Das kleine wilde Schaf

Blog15. Oktober 2013, 13:43
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Suchtkranke, Obdachlose, Außenseiter und Unangepasste - Die Klientel in einer Praxisgemeinschaft im 12. Bezirk

Lehrpraxis in Wien Meidling – ein absoluter Glückstreffer. Ein Jahr verbrachte ich in der Praxisgemeinschaft, die schon im Warteraum etwas von einer Kaffeehausatmosphäre hatte. Das Team - von geradeheraus bis mütterlich besorgt, verschroben und vollkommen entschleunigt.

Ich war, wie ich eben war – jung, dynamisch, aber damals schon etwas eigenwillig, was meinen Kleidungsstil betraf. Zwar noch ungepierct und untätowiert, zeigte ich mich bevorzugt bauchfrei und mit Haaren am Kopf, die sich über weite Strecken kaum als Frisur erkennbar zeigten.

Kleidervorschriften gab es in dieser Praxis aber ohnehin keine, Arztmäntel waren ein NoGo. "Jeder wie er will", war das Motto und so stieß sich auch keiner im Team an meinen zum Teil recht minimalistischen Outfits.

Außenseiter und Unangepasste

Auch nicht die Patienten, die in diesem Bezirk eine bunte Mischung ergaben. Manager bekam ich weniger zu Gesicht. Suchtkranke, Obdachlose, Außenseiter, Unangepasste, schwer integrierbare Menschen gehörten dagegen zum täglichen Klientel. Berührungsängste gab es in dieser Praxis keine. Die Patienten kamen gern und sie kamen immer wieder.

Den einen und anderen lernte ich über das Jahr hinweg besser kennen. Eine Patientin ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Die Frau litt unter einem Borderline-Syndrom, führte tagsüber ein angepasstes Leben, landete aber praktisch jede Nacht in der Notfallambulanz mit schweren Schnittverletzungen, die sie sich selbst zufügte. Mich hatte sie regelrecht adoptiert, kam regelmäßig dann in die Ordination, wenn sie von meiner Anwesenheit wusste.

Die junge Frau klagte permanent über ihr Leid, war kompliziert und konfus. Kurzum: Sie war anstrengend und ich war immer froh darüber, wenn sie die Praxis wieder verließ. Trotzdem: Ich mochte sie.

Brave Schafe

An meinem letzten Arbeitstag in der Wilhelmstraße kam die Frau und drückte mir ein Buch mit einer persönlichen Widmung in die Hand. "Das kleine wilde Schaf" von Steff aus dem Baumhaus Verlag. Die Geschichte: Ein kleines Schaf, tagsüber brav, höflich zuvorkommend und angepasst, nachts ein "wildes Ungetier". So "... rupfte es nur mal so, der Herde Wolle aus dem Po".

"Beim Aufstehen alles war vergessen, das Schaf ging artig Blümchen essen. Und die Moral von der Geschicht'? Nur brave Schafe gibt es nicht."

Ich war berührt. Davon, wie klar die junge Frau ihre Position und auch meine durchschaute. "Das kleine wilde Schaf" begleitet mich seit damals "... und unter seinem weichen Fell, versteckt sich wahrhaft ein Rebell". (Regina Walter, derStandard.at, 15.10.2013)

Steff: Das kleine wilde Schaf

Baumhaus Buchverlag GmbH, Leipzig und Frankfurt am Main, ISBN 3-815-0236-6

  • "...zu einem wilden Ungetier!"
    foto: derstandard.at

    "...zu einem wilden Ungetier!"

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