Medea opfert einen Hammel, Gonda wälzt sich im Staub

14. Oktober 2013, 18:22
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Aus den Ideengeschichten zu Neoliberalismus und Gender sowie Figuren wie Margaret Thatcher und Ayn Rand flicht Ursula Mayer ein ästhetisches Hybrid: "But we loved her" titelt ihre Soloschau nach einer Headline im "Independent"

Wien - Androgyne Figuren, in Bronze-, Messing- und Silbertöne getaucht und gekleidet, posieren vor und auf den Körpermaschinen von Bruno Gironcoli. Das sind die stärksten und wohl auch am einfachsten zu decodierenden Bilder in Ursula Mayers Ausstellung But we loved her im 21er-Haus.

In der Fotoserie Die Ungeborenen (2013) nehmen die beiden, je nach Perspektive, Besitz von den machtvollen Apparaten oder werden zu deren Fleisch, zum untergeordneten Teil dieser mit Metaphern der Fruchtbarkeit und der Geschlechter nicht sparenden Konstrukte. Die Rollen sind jedoch flexibel. Die normative Klassifizierung von Geschlecht zu durchbrechen, ist allgegenwärtiges Motiv in den Arbeiten der derzeit in London lebenden, in Österreich gebürtigen Künstlerin.

Im 21er-Haus verlassen die Symbole und Metaphern ihre ursprünglichen Bilder, um in anderer Gestalt wieder aufzutauchen: Die Weinreben und Trauben etwa auf textilen Stoffbahnen; phallische Elemente kehren als Dildo-Skulpturen wieder. Auf einem antikisierenden Seidenkleid erkennt man den im Film Medea (2013) geopferten Hammel, samt einem Gefäß voller Blut. Ein Opfertier, das gleich daneben zu einer silbrigen Masse zerflossen scheint. Nichts ist übrig als das klägliche Maul mit herausragender Zunge. Das Setting erinnert an die Inszenierung eines Museums für Altertum, und so schlägt Ursula Mayer auf dieser ästhetischen Ebene den Bogen zum antiken Mythos und ihrem Film Medea.

"Und ich erkenne, was für üble Taten ich begehen will, doch stärker als meine Einsichten ist die Leidenschaft, die ja für die Sterblichen die Ursache der größten Übel ist", sprach die tragische, wider besseren Wissens handelnde Heldin bei Euripides. Verkörpert wird sie von der Musikerin JD Samson (Sängerin der Band Men und Teil des feministischen Electropunk-Trios Le Tigre). In eleganten Roben dahingestreckt und durch Höhlen und archaische Landschaften wandelnd, bildet sie sowohl eine mondäne, starke Frauenfigur ab, als sie diese mit männlichen Attributen wie zartem Bartflaum bricht.

Surreale, geradezu traumartige Sequenzen und ein großes Maß an Künstlichkeit charakterisieren Mayers Filme. Das ist im zweiten großen Film der Schau nicht anders: Gonda heißt dieser und zeigt neben JD Samson das Model Valentijn de Hingh als Hauptfigur. Die wälzt sich in manchen Szenen im grauen Staub einer Kiesgrube, in anderen glitzert sie in schillernder Abendgesellschaft.

Als Narrativ funktioniert auch diese Arbeit nicht, weil Mayer sich jeder Kinonorm des Linearen verweigert. Mit den richtigen Hinweisen - von denen die Ausstellungen allerdings wenige anbietet - kann aber auch hier lose verknüpft werden: Gonda basiert auf Ayn Rands Theaterstück Ideal.

Thatcher - Rand - Medea

Und Rand ist schließlich jene Autorin, über die sich eine Verknüpfung zum Ausstellungstitel But we loved her - einer Titelzeile des Independent zum Tod Margaret Thatchers - herstellt. Es war Thatcher, die 1975 sagte: "Auf der Freiheit der Ökonomie fußen alle anderen Freiheiten." Und es war Ayn Rand, die 1957 mit Atlas Shrugged ein in Romanform erschienenes, neoliberales wirtschaftspolitisches Manifest, einen US-Bestseller, vorlegte. Die kapitalistischen, für den eigenen Vorteil arbeitenden Helden sind darin die Guten und Schönen sowie Verfechter der Moral; die sozialistischen Vertreter dumm, hässlich und das Gemeinwohl plündernd. Diese Prospekte sind etwas zu diffus, das Thema zu ernst, um das allzu vage zu halten. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 15.10.2013)

Bis 12.1.

  • Artikelbild
    foto: hannes böck
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