Vom Ausnahmefall zur Regelmäßigkeit

Blog12. Oktober 2013, 11:57
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Vor zehn Jahren erzielte Christoph Brandner als erster Österreicher einen NHL-Treffer. Unser Eishockey-Blog skizziert die Geschichte rot-weiß-roter Torjäger

Pierre-Marc Bouchard zögert, er wartet mit der Scheibe hinter dem gegnerischen Tor. Als er sich doch dazu entschließt, einen scharfen Pass nach vorne zu spielen, überrascht er damit Verteidiger Kyle McLaren, der das Gleichgewicht verliert und so den am Torkreis förmlich eingeparkten Christoph Brandner nicht mehr daran hindern kann, den Puck direkt und mit der Rückhand zu übernehmen. Goalie Vesa Toskala ist gegen den Schuss aus kurzer Distanz machtlos, Minnesota geht im Heimspiel gegen San Jose mit 1:0 in Führung. Im großen Eishockeyzirkus der National Hockey League ein gewöhnlicher Treffer in einem bedeutungsschwachen Spiel früh in der Saison, mit der zeitlichen Distanz von einer Dekade heute nicht mehr als eine Randnotiz.

Pioniere, keine Wegbereiter

Mehr als 7.000 Kilometer und sieben Zeitzonen weiter östlich sorgte dieses Tor am 12.Oktober 2003 freilich für stürmische Begeisterung, zum ersten Mal in der Eishockey-Geschichte trug sich ein in Österreich geborener Spieler in die Torschützenliste in der stärksten Liga der Welt ein. Christoph Brandner wurde damit ebenso wie Goalie Reinhard Divis, der bereits 18 Monate zuvor auf NHL-Eis debütierte, zu einem Pionier des rot-weiß-roten Hockeys. Als Wegbereiter für österreichische Spieler und deren NHL-Traum kann das Duo jedoch nicht bezeichnet werden, eher waren sie Ausnahmeerscheinungen: Beide feierten ihre NHL-Premiere erst im Alter von 28 bzw. 26 Jahren, also relativ spät, beide schafften den Sprung direkt von europäischen Profiligen aus.

Karriereverläufe, die sich wesentlich von jenen ihrer Nachfolger gleicher Staatsbürgerschaft unterschieden: Thomas Pöck, Thomas Vanek, Andreas Nödl und Michael Grabner machten sich allesamt schon im Teenageralter auf nach Übersee und erwarben sich ihre NHL-Reife erst im Zuge ihrer vier bis sieben Jahre dauernden Ausbildung in nordamerikanischen Nachwuchs-, College- und Minor-Ligen.

Mehr Tore als Vorlagen

Dem Premierentreffer von Christoph Brandner, der sich an diesem Samstag zum zehnten Mal jährt, folgten seither 372 weitere NHL-Tore österreichischer Spieler. Vier Jahre hintereinander stieg der rot-weiß-rote Toreschnitt pro Spiel, um in der Saison 2007/08 dank Thomas Vanek und seinen 36 Volltreffern in 82 Spielen seinen historischen Höchstwert zu erreichen. War der heutige Co-Kapitän der Buffalo Sabres zur Mitte der vergangenen Dekade für österreichische Erfolge in der stärksten Liga der Welt noch nahezu alleinverantwortlich, so hat sich die Spielerbasis mittlerweile verbreitert. Seit inklusive der Spielzeit 2008/09 stehen durchgehend jeweils drei Spieler aus der Alpenrepublik bei einem NHL-Verein unter Vertrag.

Obwohl sie in ihren Teams teilweise sehr unterschiedliche Rollen zu erfüllen haben, präsentierten sich Österreichs NHL-Cracks bisher als sehr treffsicher, in sieben der letzten acht Saisonen lag die Anzahl der von ihnen erzielten Tore über jener der geleisteten Vorlagen.

Der Sniper

Der Löwenanteil an rot-weiß-roten NHL-Treffern geht auf das Konto von Stürmerstar Thomas Vanek, der schon 267 Mal anschreiben konnte und damit für knapp drei Viertel (71,6 Prozent) aller Österreicher-Tore verantwortlich zeichnet. Zwar hatte der 29jährige Left Wing der Buffalo Sabres mit Abstand die meisten Gelegenheiten, sich in Szene zu setzen (626 Spiele), doch auch in relativen Zahlen gemessen ist er der effektivste Spieler österreichischer Herkunft: Im Schnitt gelangen ihm in 100 Einsätzen bisher 43 Tore, bei Michael Grabner von den New York Islanders sind es mit 33 die zweitmeisten.

Es versteht sich von selbst, dass Thomas Vanek auch der erste Österreicher war, der in einem NHL-Spiel einen Hattrick für sich verbuchen konnte, am 12.Feber 2008 gelangen ihm im Auswärtsspiel in Ottawa erstmals drei Treffer in einer Partie. Zudem erwies er sich als Spezialist für Jubiläen: Das einhundertste rot-weiß-rote NHL-Tor (2008) erzielte er ebenso wie das zwei- (2010) und das dreihundertste (2011).

Weißer Fleck in Tennessee

Hauchdünn aber doch hält Thomas Vanek, Sohn eines Flüchtlingspaares aus der damaligen Tschechoslowakei, auch den Rekord als jüngster österreichischer Torschütze in der stärksten Liga der Welt: Zum Zeitpunkt seines ersten NHL-Treffers war er 21 Jahre und 294 Tage alt und damit um fünf Tage jünger als der Wiener Andreas Nödl, dessen Nordamerika-Karriere mittlerweile beendet scheint.

In den exakt zehn Jahren seit Christoph Brandners Premierentor erzielten aus Österreich stammende Spieler insgesamt 373 Tore, die meisten davon (36) gegen den Stanley Cup-Sieger von 2011, die Boston Bruins. Da die überwiegende Mehrheit der Klubs, bei denen rot-weiß-rote Cracks unter Vertrag standen und stehen, in der Eastern Conference beheimatet waren und sind, trafen Österreicher natürlich besonders häufig gegen Gegner aus dem Osten. Ausgerechnet ein West-Team, die San Jose Sharks, sind aber der einzige Klub, gegen den sich bereits vier verschiedene Österreicher (Brandner, Pöck, Vanek, Grabner) als Torschützen feiern lassen konnten.

Der letzte verbliebene weiße Fleck auf der NHL-Landkarte befindet sich in Tennessee. Die dort beheimateten Nashville Predators, bei denen im Juni 2007 Oliver Setzinger einen Vertrag unterschrieb aber in der Folge nie eingesetzt wurde, sind das einzige Team der Liga, gegen das österreichische Spieler noch nie ein Tor erzielen konnten. Die nächste Gelegenheit, dies zu ändern, lässt jedoch nicht lange auf sich warten: Bereits in der Samstagnacht, am zehnten Jahrestag des ersten NHL-Treffers eines Österreichers, treten Michael Grabner und seine New York Islanders in Tennessee an. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 12.10.2013)

  • Österreichs erster NHL-Torschütze, Christoph Brandner, im Trikot der Minnesota Wild.
    foto: epa/lassig

    Österreichs erster NHL-Torschütze, Christoph Brandner, im Trikot der Minnesota Wild.

  • 373 Mal jubelten Österreicher über einen Treffer in der NHL, 346 davon gehen auf das Konto der beiden aktuell aktiven Cracks Vanek und Grabner.

    373 Mal jubelten Österreicher über einen Treffer in der NHL, 346 davon gehen auf das Konto der beiden aktuell aktiven Cracks Vanek und Grabner.

  • Thomas Vaneks natürliches Habitat, direkt vor des Gegners Tor – vorzugsweise jenem der Boston Bruins, gegen die er bisher 31 Mal traf.
    foto: dapd/gee

    Thomas Vaneks natürliches Habitat, direkt vor des Gegners Tor – vorzugsweise jenem der Boston Bruins, gegen die er bisher 31 Mal traf.

  • Michael Grabner war Österreichs letzter NHL-Debütant, mittlerweile ist er fixer Bestandteil der zukunftsträchtigen Mannschaft der New York Islanders.
    foto: reuters/hunger

    Michael Grabner war Österreichs letzter NHL-Debütant, mittlerweile ist er fixer Bestandteil der zukunftsträchtigen Mannschaft der New York Islanders.

  • Gegen Boston, Tampa Bay, Philadelphia, Toronto und Ottawa erzielten österreichische Spieler die meisten Treffer.

    Gegen Boston, Tampa Bay, Philadelphia, Toronto und Ottawa erzielten österreichische Spieler die meisten Treffer.

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