Multimedialer Langstreckenflug

12. Oktober 2013, 07:21
posten

Das Klangforum Wien mit Aureliano Cattaneos "Parole di settembre" im Konzerthaus

Wien - Sie mühten sich in den letzten Jahrzehnten, Ohrenpaare samt dazwischenliegender Gehirne aus der Geiselhaft des übermächtigen großartigen Gestern zu entwinden: das Klangforum Wien und Hans Landesmann. Dem im September verstorbenen leisen, freundlichen Anwalt der zeitgenössischen Musik und ehemaligen Generalsekretär des Hauses widmete das Wiener Konzerthaus das erste Konzert des Klangforum Wien im Großen Saal.

"Langstrecke" lautet das Motto des aktuellen Abozyklus des Wiener Spitzenensembles; in unserer von SMS, Tweets, Postings und Emails kurzgehackten, kurz getakteten Zeit will man sich sieben Mal auf einen akustischen Langstreckenflug begeben und je ein Großwerk präsentieren: Bitte anschnallen! Den Anfang machte Aureliano Cattaneos dreiteiliger Zyklus Parole di settembre, der erstmals als Ganzes aufgeführt wurde.

Der 1974 in der Lombardei geborene Komponist hat hier den gleichnamigen Gedichtzyklus des italienischen Lyrikers Edoardo Sanguineti aus 2006 vertont, welcher sich wiederum auf Bilder des Renaissance-Malers Andrea Mantegna bezieht: "schön ist der winzige Schwanz / schön ist der winzigen Eier Tanz / schön ist des winzigen Arsches Firlefanz", heißt es da etwa in der sinnlichen, griffigen, tänzerischen Übersetzung von Hans Raimund.

Cattaneos Musik ist da oft zurückhaltender, sie hält sich gern an den gleißend hellen wie auch den Angst machenden, dunklen Rändern des Klangspektrums auf. Die Stimmen der drei Gesangssolisten (Donatienne Michel-Dansac, Daniel Gloger, Otto Katzameier) verschmelzen fallweise mit jenen der Instrumentalisten; in dieser Interaktion entstehen Motive wie kleine Wirbel, die echohaft wiederholt und verändert fortgeführt werden.

Wie immer beglückt dabei die emotionale Präzision, Dringlichkeit und Virtuosität der Mitglieder des Klangforum Wien, hervorragend dirigiert von Michael Wendeberg. Die Musik Cattaneos gerät dabei so interessant, dass kaum Aufmerksamkeit bleibt für die großflächige Visualisierung von Arotin & Serghei; fast, dass man sich stattdessen eingeblendete Texte der Gedichte Sanguinetis gewünscht hätte. Begeisterter Applaus nach der Landung. (Stefan Ender, DER STANDARD, 12./13.10.2013)

Share if you care.