Pädophilie: Fatales Begehren

15. Oktober 2013, 07:36
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Nicht jeder, der pädophil ist, ist auch ein Kinderschänder, zeigen aktuelle Untersuchungen - Die Erforschung der sexuellen Störung ist schwierig

Jonni Brem hat sich in den letzten 20 Jahren viele Geschichten angehört. Auch solche, die der Leiter des Wiener Sozialtherapeutischen Programms für Sexualtäter (WSPS) lieber nicht hören würde. Es sind Geschehnisse, die sich jenseits der Öffentlichkeit abspielen. Da reiben sich Männer an kleinen Jungen oder Mädchen, befriedigen sich nachts mit Kinderpornos. Im schlimmsten Fall gehen sie weiter. Fotografieren. Missbrauchen. Vergewaltigen. Meist passiert es innerhalb der Familie, selten sind es Fremde.

Einige sitzen bei Brem in der Therapie. Meist sind es verurteilte Kinderschänder, von denen "der überwiegende Teil nicht pädophil ist", räumt Brem mit dem wohl verbreitesten Irrtum auf. Die Sexualmedizin unterscheide sehr deutlich zwischen Männern, die Kinder sexuell erregen und solchen, die sich aus Sadismus, Machtbestätigung oder Angst vor erwachsenen Frauen und Männern an Kindern vergreifen. Nur etwa die Hälfte sei tatsächlich sexuell auf Kinder fixiert, beschreibt die Fachliteratur. Dafür würden etliche wirklich Pädophile sich niemals an einem Kind vergreifen. Gerade von ihnen kommen einige zu Brem. Unaufgefordert. Mit einem Wunsch, der - anders als die Taten - niemals an die Öffentlichkeit dringt: Nicht, oder nicht wieder zum Täter zu werden.

Herausforderung für Forscher

Seit Jahrzehnten versuchen Psychiater und Sexualmediziner, sich ein Bild über das fatale Begehren zu machen. Woher kommt es? Und noch viel wichtiger: Wie lässt es sich eindämmen?

Tatsächlich weisen neurobiologische Studien darauf hin, dass Männer, die sich von Kindern sexuell angezogen fühlen, ihre Erregung mitunter schlechter kontrollieren können als solche, die Erwachsenen begehren. Der Sexualforscher Martin Walter vom Leibniz-Institut für Neurobiologie vermutet, dass sich bestimmte Hirnstrukturen, wie etwa der Mandelkern, der sowohl für das Lustempfinden verantwortlich als auch bei der emotionalen Verarbeitung von Situation beteiligt ist, nicht ausreichend entwickelt hätten.

"Das aber sind alles noch Spekulationen", ist Tillmann Krüger überzeugt. Der Psychiater und Sexualmediziner an der Medizinischen Hochschule in Hannover schaut mithilfe der Magnetresonanztomographie direkt in die Köpfe von - meist straffälligen - pädophilen Männern. Er kann die Bilder, auf denen sich grüne, rote und gelbe Flecken am Computerbildschirm ausbreiten, lesen. "Auffällig ist, dass sich das Erregungsmuster von Hetero- und Homosexuellen oder Pädophilen nicht unterscheidet", erklärt er. Pädophile würden von Kindern genau in der Art erregt, wie Heterosexuelle von Frauen oder Homosexuelle von Männern.

Projekt "Kein Täter werden"

Woraus man jedoch Schlüsse ziehen kann, sind die Auslöser für sexuelle Erregung, wie Jorge Ponseti, Sexualpsychotherapeut an der Universität Kiel, eindeutig feststellen konnte. Abhängig davon, welche Bilder er den Probanden zeigte, konnte er anhand der sich daraus ergebenden Hirnbilder mit 95-prozentiger Sicherheit erkennen, ob ein Mensch pädophil ist.

"Das ist nur ein Teil der Wahrheit", urteilt der Berliner Sexualmediziner Klaus Beier, "da wurden hauptsächlich Straftäter untersucht. Ob die tatsächlich pädophil waren, oder an anderen Störungen litten, lässt sich nicht nachweisen." Um die Pädophilie breiter zu untersuchen startete er 2005 das Projekt "Kein Täter werden". Es richtete sich direkt an jene Männer, die sich durch Kinderkörper sexuell erregt fühlen. Sie wurden aufgerufen, sich unter Wahrung ihrer Anonymität zu melden und an einer Therapie teilzunehmen. Ziel dessen war es, pädophile Neigungen kontrollieren zu lernen.

Drang regulieren

Heute weiß er, dass sich an der sexuellen Ausrichtung nichts ändern lässt. Sie wird, so die Vermutung, in der Pubertät festgelegt. Doch der Drang, sie auszuleben, lässt sich regulieren. "Voraussetzung ist, dass Männer das auch selbst wollen", sagt Jens Wagner, Sprecher des Projekts "Kein Täter werden", das mittlerweile auf acht deutsche Städte ausgeweitet wurde. Mit Unterstützung neurobiologischer Untersuchungen versucht man herausfinden, warum einige Männer ihren Drang kontrollieren können, andere nicht. Unter der Leitung von Tillmann Krüger werden 200 bis 250 pädophile Männer untersucht.

Die Kernfrage dabei: Wie entwickeln sich pädophile Entwicklungsstörungen? Der praktische Ansatz: Wie kann man Pädophile identifizieren, die besonders gut auf eine Therapie ansprechen, oder vielmehr diejenigen herausfiltern, bei denen die Gefahr besteht, dass sie sich wieder an einem Kind vergreifen? Auch Jonni Brem würde sich diesem gern anschließen. Ob dies tatsächlich geschieht, ist bislang unklar. Die Standards, die das Projekt "Kein Täter werden" hebt, sind hoch. Ob sie finanziert werden können, ist längst nicht klar. (Edda Grabar, DER STANDARD, 15.10.2013)

Wissen:

Die Störung

In Deutschland steht das Thema Pädophilie derzeit im Fokus des öffentlichen Interesses. Auch der Deutsche Kinderschutzbund und Pro-Familia müssen sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, sexuellen Missbrauch an Kindern zumindest gebilligt zu haben.

Umso wichtiger ist es, zwischen dem gesellschaftlichen und medizinischen Begriff der Pädophilie zu differenzieren. Nicht jeder Kinderschänder ist pädophil. Aus medizinischer Sicht ist die Pädophilie eine Form von Sexualstörung, von der Menschen betroffen sind, die sich zu Kindern hingezogen fühlen, die die Pubertät noch nicht erreicht haben und deshalb weder Schamhaare noch Brustentwicklung zeigen. Eine Diagnose ist erst ab dem 16. Lebensjahr möglich. Um von pädophilen Neigungen zu sprechen, muss der Altersunterschied zwischen Pädophilem und dem begehrten Kind wenigstens fünf Jahre betragen.

Ältere Menschen, die Pubertierende sexuell erregend finden, bezeichnen Experten als hebephil. Die Klassifikation der WHO fasst jedoch Pädophilie als "sexuelle Präferenz für Kinder, Buben oder Mädchen oder Kinder beiderlei Geschlechts, die sich in der Vorpubertät oder in einem frühen Stadium der Pubertät befinden" zusammen.

  • Kinder können das, was ihnen von Pädophilen angetan wird, oft gar nicht verbalisieren.

    Kinder können das, was ihnen von Pädophilen angetan wird, oft gar nicht verbalisieren.

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