Erweiterung der Verlagsfunktionen

13. Oktober 2013, 19:28
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Mit der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Swetlana Alexijewitsch fand die diesjährige Frankfurter Buchmesse einen würdigen Abschluss

Frankfurt am Main - Am achten Oktober, dem Tag, an dem heuer die Frankfurter Buchmesse eröffnet wurde, titelte die Welt: "Das Land der Dichter kann nicht lesen." In einem langen Artikel im Wirtschaftsteil kommentierte das Berliner Blatt die Ergebnisse einer OECD-Studie, die ergab, dass in Deutschland ein gutes Sechstel der Erwachsenen (17,6 Prozent) gerade einmal auf dem Niveau von Zehnjährigen liest. In Österreich sieht es mit 17,1 Prozent nicht besser aus.

Einige Stunden später beschwor dann Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, die Gäste der Buchmessen-Eröffnung, daran zu denken, dass es in der Buchbranche um "mehr als einen Kampf um Umsatz" geht, nämlich um "die Frage, was wir als Wissen verstehen wollen". Und weiter: "Es reicht nicht, Wissen auf Information zu reduzieren, Kommunikation auf Transfer, Verstehen auf Speichern und Schreiben auf das Aneinanderhängen von Informationsmodulen."

Und es mag stimmen, dass Geld keine Bücher schreibt, wie die FAZ auf ein Fußball-Bonmot anspielend meint. Tatsache aber ist, dass sich an der gestern zu Ende gegangenen Buchmesse zeigte, welchen nachhaltigen Veränderungen und Brüchen die Buch- und Verlagsbranche unterworfen ist. Auch ökonomisch.

Der Tod des Lexikons

So haben beispielsweise Lexika und Nachschlagewerke den Kampf gegen die elektronische Konkurrenz verloren, Bertelsmann gab bekannt, sich aus dem Lexikongeschäft zurückzuziehen, und das gedruckte Brockhaus-Lexikon, über Jahrzehnte der Mount Everest bürgerlicher Bildungsbeflissenheit, gibt es nicht mehr.

Das E-Book hingegen, lange als Gottseibeiuns des gedruckten Buches gefürchtet, hat an Schrecken eingebüßt. Sein Anteil am Gesamtumsatz des Buchmarktes beträgt zwei bis drei Prozent, wobei von jährlichen Wachstumsraten von 40 Prozent auszugehen ist. Die Gefahren, auch die Chancen, liegen ganz woanders. Veränderte Macht- und Vertriebsstrukturen beeinflussen das Ökosystem des Verlagswesens. Für gefährlich halten viele die Machtverschiebung hin zu wenigen Unternehmen (Apple, Google, Amazon), für die Geschriebenes nichts weiter ist als Content, ein mehrdimensional verwertbares Produkt.

Noch entscheidender scheinen aber neue Formen des elektronischen Verlegens zu sein. So präsentierten sich heuer 150 neue Unternehmen an der Messe, die es vor einem Jahr noch gar nicht gab. Sie entwickeln beispielsweise Plattformen, auf denen sich Autoren testweise ihren Lesern vorstellen können, helfen beim Selbstverlegen von Büchern oder liefern anderen technischen Support. Der mitredende Konsument, der bei der Entwicklung neuer Produkte involviert wird ("Crowdsourcing"), ist in aller Munde. Durch all das hat sich auch die Stimmung in den Messehallen verändert. Jenen Bücherverrückten, der mit leuchtenden Augen durch die Hallen flaniert, sieht man kaum mehr, dafür prägen zunehmend Techniker und smarte Businessmen der erwähnten Start-ups das Hallenbild.

Stimmensammlerin

Was nicht heißt, dass es nicht weiterhin schöne gedruckte Bücher geben würde, wie der Stand der Stiftung Buchkunst zeigt. Ansonsten findet sich verschiedenstes - etwa der Bildband Back Stage (über den Ausgang des menschlichen Verdauungstraktes) neben Nachdrucken mittelalterlicher Handschriften - auf engem Raum nebeneinander. Literarisch und würdig gestaltete sich schließlich der letzte Höhepunkt der Mes- se, die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels (25.000 Euro) an die ukrainische Stimmensammlerin Swetlana Alexijewitsch, die in ihren Büchern ein Panorama der (post-) sozialistischen Gegenwart komponiert.

Und auch im hellen, angenehmen, aus Pappe gebauten Raum des Gastlandes Brasilien drehte sich alles um Papier - und um das Lesen. Um Letzteres geht es von heute bis Sonntag hierzulande auch im Rahmen der Aktion "Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek" (www.oesterreichliest.at), die mit hunderten Lesungen, Literaturwanderungen und Lesenächten die Lust auf das Lesen wecken möchte. Schaden kann das, die OECD-Studie zeigt es, nicht. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 14.10.2013)

  • Keine Pappkameraden, sondern Leser und Autoren: Halle des Gastlandes Brasilien.
    foto: michael probst

    Keine Pappkameraden, sondern Leser und Autoren: Halle des Gastlandes Brasilien.

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