Die Steinmanderln vom Sarntal

15. Oktober 2013, 16:41
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Ob die Steinmanderln vom Sarntal wirklich bahnbrechend Kultisches markieren, ist umstritten. Wegweisend sind sie aber

Wenn der Wind einmal nachlässt über dem Südtiroler Sarntal, tönt nichts weiter als die Kuhglocken. Aus der Ferne hört sich das an wie koordinierte Gongklänge, fast ein wenig wie indonesischer Gamelan. Zu sehen sind von den Tieren im Moment nur deren Kuhfladen, aus denen Schwammerln wachsen. "Wie heißen die?", fragt der Wanderer. "Städter!", sagt Sepp Innerebner. Der Wanderführer kennt solche Fragen. "Ich hab Wandergruppen aus Italien und Deutschland. Die Italiener sind für kurze Wanderungen und lange Essensrasten, die Deutschen das genaue Gegenteil. Und Deutsche wollen alles wissen! Genau wie du!"

Im Sarntal gibt es aber noch mehr als Schwammerl-Namen, worüber Fremde bislang wenig erfuhren. Denn der Tourismus hält sich in Grenzen, Sarnthein etwa hat nur ein paar Gasthöfe und Hotels, darunter zwei Vier-Sterne-Häuser. Ja, von Tourismus kann hier überhaupt erst seit 30, 40 Jahren die Rede sein, 1976 wurde das erste Skigebiet in Reinswald eröffnet. Und als zur Debatte stand, das Tal mit den Pisten des Gebiets Meran 2000 zu verbinden, sprachen sich die Einwohner glatt dagegen aus. Wanderführer Sepp fasst es so zusammen: "Ein bisschen Tourismus ist gut. Aber nicht zu viel. Für uns Einheimische ist es so besser."

Die Tannenwälder scheinen in diesem Tal die Hänge raufzukriechen, bis es auch ihnen zu steil wird. Da und dort wächst eine mittelalterliche Trutzburg - deren bekannteste Runkelstein ist - förmlich aus dem Fels heraus. An manchen Stellen ist es so eng, dass man sich wundert, wie hier überhaupt jemand auf die Idee kommen konnte, eine Straße samt Tunnels hineinzutreiben.

Zentraler blinder Fleck

Erst nach einiger Zeit weitet sich das Tal und zeigt sich als schöne bäuerliche Kulturlandschaft mit Bergbauernhöfen und kleinen Weilern, die trotzdem einen Namen haben. Beim Penser Joch, gut 30 Kilometer nördlich vom Hauptort Sarnthein, schließt es sich dann wieder, in westlicher und östlicher Richtung gibt es überhaupt nur übers Gebirge führende Wege. Man sieht schon, das Sarntal gibt sich wenig zugänglich. Dabei liegt es eigentlich ausgesprochen zentral, nur eben quasi als blinder Fleck zwischen Bozen im Süden, dem Eisacktal im Norden sowie zwischen Meran im Westen und Brixen im Osten.

Ganz gewiss also ist das Sarntal Bauernland geblieben mit seinen rund 570 Bergbauernhöfen und den ausgedehnten Hochalmen auf rund 2000 Meter Seehöhe. Das hört sich für Besucher idyllischer an, als es für manche Sarntaler ist: Viele können von der Vieh- und Holzwirtschaft allein nicht leben und müssen pendeln. Wären die Höfe in den 1960er- und 1970er-Jahren nicht durch Zubringerstraßen erschlossen worden, so hätten die Bauern die meisten davon wohl aufgeben müssen. Auch heutige Zimmerwirte sind dafür ein gutes Beispiel.

Albert Premstaller vom Botenhof oberhalb Sarntheins fuhr vierzig Jahre lang die Busstrecke zwischen Bozen und dem Sarntal - kein beneidenswerter Job bei so vielen Kurven -, seine Frau Maria war Kindergärtnerin in Sarnthein. Erst jetzt in der Pension betreiben sie neben der Zimmervermietung die Landwirtschaft - mit 25 Schafen und ein paar Zuchtrindern - quasi nur noch als Hobby. Davon leben könnten sie aber auf gar keinen Fall.

Wanderland ist das Sarntal ganz bestimmt. Direkt von Sarnthein aus ist etwa die Hohe Reisch als lohnendes Ziel zu erreichen. Aber so wild muss man es nicht angehen: Vernünftige Leute nehmen das Auto bis zur Jausenstation Sarner Skihütte und folgen erst dann zu Fuß dem Wanderweg Nummer 2. Der führt zunächst in den Wald hinein und danach, oberhalb der Baumgrenze, an der bewirtschafteten Auener Alm vorbei zum Auener Joch und über einen Almrücken bis zur Hohen Reisch. Das Wort "Reisch" steht übrigens für die Latschenkiefer, von der es hier recht viele Exemplare gibt. Es ist eine schöne kleine Wanderung von rund eineinhalb Stunden, die einen - vorbei an grau gescheckten Rindern mit Gamelan-Sound - auf 2003 Meter führt.

Neugierig notiert

Unterwegs wird der Sepp wieder ausgefragt: nach all den Namen der Blümlein und Büsche in der Almenidylle. Deren bemerkenswerteste sind, wie der neugierige Wanderer fleißig notiert hat: der dotterblumenartige Petersbart, die Kranewittsträucher, ein Almbukett aus Heidekraut, der ultramarinblaue Enzian und der Hornklee. Als Vertreter der gefiederten Fauna sind potenziell zu erspähen: Adler, Habichte, Bussarde und Hennengeier. Hennengeier? Der Sepp: "Die reißen Hühner."

Im Anstieg zur Bergkuppe kündigt sich durch verstreut herumliegende Felsbrocken aus dem rötlichen Bozner Porphyr an, weshalb Wanderer hier noch heraufkommen: die sogenannten Stoanernen Mandln. Wer immer diese Figuren aufgeschichtet hat, brauchte wenigstens nicht allzu weit Steine schleppen. Es sind hunderte aus Felsplatten aufgeschichtete Säulen, die sich da zu kegelförmigen Figuren zusammenfügen. Und je näher man dem Gipfel kommt, umso mehr werden es. Ein wenig wie eine steinerne Schützenkompanie, die gerade träge loszumarschieren scheint und von Paul Flora gezeichnet sein könnte. Selbst die breitkrempigen Tirolerhüte kann man sich gelegentlich dazudenken. Wie viele es genau sind, lässt sich nur schwer sagen, einige sind übermannsgroß, andere nur zehn Zentimeter hoch, und sie könnten genauso gut vorgestern zusammengetragen worden sein. Sind sie aber angeblich nicht.

Einige der Männchen weisen Ritzzeichen auf, die aus keltischer oder bajuwarischer Zeit stammen sollen. Die Region war Siedlungsgebiet beider Kulturen und überdies schon in der Bronzezeit bewohnt, wie einschlägige Funde aus den 1980er-Jahren belegen. War die Hohe Reisch also eine Kultstätte, vielleicht ein Brandopferplatz? Wer hat die ältesten Figuren aufgeschichtet, und wozu dienten sie? "Ja, i woaß es aa nit!", sagt der Sepp. Damit ist er ganz im Einklang mit der Wissenschaft.

Historisch gesichert ist lediglich, dass in Sarnthein 1540 eine junge Frau namens Barbara Pachler nach einem Hexenprozess auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Es ist ein klassischer Fall: Die Pachler Zottl, wie sie ihres verwahrlosten Haars wegen genannt wurde, kannte sich mit Kräutern aus, versuchte zu heilen. Das allein machte sie noch nicht zum Sündenbock. Aber wurde ein Kind krank oder war wieder einmal die Ernte im Sarntal schlecht - schuld daran war immer die Pachler Zottl. Dazu kam das Gerücht, dass unter der Führung eines Meisters aus Meran eben hier oben auf der Hohen Reisch Hexensabbats gefeiert wurden.

2013 würde man lapidar von einer Gruppe sozial Ausgegrenzter sprechen, die Lagerfeuer anzündeten, tanzten, vielleicht ein wenig auf Gruftie machten. Der moralischen Mehrheit damals konnte das nur suspekt sein. Um den Verdächtigungen zu entgehen, zog die Zottl vom elterlichen Stöckelehof weg und heiratete nach Windlahn weiter oben im Tal. Aber es half nichts, sie wurde von der Magd, die anscheinend ein Auge auf den Bauern geworfen hatte, kurzerhand vernadert. Auch das ein ziemlich klassischer Stoff, der wahrscheinlich Franz Innerhofer gut gefallen hätte.

Heute, 473 Jahre später, wirkt Walter Perkmann, der Tourismuschef im Sarntal, fast ein wenig erleichtert, dass es hier nur eine einzige Hexenverbrennung gab. Im Tirol des 16. und 17. Jahrhunderts war das ja ein durchaus verbreitetes Phänomen.

Triviales aufgetürmt

Hexerei, Keltenkult? Mag schon sein. Tatsache ist, dass aufgetürmte Felsplatten an vielen Stellen im Alpenraum schlicht als Wegmarken fungieren. Man könnte auch ganz trivial an Hirtenbuben denken, die zum Zeitvertreib Figuren auftürmten. Aber in so rauen Mengen wie auf der Hohen Reisch?

Was immer es mit den Steinmandln auf sich hat, eins weiß der Sepp: "Die Alm ist ein Kraftort." In Bezug auf das Wetter stimmt das: Ein Umschwung in der Region braut sich meistens hier heroben zusammen. Den Kraftort-Appeal machen sich die Touristiker im Sarntal freilich zunutze - wenngleich in recht sanfter Umsetzung: Vollmondwanderungen oder etwa Bergtheateraufführungen mit Titeln wie Die Teufelsmillich eignen sich dafür. Und die Natur? Ist in diesem Fall Laiendarsteller: Vor zwei Jahren hat der Blitz ins Gipfelkreuz eingeschlagen - sicher wieder so eine Hexerei. (Harald Sager, DER STANDARD, Album, 12.10.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt von der Vereinigung Roter Hahn.

  • Die Kulisse auf der Hohen Reisch ist mystisch. Völlig egal, ob die Hundertschaft an Steinmännchen nun von Kelten oder Hirtenbuben errichtet wurde.
    foto: tv sarntal / laurin moser

    Die Kulisse auf der Hohen Reisch ist mystisch. Völlig egal, ob die Hundertschaft an Steinmännchen nun von Kelten oder Hirtenbuben errichtet wurde.

  • Anreise mit dem Zug nach Bozen. Weiter mit den Bussen der Linie 150, sie fahren zweimal stündlich vom Busbahnhof unweit des Bahnhofs nach Sarnthein, in den Hauptort des Sarntals. Mit der Südtiroler Mobilcard können alle öffentlichen Verkehrsmittel des Verbundes – dazu zählen auch einige Seilbahnen – benutzt werden. Sie ist ist an allen Verkaufsstellen des Südtiroler Verkehrsbundes, in Tourismusvereinen und in vielen Beherbungsbetrieben erhältlich. Weitere Infos: Tourismusverein Sarntal; über diese Adresse kann Sepp Innerebner, Wanderführer und Ziehharmonikaspieler, kontaktiert werden.

    Anreise mit dem Zug nach Bozen. Weiter mit den Bussen der Linie 150, sie fahren zweimal stündlich vom Busbahnhof unweit des Bahnhofs nach Sarnthein, in den Hauptort des Sarntals. Mit der Südtiroler Mobilcard können alle öffentlichen Verkehrsmittel des Verbundes – dazu zählen auch einige Seilbahnen – benutzt werden. Sie ist ist an allen Verkaufsstellen des Südtiroler Verkehrsbundes, in Tourismusvereinen und in vielen Beherbungsbetrieben erhältlich. Weitere Infos: Tourismusverein Sarntal; über diese Adresse kann Sepp Innerebner, Wanderführer und Ziehharmonikaspieler, kontaktiert werden.

  • Der Rote Hahn vermarktet die Bereiche Urlaub auf dem Bauernhof, bäuerliche Schankbetriebe, Handwerk sowie Qualitätsprodukte von Bauern. Die Klassifizierung der Unterkünfte reicht von einer bis zu vier Blumen. Der Botenhof etwas oberhalb von Sarnthein ist der einzige Hof des Sarntals mit "vier Blumen" und ein früheres Gesindehaus. Dezent moderne Ferienwohnungen und bezaubernd fürsorgliche Wirtsleute. Das Appartement für zwei Personen kostet in der Hauptsaison 62 Euro, das Frühstück neun Euro. Selbstgemachte Kuchen, Eier von den fleißigen Hofhennen, eigene Joghurts und Marmelade.

    Der Rote Hahn vermarktet die Bereiche Urlaub auf dem Bauernhof, bäuerliche Schankbetriebe, Handwerk sowie Qualitätsprodukte von Bauern. Die Klassifizierung der Unterkünfte reicht von einer bis zu vier Blumen. Der Botenhof etwas oberhalb von Sarnthein ist der einzige Hof des Sarntals mit "vier Blumen" und ein früheres Gesindehaus. Dezent moderne Ferienwohnungen und bezaubernd fürsorgliche Wirtsleute. Das Appartement für zwei Personen kostet in der Hauptsaison 62 Euro, das Frühstück neun Euro. Selbstgemachte Kuchen, Eier von den fleißigen Hofhennen, eigene Joghurts und Marmelade.

  • Die auf 1.600 Metern gelegene Sarner Skihütte ist Ausgangs- oder Endpunkt der Wanderung zu den Stoarnernen Mandln und wird von zwei Schwestern betrieben. Die eine serviert, die andere kocht, zum Beispiel mit Spinat und Topfen gefüllte Schlutzkrapfen. Auch das Luxury Gourmet Resort Auener Hof, zwei Steinwürfe von der Sarner Skihütte entfernt, wird von zwei Geschwistern geführt, Gisela und Heinrich Schneider. Gediegen eingerichtetes Viersternehaus mit nur acht Zimmern und zwei Suiten. Dazu ein Spa und das höchstgelegene Sternerestaurant Italiens.

    Die auf 1.600 Metern gelegene Sarner Skihütte ist Ausgangs- oder Endpunkt der Wanderung zu den Stoarnernen Mandln und wird von zwei Schwestern betrieben. Die eine serviert, die andere kocht, zum Beispiel mit Spinat und Topfen gefüllte Schlutzkrapfen. Auch das Luxury Gourmet Resort Auener Hof, zwei Steinwürfe von der Sarner Skihütte entfernt, wird von zwei Geschwistern geführt, Gisela und Heinrich Schneider. Gediegen eingerichtetes Viersternehaus mit nur acht Zimmern und zwei Suiten. Dazu ein Spa und das höchstgelegene Sternerestaurant Italiens.

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