Streit um Zahl der Spielsüchtigen in Österreich

15. Oktober 2013, 19:36
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Nach STANDARD-Reportage Kritik an Studie, die hohen Anteil in Tirol feststellte

Wien - Eine Reportage im STANDARD über glücksspielende Jugendliche hat unter Suchtexperten zu Diskussionen geführt. Denn in dem Wissenskasten neben dem Artikel, der Infos zum Thema liefert, wurden Angaben über die Häufigkeit von Spielsucht in Österreich gemacht.

Bundesweit seien 1,1 Prozent der 14- bis 65-Jährigen betroffen, in Wien 1,9 Prozent, stand da unter Berufung auf die erste österreichische Glücksspielpräventionsstudie aus 2011. Diese Zahlen sind für Gabriele Fischer von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie nicht haltbar: "In Wien sind nicht mehr Menschen spielsüchtig als sonst im Land", widerspricht sie.

Pathologisches Spielverhalten

Besagte Studie, die vom Fachstellennetzwerk Arge Suchtvorbeugung geleitet und von den Lotterien gefördert wurde, unterscheidet "problematisches" von "pathologischem" Spielverhalten. Mit 0,8 Prozent problematischen und 2,4 Prozent pathologischen Spielern liegt Tirol an der Spitze. Dem entgegengesetzt ist das Burgenland mit 0,0/0,4 Prozent, während sich Wien mit 0,9 ein Prozent im oberen Bereich positioniert.

Diese Angaben seien nicht aussagekräftig, meint Fischer: "Die Untersuchungsgruppen waren zu klein." "Wir haben pro Bundesland 700 repräsentative Telefonbefragungen durchführen lassen", antwortet Moritz Rosenkranz vom Hamburger Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung, wo die Expertise erstellt wurde.

Ernstzunehmendes Problem

Auch werde in der Studie der Anteil von Menschen mit Glücksspielproblemen überschätzt, denn im internationalen Durchschnitt gehe man von nur 0,4 bis 0,6 Prozent Spielsüchtiger aus, setzt Fischer kritisch fort. Das sei zu niedrig gegriffen, widerspricht hier Alfred Uhl vom Anton Proksch Institut für Suchtrehabilitation. "Bei aller Schwankungsbreite kann man von ein bis zwei Prozent ausgehen".

Damit, so Uhl, sei Spielsucht in Österreich ein "ernstzunehmendes Problem", denn vor allem Automatenspiele hätten ein hohes Suchtpotenzial. Automaten sind in Wien in den - zahlreichen - Glücksspielcafés erlaubt, in Tirol hingegen verboten; Experten vermuten, dass dort in Wirtshaushinterzimmern unkontrolliert gespielt wird.

In Hamburg liest Studienkoautor Rosenkranz aus dem Kleingedruckten vor: "Aufgrund der möglichen Fehlerquoten sind die erhobenen Bundesländer-Prozentanteile wenig aussagekräftig - abgesehen von jenen aus Tirol". (Irene Brickner, DER STANDARD, 16.10.2013)

  • Spielautomaten haben vor allem bei jungen Menschen ein besonders hohes Suchtpotenzial.
    foto: heribert corn

    Spielautomaten haben vor allem bei jungen Menschen ein besonders hohes Suchtpotenzial.

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