Wenn Millionen Afrikaner nach Europa wollen

Kommentar der anderen13. Oktober 2013, 17:59
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Europas Doppelstrategie von Volksvermehrung zu Hause und Völkerabwehr gegen außen ist langfristig nicht bezahlbar. Afrikas Bevölkerungswachstum wird eine offenere Einwanderungspolitik unvermeidlich machen

Im Jahr 1913 haben Deutschland und Frankreich zusammen fast so viele Menschen wie das gesamte Afrika (110 Millionen zu 120 Millionen).

2013, als imponierende 7,1 Milliarden auf der Welt unterkommen, beherbergt Afrika schon mehr als siebenmal so viele Menschen wie die Achse Paris-Berlin (1,072 Milliarden zu 145 Millionen). Westlich des Rheins leben heute mindestens fünf Millionen Afrikaner (davon 3,2 Millionen aus dem arabischen Norden). Östlich davon dürfte es eine Million geben (davon rund die Hälfte Araber). Zwischen 2010 und 2012 wächst - aufgrund fehlender Verschuldungsfähigkeit - allein in Afrika die Zahl der Unterernährten (von 175 auf 240 Millionen), während sie sonst überall drastisch sinkt (FAO 2013).

Der Kontinent, der bei weniger Einwohnern neunmal so viel Land wie Indien hat, schafft es einfach nicht ins Wirtschaften mit Verpfändung, Zins und Geld. Deshalb kann nicht verwundern, dass zwei Drittel der in Afrika Verbliebenen - rund 700 Millionen - ebenfalls gerne zu uns kämen (PEW-Umfragen). In dem angezündeten Boot hat davon weniger als ein Millionstel ums Überleben gekämpft.

18 Millionen Tote

Ob Nachrichten über die vor Lampedusa Ertrunkenen die Einwanderungswünsche beeinflussen, können wir nur erahnen. In Afrika wird man die tödliche Langsamkeit der Europäer beim Retten abwägen gegen die schnellen heimischen Massaker und Genozide, in denen nach Abzug der geschlagenen weißen Herren nicht Hunderte oder Tausende, sondern rund 18 Millionen ihr Leben verlieren. Wie Europäer, als sie noch Geburtenraten à la Somalia pflegen, vor allem andere Europäer umbringen, so kommen die meisten Opfer von Afrikanern ebenfalls aus der Nachbarschaft.

Noch ist man nicht ganz dran an den Tötungsdimensionen der Alten Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber unendlich weit weg von jenen 80 Millionen aus Holocausts, Gulags und Megakriegen ist der Schwarze Kontinent auch nicht mehr.

2050 soll die Erde 9,1 Milliarden versorgen. Afrika birgt dann vierzehnmal mehr Bürger als die beiden Kernländer der EU (2,1 Milliarden zu 150 Millionen). Wie viele Afrikaner dann schon zu den Europäern gehören, ist nur zu schätzen. Mit 15 bis 20 Millionen allein in Frankreich und Deutschland dürfte man nicht sonderlich falschliegen. Bleiben die Auswanderungswünsche unverändert und wird es auch weiterhin kaum kreditermöglichendes Eigentum südlich der Sahara geben, werden in 35 Jahren rund 1,4 Milliarden Afrikaner in die Erste Welt streben.

Einen Eindruck der daraus erwachsenden Dynamik gewährt ein Blick in das 19. Jahrhundert. Zwischen 1800 (Weltbevölkerung: 1 Milliarde) und 1900 (1,7 Milliarden) marschiert Großbritannien - nach Frankreichs Niederlage - von schon sehr weit oben bis ganz an die Spitze der Weltmacht. Für die verlorene Ostküste der USA werden Australien und Neuseeland ausgebaut. Gleichzeitig wird von Nord nach Süd durch Afrika eine Kolonienschneise gehauen. Das schafft man nicht allein aufgrund der modernsten Industrien und Waffen der Epoche.

Europas Explosionen

Erst eine bis dahin nie gekannte Explosion der Bevölkerung um den Faktor 3,6 (zehn auf 36 Millionen) allein auf den heimischen Inseln (also ohne die gleichzeitig Auswandernden) führt zum Gelingen der enormen Unterwerfungen. Die Gebiete des späteren Deutschen Reiches schaffen im selben Jahrhundert "nur" einen Wachstumsfaktor von 2,5 (22 auf 55 Millionen) und fordern ebenfalls einen Platz an der Sonne.

Nach 1945 hingegen steigert sich in Europas verlorenem Herrschaftsraum die demografische Hochrüstung noch einmal um den Faktor drei, die Zugewinne an humanem Potenzial werden nicht mehr acht-, sondern neunstellig gezählt.

Aus den ehemaligen Kolonien wird bekanntlich nicht nur nach Italien, sondern auch nach Griechenland geschwommen. Dort treffen überdies die Hoffnungsvollen aus Asien ein. Vor allem das Islam-Trio Afghanistan, Pakistan und Bangladesch schafft über die Türkei seine jungen Männer an Europas Gestade. 1900 haben die Gebiete dieser drei Staaten nur so viele Einwohner wie das Deutsche Reich (je rund 55 Millionen). 2050 aber rechnen sie auf 550 Millionen. Auch von denen träumen viele davon, sich den dann 75 Millionen Zeitgenossen zwischen Mosel und Neiße zuzugesellen.

Während der schnell alternde Okzident Hypermilliarden hinlegt, damit zehn Frauen zusammen nicht mehr nur dreizehn, sondern vielleicht vierzehn oder gar fünfzehn Kinder aufziehen, explodieren nebenher auch noch die Kosten für Flotten, Überwachungsflugzeuge und Grenzzäune im Süden und im Osten. Politisch interessant wird es, wenn die Vergreiser sich eingestehen, dass Volksvermehrung hier und Völkerabwehr dort längst nicht mehr bezahlbar sind und beide Strategien auch auf Pump bestenfalls noch Jahre, aber nicht mehr Jahrzehnte durchgehalten werden können.

Dann wird es neue nationale Zuschnitte geben. Die einen werden gezielt hereinlassen, ansonsten aber ihre Grenzen sichern, um minimale Sozial- und Zivilstandards halten zu können. Japan, Singapur, Kanada und Australien liefern die Vorbilder. Skandinavien mit einer neuen Kalmarer Union könnte zuerst folgen.

Detroit und Bremen

Andere werden weitermachen wie bisher, aber die Flucht ihrer Könner in die stabileren Staaten riskieren. Anschauungsmaterial dafür liefern nicht nur Detroit oder Marseille, sondern hierzulande auch Berlin und Bremen.

Gerade in den stabilen Gebieten bekommen auch Afrikaner ihre Chance, weil man dort Kompetenz sucht und die in jeder Haartracht, Hautfarbe und Religion akzeptiert. In der Mathematik-Olympiade 2011 (TIMSS) siegen die Viertklässler Südkoreas mit 613 Punkten. Junge Ghanesen erreichen mit 331 Punkten einen achtbaren 42. Platz. Sie müssen ja nicht gleich die Asiaten schlagen, aber wenn sie Finnland (514) oder England (507) überholen, wird man sie dort mit offenen Armen empfangen und Rassisten noch entschlossener als bisher schon an den Rand drängen. (Gunnar Heinsohn, DER STANDARD, 14.10.2013)

Gunnar Heinsohn (Jg. 1943) ist deutscher Ökonom, Publizist und emeritierter Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen. Sein bekanntestes Buch ist "Söhne und Weltmacht" (2003).

  • Eine afrikanische Migrantin und ihr Sohn bei einem Gedenkgottesdienst für die Toten von Lampedusa in Tel Aviv. Wenn in Afrika das Bildungsniveau steigt, wird auch die Akzeptanz für Einwanderer wachsen.
    foto: reuters/elias

    Eine afrikanische Migrantin und ihr Sohn bei einem Gedenkgottesdienst für die Toten von Lampedusa in Tel Aviv. Wenn in Afrika das Bildungsniveau steigt, wird auch die Akzeptanz für Einwanderer wachsen.

  • Gunnar Heinsohn, Ökonom und Bevölkerungssoziologe.
    foto: dbwv

    Gunnar Heinsohn, Ökonom und Bevölkerungssoziologe.

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