"In Europa herrscht Silomentalität"

15. Oktober 2013, 20:13
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Universitäten und Unternehmertum gehören näher zusammen, fordert der Innovationsexperte Alexander von Gabain - Die Fragen stellte Robert Czepel

STANDARD: Sie haben 1998 Ihre Professur als Mikrobiologe ruhend gestellt und die Wiener Biotechfirma Intercell gegründet. Das Unternehmen ging 2005 an die Börse und wurde heuer mit einem französischen Partner fusioniert. Ist alles so gelaufen, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Von Gabain: Es ist uns gelungen, Wissen aus der Universität zu den Menschen zurückzubringen. Insofern: Ja, so habe ich mir das vorgestellt. Wir haben natürlich auch Fehler gemacht, waren fast hyperaktiv. Zwei klinische Zulassungsprüfungen für Impfstoffe sind negativ verlaufen. Aber so etwas gehört dazu.

STANDARD: Ab welchem Zeitpunkt muss ein Biotech-Start-up Gewinne abwerfen?

Von Gabain: Gewinne sind nicht alles. Eine Firma kann kaum Umsätze machen und dennoch einen hohen Wert haben - und Leute zu Investitionen anregen. Was die Gewinne anlangt, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird die Firma verkauft, oder sie bringt selbstständig Produkte auf den Markt. In der Biotechindustrie machen die wenigsten Unternehmen innerhalb der ersten fünf bis zehn Jahre Profite.

STANDARD: Ist angesichts der Abhängigkeit von Geldgebern - wie etwa Pharmakonzernen - überhaupt freie Forschung möglich?

Von Gabain: Sie muss möglich sein: Grundlagenforschung ist der Brennstoff jeder Firma im Biotechbereich. Ohne Innovationskraft könnten Konzerne ihre Pipeline für neue Produkte nicht füllen.

STANDARD: Sie sind seit 2008 für das European Institute of Innovation and Technology (EIT) tätig. Was ist das EIT, und was tut es?

Von Gabain: Das EIT ist ein Investmentfonds für Innovation. Wir versuchen alle Mitspieler zusammenzubringen sowie Firmengründungen und Ausbildungen zu fördern. Ob und wie viel Geld wir investieren, hängt von der Umsetzung der Businesspläne ab, die wir regelmäßig prüfen. Seit 2008 haben wir 300 Millionen Euro an EU-Mitteln vergeben, bis 2019 kommen weitere 2,7 Milliarden hinzu. Wir erwarten allerdings, dass die Firmen den dreifachen Betrag gegenfinanzieren - durch Partnerschaften mit der Industrie, Forschungsgelder, Risikokapital oder die Investition von Kommunen. Das EIT ist ein Katalysator, der Start-ups durch die erste Entwicklungsphase schubst.

STANDARD: Ganz grundsätzlich: Was heißt Innovation für Sie?

Von Gabain: Da halte ich es mit Joseph Schumpeter. Er hat einmal gesagt: Innovation entsteht, wenn Forschung, Erfindung und Entdeckung in Form eines Produkts zu den Menschen zurückkommen.

STANDARD: Wo gibt es Aufholbedarf?

Von Gabain: Europa hat eine ausgezeichnete Ausbildung und Grundlagenforschung. Unser Problem ist, dass die Mitspieler in der Innovationsarena noch nicht natürlich zusammenspielen - so wie das beispielsweise in der Umgebung von Boston der Fall ist. Wir igeln uns immer noch zu sehr ein, das amerikanische Unternehmertum geht uns ab. Vor allem an den Universitäten herrscht immer noch eine gewisse Silomentalität.

STANDARD: Inwiefern?

Von Gabain: Ein bekannter österreichischer Wissenschafter wurde kürzlich bei einer Podiumsdiskussion gefragt: "Würden Sie sich freuen, wenn einer Ihrer Studenten Ihre Forschungsergebnisse in die Wirtschaft trägt?" Er antwortete: "Schon, aber nicht, wenn es mein bester Student ist." Das ist aus meiner Sicht falsch. Wenn der begabteste Student sein Wissen einem Venture-Kapitalisten zur Verfügung stellt, hat der Professor auch etwas Gutes für die Gesellschaft getan.

STANDARD: Hat Forschung nicht auch das Recht, unprofitabel zu sein?

Von Gabain: Auf jeden Fall. Doch das ist aus meiner Sicht kein Widerspruch. Grundlagenforschung ist für die Entstehung von Innovationen wichtig - die anderen Glieder der Wertschöpfungskette aber auch. Wenn Sie heute Politiker fragen, "Was könnte Europa innovativer machen?", dann bekommen Sie mit Sicherheit folgende Antwort, die zu kurz greift: "Mehr Geld für Grundlagenforschung."

STANDARD: Was würden Sie antworten?

Von Gabain: Wir können fünfmal so viel für Grundlagenforschung ausgeben, und trotzdem werden die Googles und Genentechs in den USA gegründet, sofern wir nichts an den Rahmenbedingungen ändern. Wir brauchen junge Studenten und Absolventen, die ihre Chance wahrnehmen. Wir hatten diese Mentalität zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denken Sie an Namen wie Citroën und Siemens - das waren Menschen, die aus den Unis heraus Firmen gegründet haben. Diese Mentalität haben wir mittlerweile verlernt.

 (Robert Czepel, DER STANDARD, 16.10.2013)


Alexander von Gabain war am Karolinska-Institut in Stockholm tätig, bevor er 1992 bis 1998 das Institut für Mikrobiologie am Campus Vienna Biocenter leitete. 1998 war er Mitgründer der Firma Intercell und führte sie als CEO bis zum Börsengang 2005. 2008 wurde er in den Aufsichtsrat des European Institute of Innovation and Technology (EIT) berufen, 2011 übernahm er den Vorsitz des Gremiums mit Hauptsitz in Budapest. Heute, Mittwoch, ist er auf Einladung des Wissenschaftsministeriums beim Nobelpreisträgerseminar in Wien zu Gast.

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nobelvienna.at

  • "Wir igeln uns noch zu sehr ein, das amerikanische Unternehmertum geht uns ab", sagt Alexander von Gabain. Als Chef des europäischen Innovationsinstituts EIT fördert er Start-ups.
    foto: standard/corn

    "Wir igeln uns noch zu sehr ein, das amerikanische Unternehmertum geht uns ab", sagt Alexander von Gabain. Als Chef des europäischen Innovationsinstituts EIT fördert er Start-ups.

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