"Wir spielen alle unsere Rollen auf Bühnen"

Interview15. Oktober 2013, 20:02
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Miriam Meckel erforscht, wie neue Medien unser Auftreten und unsere Identität verändern - Mit der Expertin für Kommunikationsmanagement sprach Michael Freund

Man stelle sich vor, der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kommuniziert mit Walt Whitman, dem amerikanischen Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Sie schreiben einander E-Mails, doch sie reden aneinander vorbei, wenn sie von sich selbst sprechen. Dem Poeten bedeutet das eine seelisch-sinnliche Ganzheit, dem Unternehmer eine Summe vermarktbarer Inszenierungsstrategien.

Miriam Meckel dachte sich die virtuelle Begegnung aus, als Beispiel für die ganz unterschiedlichen Weisen, wie wir über uns nachdenken - speziell über uns im Netz. Sind wir hier noch autonome Persönlichkeiten, oder zerfallen wir in Rollen, Muster, Teilidentitäten, die uns die digitale Umgebung aufzwingt? Meckel, Kommunikationsmanagementexpertin an der Universität St. Gallen, sprach über "Das Ich im Netz" auf dem diesjährigen Philosophicum in Lech, wo auch das folgende Gespräch stattfand.

STANDARD: Sie erwähnten die klassischen Studien von Erving Goffman über Rollenspiele als Strategie der Alltagsbewältigung, und Sie sagten, dass wir auch heute im Internet im Grunde Theater spielen. Sind solche soziologischen Modelle noch relevant?

Meckel: Wir spielen auch mit den modernen Kommunikationstechnologien unsere Rollen auf Bühnen. Allerdings hat sich seit Goffmans Zeiten (The Presentation of Self in Everyday Life erschien 1959) Einiges geändert, beginnend mit den Mobiltelefonen und erst recht seit den Smartphones und Tablets, auf deren glatter Oberfläche die Unterscheidung zwischen bunter Netzwelt und grauem Alltag immer schwieriger wird. Wir Kommunikationswissenschafter machen also Anleihen bei anderen Fächern, bei Soziologen und Politikwissenschaftern. Wir müssen bei Themen wie der Entwicklung des Internets immer interdisziplinär vorgehen, um wirklich zu verstehen, was da geschieht.

STANDARD: Sie haben sich unter anderem mit den Umgangsformen in E-Mails auseinandergesetzt und gemeint, dass es immer wichtiger werde, sich auf Wesentliches zu reduzieren - was aber nicht geschieht. Stattdessen scheint man sich gegenseitig zuzumüllen.

Meckel: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Selektionsentscheidungen, die wir im direkten Gespräch, vornehmen, in der E-Mail-Kommunikation außen vor bleiben. Man verzichtet etwa auf Höflichkeitsformen. Gleichzeitig gibt es aber die "CC"-Politik: Alles wird an alle geschickt. Die Amerikaner sagen dazu: "to cover your ass", also Hauptsache, man hat sich abgesichert. Die Überlegung, was ich jetzt eigentlich mit dieser E-Mail will, sollte ja dazu führen, nicht ein Problem, sondern eine Lösung zu kommunizieren oder Vorschläge dafür zu machen. Aber das fällt oft weg. Daher mein Bild, dass E-Mail-Kommunikation so aussieht, als ob man einen Kübel Mist ausschüttet und sagt, da ist irgendwo eine Perle drin, und nun such die mal selbst.

STANDARD: Sie unterrichten und forschen ja auch speziell über Corporate Communication. Sehen Sie interkulturelle, vor allem transatlantische Unterschiede?

Meckel: Es gleicht sich an, weil die Vernetzung zu immer mehr internationalen Kontakten führt. In großen Unternehmen gibt es da erhebliche Probleme. Wir haben Untersuchungen dazu gemacht, was die Aufsetzung einer bestimmten "Netiquette" (Benimmformen im Netz) anbelangt, um die Kommunikation, um die Menschen zu entlasten, damit sie sich effizient digital austauschen können. Da geschieht ja viel zu viel, und man wird von der eigentlichen Arbeit abgelenkt. Wenn ein Manager bis zu einem Sechstel seiner Arbeitszeit für das Beantworten von E-Mails benutzt, dann stimmt etwas nicht.

STANDARD: Es gibt den Einwand, dass dies in obersten Etagen nicht gilt, dass dort solche Tätigkeiten delegiert werden.

Meckel: Das stimmt nur sehr eingeschränkt. Zu Beispielen wie Ferdinand Piëch muss ich sagen: Ja, das mag sein, dass er das noch nicht hat. Aber da ist ein Generationenwechsel im Gange. Wenn Sie sich Vorstandschefs von Konzernen anschauen, die heute zwischen 40 und 50 sind: Da sieht das komplett anders aus, die sind längst in diesem Bereich und müssen auch da sein.

STANDARD: Wo haben Sie das etwa festgestellt?

Meckel: Wir haben zum Beispiel mit der Deutschen Telekom zusammengearbeitet.

STANDARD: Sie erwähnen die Gefahr, dass man durch die Selbstinszenierung im Netz den Marktgesetzen einer kommerzialisierten Identität unterworfen wird. Man würde so lange als dynamischer Rollenspieler expandieren, bis man implodiert. Eigene empirische Erfahrungen?

Meckel: Es gab bisher keine Studien dazu, weil das eine sehr neue Entwicklung ist. Aber seit 2010 gibt es eine intensive Beobachtung dieser Bewegung in den USA, da kommt das her. Das sogenannte Self-Tracking, also die Selbstüberwachung mithilfe von Technologie - das Nike-Armband ist ein Beispiel dafür -, führt zu einer Mathematisierung der eigenen Leistungsfähigkeit. Und wenn alles gepostet wird, führt das dazu, dass alles verglichen wird, es kommt also ein Wettbewerbsaspekt dazu: Bin ich in meiner Peergroup gut dabei, oder bin ich der Lahmarschigste?

STANDARD: Wobei die Dichotomie Ingroup/Outgroup nicht neu ist. "You are either on the bus or off the bus", hieß es vor einem halben Jahrhundert bei Ken Keseys Merry Pranksters in Tom Wolfes "Acid Test". Wenn Sie jetzt sagen: Null oder eins, gut oder schlecht - was ist dazugekommen?

Meckel: Man kann sich ansehen, wie dieses alte Phänomen in einer veränderten Gesellschaft aussieht. Es ist zum Beispiel ein erheblicher Unterschied, ob man wie früher in einer Klasse gemobbt wurde oder wie jetzt im Netz. Wenn Sie Mobbing heute auf Facebook betreiben und die Welt zuschauen kann, dann nehmen Leute sich das Leben. Das ist eine dynamische Ausweitung des Problems, die man sich angucken muss. Und ich glaube, dass es eine qualitative Veränderung bedeutet, wenn man quantitative Veränderung erlebt, wie wir das bei Big Data, bei der algorithmischen Analyse menschlichen Verhaltens, sehen. Heute weiß man alles über einen: Freunde, Dating, Kaufverhalten, Bewegungen auf der Basis von GPS, Kreditwürdigkeit - fasst man das zusammen, bekommt man ein Bild, das qualitativ völlig anders ist als früher.

STANDARD: Und man gerät in Fadenkreuze, ohne dass man es weiß, und wird zum Beispiel an Grenzen aufgehalten, ohne dass man erfährt, warum.

Meckel: Ich habe vor ein paar Jahren einen Aufsatz über Terrorismus als Kommunikationsstrategie geschrieben. Dafür habe ich mir die Websites von Al-Kaida und anderen angeschaut, was man dort für Informationen bekommt. Natürlich denke ich jetzt darüber nach, was das heute bedeuten könnte.

STANDARD: Wenn man sieht, dass Sie auf der Website von Al-Kaida waren ...

Meckel: Genau. Eine Kollegin von mir hat darüber geschrieben und es als "Schuld durch Surfen" bezeichnet. Das berührt sehr grundsätzlich Annahmen menschlichen Zusammenlebens, die hier infrage gestellt werden.

STANDARD: Nach all dieser Skepsis gegenüber den überhandnehmenden Technologien eine Gretchenfrage: Wie vernetzt sind Sie?

Meckel: Ich bin schon ziemlich vernetzt. Ich twittere, bin auf Facebook und nutze das Internet sehr intensiv. Es ist also keine Frage, dass mir das alles eine Menge an Möglichkeiten eröffnet. Aber ich schaue schon, auch aus meiner eigenen Erfahrung heraus, dass ich da Pausen habe und zwischendurch ausschalte.

STANDARD: Freiwillig, ohne die von Ihnen beschriebenen Apps wie MacFreedom, die einem das Internet auf Wunsch bindend blockieren?

Meckel: Ohne MacFreedom, ganz sicher!

(Michael Freund, DER STANDARD, 16.10.2013)


Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement und Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement, Universität St. Gallen.

  • Walt Whitman und Mark Zuckerberg (li.): Zwei Dimensionen der Befassung mit dem Selbst. In der bunten Netzwelt zerfallen Persönlichkeiten in viele Identitäten.
    illu.: fatih aydogdu

    Walt Whitman und Mark Zuckerberg (li.): Zwei Dimensionen der Befassung mit dem Selbst. In der bunten Netzwelt zerfallen Persönlichkeiten in viele Identitäten.

  • Miriam Meckel: "Es ist ein erheblicher Unterschied, ob man in einer Klasse gemobbt wurde oder wie jetzt im Netz."
    foto: freund

    Miriam Meckel: "Es ist ein erheblicher Unterschied, ob man in einer Klasse gemobbt wurde oder wie jetzt im Netz."

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