"Wir würgen immer noch an Hitler, Benes und Tito"

19. Oktober 2013, 18:00
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Historiker Arnold Suppan vertieft sich auf 2.000 Seiten in die Ostmittel- und Südosteuropäische Konfliktgeschichte von der Habsburgermonarchie bis heute

Wien - Adolf Hitler, Edvard Benes und Josip Broz Tito: Alle drei aufgewachsen in der Habsburgermonarchie und beeinflusst durch den Ersten Weltkrieg, Angehörige der sogenannten Kriegsgeneration. Für den Historiker Arnold Suppan sind sie auch jene Persönlichkeiten, die die Politik ihrer Länder im 20. Jahrhundert am stärksten geprägt haben und noch bis heute nachwirken. Sie sind Symbol für die Beziehungs- und Konfliktgeschichte in Ostmittel- und Südosteuropa von der Monarchie bis in die Gegenwart. "Wir alle tragen Rucksäcke mit diesem historischen Ballast herum, der noch heute Politik und Gesellschaft beeinflusst", so Suppan.

Am vergangenen Mittwoch präsentierte er sein dreibändiges Werk "Hitler - Benes - Tito" in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). "Wir vertragen uns heute im östlichen Mitteleuropa und in Südosteuropa noch immer nicht so, wie wir uns vernünftigerweise im gemeinsamen Europa vertragen sollten", meinte Suppan, langjähriger Vorstand des Instituts für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, zwischen 2009 und 2011 Generalsekretär und von 2011 und 2013 Vizepräsident der ÖAW.

In seinem Buch begibt er sich deshalb auf die Suche nach den Hintergründen und auch psychologischen Barrieren, die dieses Miteinander bis heute beeinflussen. "Immer wieder tauchen noch nationale Stereotypen auf, sowohl bei Historikern als auch Politikern", so Suppan. "Die Aufarbeitung hat in vielen Bereichen gerade erst begonnen."

Die Ursachen vermutete der Historiker erst einmal im europäischen "Katastrophenjahrzehnt" 1938 bis 1948. "Doch bald wurde mir klar: Das erklärt nicht genug." Dementsprechend weitete Suppan sein Arbeitsgebiet aus. Herausgekommen sind schließlich drei Bände mit knapp über 2.000 Seiten und einem reichhaltigen Register-, Karten- und Fotoanhang.

Konflikte schwelen seit der Habsburgermonarchie

Die nationalen Konflikte lassen sich bis in die Zeit der Habsburgermonarchie zurückverfolgen und wurden durch den Ersten Weltkrieg entscheidend verschärft. "Die Bildung von sogenannten 'Nationalstaaten' mit vielen nationalen Minderheiten nach 1918 kehrte zwar die Machtverhältnisse um, wendete aber das nationale Selbstbestimmungsrecht nur sehr selektiv an", erklärte Suppan. Spätestens mit der Weltwirtschaftskrise eskalierten die nationalen Konflikte neuerlich.

Hitlers gezielte Eroberungs- und Besatzungspolitik gegen die Tschechoslowakei und Jugoslawien und seine Angriffskriege gegen Polen und die Sowjetunion spitzten die alten deutsch-österreichisch-slawischen Konflikte zu tödlichen Auseinandersetzungen zu, die Millionen Opfer forderten. Die nach Kriegsende erfolgenden Vergeltungs- und Vertreibungsaktionen kosteten Hunderttausenden Deutschen das Leben.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser europäischen Katastrophe habe jedoch erst nach dem Ende des Kommunismus begonnen, erklärte Arnold Suppan. In manchen Ländern wie etwa Serbien oder Bosnien-Herzegowina erfolge sie immer noch zögerlich. "Heute gibt es keinen vertretbaren Grund mehr, etwas kollektiv zu beschweigen", meinte der Historiker.

Schwachstellen in der österreichischen Historiografie

"Wir würgen immer noch an den Personen Hitler, Benes und Tito", erklärte Suppan. Immer noch sei die Beschäftigung mit allen dreien, aber vor allem Hitler, in Österreich nicht umfassend genug. "Die wesentlichen Inputs kamen von der angloamerikanischen Historiografie. Bis heute gibt es keine Hitler-Biografie eines österreichischen Historikers." Schwachstellen der österreichischen Historiografie sieht Suppan nicht nur bei der Analyse der Person Hitlers, sondern auch seiner Bestrebungen, ein europäisches Imperium zu errichten und bei der Einbeziehung der österreichischen Bevölkerung in die NS-Kriegspolitik. "Wir sind mit Hitler noch lange nicht fertig", so Suppan.

Bezeichnend für den schwierigen Umgang mit der NS-Zeit seien etwa die Bitburg- und Waldheimaffäre. Noch im Zuge der Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union 1998 wurde in Politik und Medien über die "Benes-Dekrete" und die "AVNOJ-Beschlüsse" gestritten. "Erst 2004 trugen Erklärungen des deutschen und österreichischen Kanzlers zu einer Versachlichung bei", schilderte Suppan.

Die Person des ehemaligen tschechoslowakischen Präsidenten Benes sei dagegen nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auch in der Tschechischen Republik immer noch sehr umstritten. "Viele werden nicht glücklich sein, Benes in dieser Reihe zu finden. Aber sein Beharren auf Vertreibung und Aussiedlung der meisten Sudetendeutschen seit 1942 steht natürlich in krassem Widerspruch zu den Menschenrechten", meinte der Historiker.

Auch die Beurteilung des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Tito sei heute gespalten, vor allem in den Nachfolgerepubliken Jugoslawiens: Einerseits wird er für die Verfolgung gewisser ethnischer, ideologischer oder religiöser Gruppen verantwortlich gemacht, andererseits herrsche eine gewisse Tito-Nostalgie. "Eine international akzeptierte Tito-Biografie wird freilich erst nach Freigabe sämtlicher einschlägiger Archivbestände in den Nachfolgerepubliken möglich sein", so Suppan abschließend. (APA, 19.10.2013)

  • Arnold Suppan: "Hitler - Benes - Tito. Konflikt, Krieg und Völkermord in Ostmittel und Südosteuropa", Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 3 Bände, 2060 Seiten, 148 Euro, ISBN 978-3-7001-7309-0
    cover: verlag der österreichischen akademie der wissenschaften

    Arnold Suppan: "Hitler - Benes - Tito. Konflikt, Krieg und Völkermord in Ostmittel und Südosteuropa", Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 3 Bände, 2060 Seiten, 148 Euro, ISBN 978-3-7001-7309-0

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