"Es gibt eine regelrechte Schweigespirale"

Interview14. Oktober 2013, 19:12
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Wer früher die Interessen Pädophiler vertrat, sollte sich jetzt der Aufarbeitung stellen, fordert der Politologe Stephan Klecha

Mit Klecha sprach Birgit Baumann.

STANDARD: Sie untersuchen für die deutschen Grünen deren Verstrickung in die Pädophilenszene in den Gründungsjahren. Bekommen Sie ausreichend Unterstützung?

Klecha: Ja, wir haben vollen Zugang zu allen Archiven, man begegnet uns mit absoluter Offenheit. Das ist natürlich hilfreich, weil man nur so vielleicht eines Tages verstehen kann, was damals passiert ist – und warum.

STANDARD: Der Forschungsauftrag läuft bis Ende 2014. Doch es wurden schon vorab Zwischenberichte veröffentlicht. Haben Sie den Grünen den Wahlkampf vermasselt?

Klecha: Der Vertrag sieht vor, dass wir jederzeit veröffentlichen dürfen, wir müssen den Grünen nur zwölf Stunden vorher Bescheid geben. Es war natürlich nicht einfach, dass im Wahlkampf dann Details bekannt wurden. Aber wir waren uns einig, dass nichts zurückgehalten werden soll. Die Veröffentlichungen waren auch hilfreich für die Arbeit.

STANDARD: Inwiefern?

Klecha: Jedes Mal haben sich Leute mit neuen Hinweisen gemeldet. Sämtliche grüne Kreisverbände schauen jetzt genau bei sich nach.

STANDARD: Sie fanden auch beim Kinderschutzbund pädophilenfreundliche Texte aus den 1980ern. Hat Sie das überrascht?

Klecha: Mich überrascht gar nichts mehr. Man muss dies alles im Kontext der damaligen Zeit betrachten. In den 1980er-Jahren fand in Deutschland der Versuch eines gesellschaftlichen Aufbruchs statt. Da wurden Dinge anders diskutiert. Ich fände es dem Thema angemessen, wenn man das jetzt auch einräumt. Im Prinzip arbeiten wir jetzt die 1980er- Jahre auf.

STANDARD: Pädophilie war kein Problem der Grünen allein?

Klecha: Nein, aber die Grünen hatten sich durch ihr Eintreten für Minderheiten sicherlich leichter exponiert. Wir haben solche Debatten auch bei den Jungdemokraten und beim Kinderschutzbund gefunden. Eine regelrechte Schweigespirale führt dazu, dass alle gern auf andere zeigen, jedoch selten das eigene Handeln hinterfragen. Es ist ein schreckliches Thema, und erst jetzt wird klar, wie weit verbreitet es war.

STANDARD: Sie haben aber kein offensives Eintreten für Sex mit Kindern bisher gefunden?

Klecha: Das nicht. Aber es gab eben Strömungen, die dies nicht für abwegig erklären wollten. Das zieht sich durch viele Organisationen, die mit Kinder- und Familienberatung zu tun hatten. Sie alle stehen jetzt vor der Herausforderung, auch ihre dunklen Seiten im Gedächtnis zu behalten.

  • Stephan Klecha (35) ist Politologe am Göttinger Institut für Demokratieforschung und arbeitet die Verstrickung zwischen Grünen und Pädophilen auf.
    foto: institut für demokratieforschung

    Stephan Klecha (35) ist Politologe am Göttinger Institut für Demokratieforschung und arbeitet die Verstrickung zwischen Grünen und Pädophilen auf.

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