Die Grenzen der Leidensfähigkeit

14. Oktober 2013, 17:43
posten

Franzobels im Hemma-Jubiläumsjahr in Auftrag gegebenes Stück "Gottesweibspassion" in der Domkirche Klagenfurt

Klagenfurt - Ein Boxring vor dem Allerheiligsten auf dem Hochaltar der Klagenfurter Domkirche. Das Herrscherpaar Hemma von Gurk, Kärntens Landesheilige, und ihr Gatte Graf Wilhelm von Friesach und Sanntal ringt miteinander - und mit Gott. Hemma schreit unentwegt gegen die Not und das Elend der ihr anempfohlenen Bergarbeiter an. Wilhelm, der diese "Zustände" seiner Frau nicht dulden will, versucht "ihren" Gott mit eigener Liederlichkeit, Herrschsucht und Grausamkeit niederzukämpfen. Letztlich muss er vor ihrer endlos ausströmenden Liebe und Güte kapitulieren.

Hemma, eine der reichsten Frauen des Hochmittelalters, als Sozialkämpferin für eine gerechte Gesellschaft, in der jeder seinen ihm zustehenden Lohn empfängt? So einfach macht es sich Franzobel, Autor des vom Kärntner Bischof Alois Schwarz und Dompfarrer Peter Allmaier im Hemma-Jubiläumsjahr in Auftrag gegebenen Stücks Die Gottesweibspassion nicht. Da geht es nicht allein um das "Gute", sondern um das "Heilige", die Einswerdung mit etwas, das größer und weiter ist als der Mensch.

Mit gehöriger Ehrfurcht

Doch wie kann man das einer Gesellschaft, die Gott für tot erklärt hat, nahebringen, ohne in Plattheiten oder Leerformeln abzugleiten? Franzobel, der selbst einmal Pfarrer werden wollte, nähert sich dem schwierigen Thema mit einer gehörigen Portion Ehrfurcht, wie er selbst zugibt. Er zeichnet Hemmas Passion, die auch jede Menge komödiantische Elemente enthält, bis an die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit. Erst kämpft sie mit ihrer Kinderlosigkeit, dann muss sie miterleben, wie ihre Söhne von aufständischen Knappen massakriert werden. Schließlich muss sie mit ansehen, wie ihr Gatte Rache an den Gurker Einwohnern nimmt.

Hemma hat als Einzige erkannt, dass die Sünden des Ego geradewegs in den Abgrund führen. Tamara Stern lotet Hemmas Seelenqual grandios aus und zeigt ihre Zerrissenheit zwischen Angst, Selbstzweifel und ihrer inneren Stimme, die sie antreibt. Wie einst Jesus auf dem Ölberg bittet sie zunächst darum, dass der Kelch des Gotteszeugnisses an ihr vorübergehen möge. Sie akzeptiert ihre Erwählung nur, "weil niemand sonst da ist, es besser zu machen". So nimmt Franzobels Hemma schließlich - ganz Mater dolorosa - zwischen den aufgespießten Köpfen ihrer Söhne ihr Kreuz auf sich und wandelt sich zur Heiligen. Vor der Wucht dieses Augenblicks schweigt Franzobel und lässt Hemmas tote Söhne (Alexander Meile und Mario Lindner) das mittelalterliche Klagelied Stabat Mater rezitieren.

Helmut Weixelbraun verkörpert den Grafen Wilhelm ebenfalls mit großer Intensität. Er liebt seine Hemma aufrichtig, doch scheitert er an ihrer Größe und wird zum Zyniker und bluttriefenden Wüterich. Auch er ist ein Zerrissener zwischen Glauben-Wollen und Nicht-glauben-Können. Als er - geläutert durch Hemma - einen Bußgang nach Rom unternehmen will, wird er selbst erschlagen.

Regisseur Manfred Lukas-Luderer hat das Hemma-Stück sehr dicht und temporeich inszeniert und unterstreicht etwa mit Videoeinspielungen die Stilbrüche des Franzobel-Textes.

Am Ende legt der Autor seiner zur Heiligen gereiften Hemma in Anlehnung an den mittelalterlichen Mystiker Meister Eckard die Erkenntnis in den Mund: "Gott ist nichts und alles, ist die Sprache und die Stille. Gott ist überall - auch im Nirgendwo." (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, 15.10.2013)

  • "Die Weibspassion. Ein Hemma-Spiel, oder das beste Stück, das je geschrieben worden ist", ca. 120 Seiten, gebunden, 17,40 €, erschienen im Wieser Verlag.
  • Tamara Stern als an sich zweifelnde Hemma.
    foto: theater im steinbruch

    Tamara Stern als an sich zweifelnde Hemma.

Share if you care.