Im Reich der Mitte steht "Frau Mo-ke-er" hoch im Kurs

14. Oktober 2013, 18:59
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Vergessen ist die Aufregung und Schmähung aus der Zeit, als Angela Merkel im Berliner Bundeskanzleramt den Dalai Lama empfing

In der Volksrepublik China wird der Tag der Deutschen Einheit nicht am 3. Oktober gefeiert, sondern später, gegen Mitte Oktober. Es liegt nicht daran, dass die Uhren im Reich der Mitte nachgehen – im Gegenteil: Der besondere Tag der Deutschen und Pekings Nationalfeier überschneiden sich. Chinesen erhalten zum 1. Oktober traditionell eine ganze Ferienwoche frei, und das Land verfällt kurz­zeitig in einen Urlaubsrausch.

Seit Jahren nimmt die Deutsche Botschaft in Peking darauf Rücksicht und feiert die Wiedervereinigung daher erst Tage später. Alljährlich folgen der Einladung des Botschafters tausende Gäste aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Auch der unter Polizeiaufsicht stehende und weiterhin schikanierte Konzeptkünstler Ai Weiwei durfte dieses Mal kommen, traf den neuen Botschafter Michael Clauss und mischte sich unbehelligt unter das feiernde Volk.

Wichtiger Verbündeter

Der entspannte Massenauflauf war ein Anzeichen, wie gefragt Deutschland nicht nur als größter EU-Handelspartner, sondern auch als wichtigster europäischer Verbündeter Chinas ist. Die Berliner Republik hat ihre Zusammenarbeit mit der Volksrepublik so breit aufgefächert, dass sie sich als erster europäischer Staat auf das Experiment einer in den beiden Hauptstädten abwechselnd inszenierten, gemeinsamen Kabinettssitzung einließ. Zur zweiten ­Runde Ende vergangenen Jahres brachte Bundeskanzlerin Angela Merkel sieben ihrer Minister zum Staatsrat mit. Die dritte Runde trifft sich kommendes Jahr bei der Bundesregierung in Berlin.

Chinas Premier Li Keqiang war auch der erste ausländische Regierungschef, der Merkel zum erneuten Wahlsieg gratulierte. Sie ließ wiederum Peking wissen, so rasch wie möglich wieder nach China kommen zu wollen – angedacht ist der Jänner. Selbst auf Pekings Straßen ist der Name der Kanzlerin geläufig. Manch Taxifahrer spricht deutsche Fahrgäste nicht auf Fußballstars oder Automarken an, sondern auf "Frau Mo-ke-er".

Merkel hat ihre mit dem China-Prädikat "alte Freunde" geadelten Vorgänger Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder in den Schatten gestellt. Chinas Internet-Suchmaschine Baidu zeigt auf die Eingabe "Schröder" 1,2 Millionen Treffer an; bei "Merkel" sind es 16 Millionen.

Und auch an Zeitungsständen ist sie oft Coverbild. Die Details der Regierungsbildung in Berlin inter­essieren niemanden, es geht nur um ihre Person. Seit ihrer dritten Wahl – im Gegensatz zu ihr ist die nicht demokratisch legitimierte chinesische Führung verfassungsmäßig verpflichtet, nach zwei Amtsperioden abzutreten – hätte sich Merkel den Namen der "deutschen Eisernen Lady" verdient, schrieb die Guangzhou ­Ribao. ­Illustrierte wie "Modern Weekly" widmeten ihr ihr Umschlagbild und titulierten sie als "Mutti" Europas. Die Leser erfahren alles über Merkels Metamorphose von der "grauen Maus" zur "mächtigsten Frau der Welt" . Für Zuojia Wenzhai ist sie gar "Europas Königin".

Dabei wurde nach ihrer Wahl 2005 vor der Politikerin gewarnt, die das DDR-System viel zu gut kenne. China habe von ihr nichts Gutes zu erwarten. 2007 wurde Merkel in Peking gefragt, ob sie die Volksrepublik als eine Art "vergrößerte DDR" betrachte. Sie ließ sich nicht aufs Glatteis locken. Der Fragende sei wohl einem Gerücht aufgesessen. "Meine Kenntnis reicht aus, um zu wissen, dass Ihr Land heute einen Weg geht, der nichts zu tun hat mit dem, was in der DDR stattfand."

Chinas Kommunisten blieben dennoch verunsichert. Vor allem fühlten sie sich vorgeführt, als Merkel 2007 in Berlin den Dalai Lama traf. Man sprach von "grober Einmischung in innerchinesische Belange" und zitierte den damaligen Botschafter Michael Schäfer ins Außenministerium. Er bezog verbale Prügel, während die deutsche China-Politik monatelang im politischen Abseits stand. Merkel widerfuhr, was viele vor ihr erlebten, wenn der "Drachen faucht".

2010 redete Merkel dann an der Parteihochschule und plauderte mit dem damaligen Direktor Xi Jinping, heute Staats- und Parteichef. An die einstige Eiszeit mag keiner mehr erinnert werden, jetzt, nach dutzenden hochrangigen Begegnungen, darunter allein sechs bilaterale Gipfeltreffen zwischen Merkel und dem früheren Premier Wen Jiabao in China. Der feierte beim Besuch mit ihr in der alten Kaiserstadt Xian sogar Merkels Geburtstag.

Auch Neo-Premier Li fuhr nach seiner Wahl im März zuallererst nach Europa, vor allem zur Kanzlerin nach Berlin. Er erwartet nun ihren Gegenbesuch in Peking. (Johnny Erling aus Peking /DER STANDARD, 15.10.2013)

  • "Modern Weekly" titelte, Angela Merkel sei die "Mutti" Europas.
    foto: standard/erling

    "Modern Weekly" titelte, Angela Merkel sei die "Mutti" Europas.

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