich ein. Ein zweiter Aufseher gesellt sich dazu und platziert sich leicht bedrohlich vor uns. Erst nachdem Herr Seethaler zum vierten Mal wiederholt, dass er eine offizielle Genehmigung hat, hier Gedichte aufzukleben, gehen die beiden.

Einige Menschen bleiben stehen und lesen, doch zum Pflücken fehlt vielen der Mut. Die U-Bahn-Station ist ein idealer Ort, um Gedichte anzubringen. Hier ist schließlich immer viel los.

Keine Sachbeschädigung

Seit 40 Jahren ist Seethaler nun auf Wiens Straßen unterwegs - zu fast jeder Tages- und Nachtzeit kann man ihn mit Zetteln antreffen. Am Anfang hielt er sich noch an die autorisierten Plätze, "aber auf Dauer ist mir diese Schoßhündchenfreiheit zu bieder geworden". Die Freiheit, die Gedichte, wo er will, anzubringen, hat aber ihren Preis - mehr als 4000 Anzeigen.

Dabei distanziert er sich - im Gegenteil zu Sprayern, die mit ihren Kunstwerken nicht davor zurückschrecken, Hauswände und andere Gebäude nachhaltig zu markieren - strikt von Sachbeschädigung. Als Street-Art will er die Pflückgedichte auch nicht bezeichnen - 10.000 Taggs zu machen findet Seethaler rücksichts- und inhaltslos. Während ihm viele Sprayer erzählen, dass die Welt ein "Schas" sei und sie deshalb auch "Schas" machen, findet er es besser, gegen diesen "Schas" anzukämpfen.

Junge Fans

Zu Hause hat er nicht viel zu kämpfen. Seine Töchter sind ihm zu brav. Zu brav? "Na ja. Das Angepasstsein, nicht zu Demos zu gehen", beschreibt Seethaler seine Töchter, die er natürlich achtet und auf die er stolz ist. Rat hat er für die drei Twens nicht oft parat - "die raten eher mir, normal zu sein und nicht für so viel Aufsehen zu sorgen". Der Großteil ihres Freundeskreises reagiert positiv auf den bekannten Vater - einzelne wundern sich über die generationsübergreifenden Unterschiede: "Was, der Trottel? Du bist so lieb und gescheit, und das is dein Vater?"

Nichtsdestotrotz hat Seethaler vor allem junge Fans. Schon oft hat er gehört, mit seinen kritischen Texten das Lebensgefühl Jugendlicher zu treffen, von denen viele ihre Alltagssorgen auf den Zettelgedichten wiederfinden. Es ist wahrscheinlich genau das Aufsehenerregen und Protesthafte, was junge Menschen für die schwarz-weißen Zettel begeistert. Seethaler ist so zu einer Wiener Institution geworden.

Natürlich trifft er dabei nicht alle Geschmäcker. Seit man drei Minuten lang Gedichte hören muss, wenn man ihn anruft, hat die Anzahl der erbosten Nachrichten aber zumindest auf der Sprachbox abgenommen.

Nach einer Stunde ist das gemeinsame Aufkleben und Plaudern vorbei. Als wir uns eine Woche später noch einmal zum Fotoshooting treffen, hat der Fotograf ein riesiges, längliches Paket aufgestellt. Sofort macht sich eine Aufsicht auf den Weg zu Seethaler: "Ist das Ihr Paket?" (Anna Strümpel, DER STANDARD, 16.10.2013)

  • Der SchülerStandard beim Pflückgedichte-Aufkleben mit Helmut Seethaler. Schon nach wenigen Minuten kommt die Aufsicht.
    foto: der standard/fischer

    Der SchülerStandard beim Pflückgedichte-Aufkleben mit Helmut Seethaler. Schon nach wenigen Minuten kommt die Aufsicht.

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