Vom Feind zum Freund

14. Oktober 2013, 10:22
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Komplexität widerspricht dem Wunsch des Managers nach Kontrolle - bis dato war sie sein "natürlicher Feind". Mithilfe moderner Technologien könnte sich das drehen

Unsere Welt war immer komplex. Unbestritten ist aber auch, dass diese Komplexität heute durch neue Medien und Technologien stärker zutage tritt. Früher schlugen Manager ihre Zeitung auf, heute monitoren ganze Abteilungen im Minutentakt Social-Media-Kanäle, Blogs und Online-Portale, um das Management up to date zu halten. Nicht nur ist mehr Information verfügbar, auch die Geschwindigkeit des Informationsaustauschs hat sich potenziert. Der Zukunftsforscher Dietmar Damen nennt das "Generation now". In Zeiten mobiler Endgeräte und durchgehender Konnektivität wird Verzögerung nicht mehr akzeptiert - alles muss in Echtzeit geschehen. Wöchentliche Management-Reports als Grundlage für Entscheidungen sind ein Relikt der "alten Welt". Einer Welt, die außerhalb von Organisationen nicht mehr existiert. Was müssen Organisationen also tun, um nicht das Dinosaurierschicksal zu teilen?

Komplexität war bis dato der "natürliche Feind" des Managers, sie widerspricht dem Wunsch nach Kontrolle. Je mehr Variablen, je mehr Abhängigkeiten, je mehr Daten, desto schwieriger die Entscheidung. Und genau hier bahnt sich ein Paradigmenwechsel an. Mithilfe moderner Technologie und Big Data Analytics lässt sich die Welt heute erstmals in vielen Bereichen in ihrer Komplexität abbilden. "Je mehr Daten, desto besser" gilt zwar nicht immer, führt jedoch bei bestimmten Fragestellungen zusammen mit fundierten Analyseverfahren zu wertvollem Erkenntnisgewinn. Manager müssen nicht mehr im Vorfeld - oft unzureichende - Parameter definieren, anhand derer sie Schlüsse ziehen. Dank des technologischen Fortschritts sind wir heute in der Lage, komplexe Beziehungen zu entdecken, die uns bis dato verborgen geblieben sind. Dies führt zu neuen Möglichkeiten, Voraussagen zu treffen und rechtzeitig steuernd einzugreifen. Komplexität wird somit vom Feind zum Freund des Managers.

Ein Beispiel: Am Institute of Technology der Universität Ontario wurde ein System implementiert, das über Big Data Analytics eine bessere Nutzung medizinischer Daten für eine proaktive Versorgung von Neugeborenen bietet. Mittels Algorithmen werden die Vitalwerte nicht nur überwacht, sondern in Echtzeit analysiert. Mit dem Ergebnis, dass lebensbedrohliche Umstände bereits 24 Stunden vor dem Auftreten erster Symptome erkannt werden.

Organisationen sind ähnlich komplex wie der menschliche Organismus. Auch hier gibt es Anzeichen für Schräglagen, bevor erste sichtbare "Symptome" auftreten. Fehlentscheidungen werden frühzeitig erkannt. Was es für den Umgang mit dieser Komplexität braucht, ist Offenheit. Offenheit heißt, die neue Transparenz zuzulassen. Wenn die Auswirkungen von Entscheidung sichtbar werden und wir beginnen, komplexe Abhängigkeiten zu verstehen, brauchen Manager ein gehöriges Maß an Selbstreflexion, Demut und - eben - Offenheit. Komplexität ist dabei als Chance zur Entwicklung zu begreifen. Das ist die erste Lektion, die Manager von morgen lernen müssen. Ende der Serie. (Tatjana Oppitz, DER STANDARD, 12./13.10.2013)

Tatjana Oppitz ist Generaldirektorin bei IBM Österreich. "Managing Complexity" ist das zentrale Thema des Global Peter Drucker Forum 2013, das in Wien von 14. bis 15. November stattfindet.

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www.druckerforum.org

  • Tatjana Oppitz, IBM.
    foto: ibm

    Tatjana Oppitz, IBM.

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