Volkskultureller "Kampfeinsatz" der "bayrischen Taliban"

16. Oktober 2013, 05:30
139 Postings

Das Satire- und Kunstprojekt "Bavarian Taliban" inszeniert in Salzburg die Verstörung

Salzburg - Es kam, wie es kommen musste: In einer Anfrage an Kulturlandesrat Heinrich Schellhorn (Grüne) wollte die FPÖ wissen, was es mit den 10.000 Euro auf sich habe, die das Land für die Kunstaktion "Bavarian Taliban" aufwende. Und ehe es sich die Freiheitlichen versahen, waren sie Teil der Inszenierung.

Leicht machen es sich Marcus Hank (42) und Hamon Tanin (30) nicht. Der in Salzburg lebende Münchener Hank und der - in Kabul geborene - Bayer Tanin aus Rosenheim touren seit knapp zwei Jahren als Kunstfiguren durch die Alpen. Sie sind die "Bavarian Taliban". Turban, Lederhose, Stutzen, Patronengurte und Maschinenpistolen sind ihr Markenzeichen. Plötzlich tauchen die zwei irgendwo auf: in Wäldern, auf Bergen, am Christkindlmarkt oder auf Stadtplätzen - wie auch diesen Sommer im Pinzgauer Zell am See. Auftritte und Reaktionen werden dann in Videos und einem eigenen Blog dokumentiert.

Kommende Woche sind die zwei, die sich Alois M. und Omar M. nennen, beispielsweise in der Anton-Wallner-Kaserne zu Gast. Das Gebirgskampfzentrum des Bundesheeres in Saalfelden passt genau als Einsatzort für ihre Performance, für ihr "soziologisches Experiment".

Kopftücher hier wie dort

"Wir machen kein Gesinnungstheater, sondern arbeiten damit, dass uns alle missverstehen und nicht wirklich rundum gut finden können", sagt der Theaterwissenschafter Hank im STANDARD-Gespräch. Inhaltlich sei "Bavaristan" die Region zwischen München und Trient, erklärt Hank und bricht im selben Atemzug mit den "stereotypen Vorstellungen": Auch der Hindukusch in Afghanistan ist gemeint. Berge seien eben Berge und Bärte, Kopftücher, Waffen und Fundamentalisten gebe es hier wie dort.

Dass die Unterschiede zwischen Tiroler Schützenkompanien und afghanischen Kämpfern verschwimmen, ist Inhalt des Freilandversuches von Hank und Tanin. Auch der Begriff "Heimat" wird zum Thema. "Ham nach Bavaristan" stand auf einem Transparent zu lesen, dass die beiden in voller Montur am Stadtplatz von Zell am See - sprich "selamse" - entrollten. Die Parallele zur FPÖ-Wahlwerbung war mehr als gewollt. "Wir leben gerne hier, gehören aber nicht dazu", sagt Hank. Die "Bavarian Taliban" wollten "alle verstören, nicht nur die Rechten, sondern auch Linke, Liberale und Gutmenschen".

Natürlich taucht bei den "Kampfeinsätzen" auch an und ab die Polizei auf. Hank und Tanin sind gewappnet. Alle Aktionen sind als Informationstisch oder Fotoshooting angemeldet.

"Mufti" Karl Schnell

Kulturlandesrat Schellhorn hat anlässlich der FPÖ-Anfrage übrigens bestätigt, dass das Projekt von der Jury des zeitgenössischen Kulturfonds "Podium" für förderungswürdig befunden worden ist. Marcus Hank und Hamon Tanin haben dann den von den Freiheitlichen zugespielten Ball nur allzu gerne aufgenommen.

In einem offenen Brief an "den Mufti von Saalbach-Hinterglemm" - so die Anrede für den Saalbacher Arzt und FPÖ-Landesparteiobmann Karl Schnell - verteidigen sie ihr Ziel, "der Vereinigung aller Bergvölker" und zeigen sich "bitter enttäuscht", dass die "Heimatpartei" FPÖ nicht an ihrer Seite "in diesem Kampf für Heimat und Verbrüderung" stehe.

Und für ihr Transparent in Zell am See wollen die beiden einen Kostenersatz in der Höhe von 93,56 Euro. Schließlich habe man ja auch - unbedankt - Wahlwerbung für die Partei von Karl Schnell und "HC-Mullah" gemacht. Die Ankündigung der beiden, die Summe persönlich in der Parteizentrale der Salzburger FPÖ abzuholen, lässt auf ein spannendes Zusammentreffen hoffen. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 16.10.2013)

  • Alpen oder Hindukusch? Die "Bavarian Taliban" heben die Grenzen auf. 
    foto: amersdorfer

    Alpen oder Hindukusch? Die "Bavarian Taliban" heben die Grenzen auf. 

Share if you care.