Engel oder Esel?

Glosse15. Oktober 2013, 05:30
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Des Guten Bruder – so sagt man in meiner alten Heimat – ist der Dumme! Mit dieser Weisheit aus Volkes Spruchkiste habe ich ein Problem prinzipieller Natur

Einerseits möchte ich zu den Guten gehören. Andererseits habe ich kein Vertrauen in Weisheiten, die ein kollektiver Volksverstand gebiert. Weil mich die Erfahrung lehrt, dass ein Individuum vernünftig und vielleicht klug dazu sein kann, das "Volk" hingegen oft das Gegenteil dieser beiden ist.

Dennoch finde ich den Versuch, ein Guter zu sein ohne dessen Bruder zu werden, immer wieder ein lohnendes und ehrenwertes Unterfangen. Obwohl ich dabei manchmal heftig an die Grenzen meiner Bereitschaft zum Gutmenschen gelange. Und manchmal doch zu des Guten Bruder werde.

Was ist ein "Styler"?

Die Enkelin unserer Nachbarin ist eine 15-Jährige, hormongeschüttelte Landplage. Und gleichzeitig nur ein Mädchen dessen Mutter viel zu früh stirbt, der Vater viel zu viel säuft und seit Kurzem mit einer anderen Frau und deren Tochter lebt. Oder kurz: Adriana hat eine beschissene Kindheit. Und ist inzwischen ein Fall für das Krisenzentrum.

Oft läutet sie abends an unserer Tür. Dann spielt sie mit unserem Sohn, manchmal zu wild, meistens zum Herzerweichen sorglos, als ob ihr das Leben nicht gleich am Beginn die Arschkarte zugeteilt hätte. Wir geben ihr keine guten Ratschläge, zitieren keine Volksweisheiten. Ardiana soll trotz Shitstorm wenigstens in diesem Zimmer Kind sein. Was Zweck und Theorie dieser Übung im Gutsein ist.

In der praktischen Durchführung müssen wir jedoch einen Akt stoischer Toleranz stemmen, den kein bulgarischer Gewichtheber schafft. Weil die Spielabende mit Adriana den Wortschatz unseres Sohnes erheblich erweitern. "Styler" (das das neue "Poser" ist und Angeber bedeutet) ist dabei das einzige harmlose Wort. Die anderen Worte und Satzfetzen stammen aus den Sprachen mindestens dreier Kontinente.

Wir teilen sie in zwei Kategorien. Da sind Solche, die wir verstehen, wie "fick dich", "Futlapperl", "lutsch mich" oder "Schwanz mit Soße". Und da sind Solche, die unser Sohn, vor Vergnügen quietschend möglichst laut aufsagt. Und zwar auf Türkisch, Kurdisch und irgendeiner pazifischen Inselsprache, die Jo-Jo, Adrianas beste Freundin aus dem Beserlpark, zum Äußern von Unmut benützt. Wir gehen davon aus, dass allesamt Äquivalente der deutschsprachigen Unflätigkeit sind.

Für den Fall, das wir eines nicht allzu fernen Tages zur Leiterin des Kindergartens zitiert werden, sorgen wir mit Bedacht vor. Es wird wieder die Sprachenkundige aber leider am Tourette-Syndrom leidende Erbtante herhalten. Wir hoffen, dass man versteht, dass wir als gewissenhafte Eltern nichts zwischen unser Kind und seine Erbschaft stellen dürfen und dass die Kenntnis von Fremdsprachen und des farbenfrohen Wiener Dialektes durchaus ein Positivum ist. Hm ...

Eiweißheiten und Genozid

Irgendwie, so meine ich, zählt auch das Gutsein zu Tieren. Als Kind finde ich eine junge Amsel, ganz so wie mein Vater einst eine Elster. Und ich schaffe, was Papa damals auch schafft: Das Vogerl wird gerettet. Meine Amsel wird flügge, kehrt eine Weile abends zum Schlafen in unsere Wohnung zurück, dann bald nur zum Fenster und irgendwann nimmermehr. Für den Rest dieses Frühlings, versuche ich auf dem Schulweg herauszuhören, welche der Amseln im Morgendunst versucht Kontakt mit mir aufzunehmen.

Vierzig Jahre Später fällt eine junge Amsel vor unsere Wohnungstüre in Palmanova. Der Rest ist Routine. Die Amsel wird weich in einem Schuhkarton gelagert, getränkt und gefüttert. Ich beschließe, sie mit dem Weißen vom gekochten Ei zu füttern. Sie schluckt ein Stück, blinzelt mit den Augen und erschlafft in meiner Hand. Alles in allem, hat dieses Vogerl etwa fünf Minuten meiner Fürsorge überlebt. Am nächsten Morgen begraben wir sie unter der Weide vor dem Postamt von Palmanova.

Einige Jahre später plagt uns in Meidling eine Ameisenkolonie im toten Kamin hinter dem Kühlschrank. Ich beschließe der zornige Gott der Ameisen zu werden, ihnen Zeichen in Form von Naturkatastrophen zu senden, um sie so human wie möglich zum Rückzug in den Kamin zu bewegen. Erst blase ich sie Tag für Tag mit dem heißen Föhn in das Loch, aus dem sie kommen. Doch die Stürme des Gotteszornes beeindrucken die Ameisen nicht. Sie kehren immer wieder, weswegen ich beschließe, ihnen die Flut zu schicken. Tag für Tag spritze ich Wasser auf ihren Pfad, wobei es die ersten Toten gibt. Ihre Leichen lasse ich als Warnung für die Anderen, tagelang auf den Fluten treiben. Doch die Ameisen kommen immer wieder.

Ich überlege, die Option einer höllischen Feuersbrunst umzusetzen. Aber das wäre in dieser Altbaubude eine selbstmörderische Idiotie. Also kaufe ich Fallen mit Ameisengift. Nach wenigen Tagen kommen keine Ameisen aus dem Loch. Statt Gott im Himmel werde ich bloß zum Heinrich Himmler der Ameisen. Doch das plagt mich nur kurz: Das Ameisen-Volk hätte eben die Zeichen des Gotteszornes respektieren sollen.

Der gute Mensch vom Supermarkt

Die Frau vor dem Supermarkt ist klein, verhärmt und benützt ihre Hände um mir zu erklären, sie wolle kein Geld, sondern Lebensmittel für ihre drei Kinder. Es ist so: Selbst die entfernte Möglichkeit, das Kindermäuler ungefüttert bleiben, wenn ich die Frau ignoriere, weckt mein Unbehagen. Was solls! - so denke ich – Milch, Schokolade, Toast und drei-vier Gefrierpizza, ein paar Saftln vielleicht.

Etwas später sind in meinem Einkaufswagen auch Milch, Schokolade, Toast, vier Gefrierpizza und Fruchtsaft. Darüber hinaus noch Kareesteaks, Salami, Eier, Käse, Erdäpfel, Tomaten, Rostbratwürste, gebratene Wiener, Schokobananen, echte Bananen, Semmeln, Fruchtzwerge und ein Bündel Cabanossi. In Worten: Fünfunvierzig Euronen und achtzig Cent.

Nun, da ich weiß, was es kostet ein Engel oder ein Esel zu sein zücke ich die Bankomatkarte meiner Freundin und bezahle damit. Nur um bei dieser Gelegenheit nicht allein als eines der beiden dazustehen. Vor dem Supermarkt will die Frau doch noch Geld. Zehn Euro für ihre Miete, die sie heute bezahlen muss, weil sie sonst delogiert wird. Dazu murmelt sie irgendwas von Jesus Christus. Innerlich platzt mir der Gutmenschkragen und ich will ihr sagen, was ich von Jesus, Abraham und Mohammed halte. Doch ich presse meine Lippen zusammen und sage nur: "Sorry, hab kein Bargeld. Nur eine Bankomatkarte. Alles Gute. Auf Wiedersehen!"

Bald ist Weihnachten. (Bogumil Balkansky, 15.10.2013, daStandard.at)

  • Die Frau vor dem Supermarkt ist klein, verhärmt und benützt ihre Hände um mir zu erklären, sie wolle kein Geld, sondern Lebensmittel für ihre drei Kinder.
    foto: reuters/karpukhin

    Die Frau vor dem Supermarkt ist klein, verhärmt und benützt ihre Hände um mir zu erklären, sie wolle kein Geld, sondern Lebensmittel für ihre drei Kinder.

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