Der Schönheitswahn im Gangnam-Style

11. Oktober 2013, 16:36
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Im Glauben, dass Schönheit mehr zählt als ein guter Abschluss, legen sich in Südkorea Tausende vor dem Studium unters Messer

Die Wirren der Pubertät hatten kaum eingesetzt, da haben sich die Kommentare längst in ihr festgesetzt wie Rotweinflecken auf einem weißen Couchbezug. "Du solltest wirklich abnehmen", wird Ji Yeo jeden Morgen von ihren Klassenkolleginnen begrüßt. Die besorgte Großmutter reicht der 15-Jährigen kleine Pillen, um deren Wachstum zu beschleunigen. Nur die Mutter ermutigt ihre Tochter, dass sie schön sei, so wie sie ist - doch diese glaubt da längst nicht mehr dran.

Kurz vor der Matura habe sie nur noch ein Ziel vor Augen gehabt, erinnert sich die heute 28-Jährige: "Mein einziger Traum war es, meinen kompletten Körper einer riesigen Schönheitsoperation zu unterziehen."

Mit diesem Traum ist sie in ihrem Heimatland Südkorea keine Ausnahme, sondern die Regel. Laut der International Society of Aesthetic Plastic Surgeons hilft keine Bevölkerung der Welt öfter bei ihrer Schönheit nach. Allein 2011 wurden rund 650.000 Eingriffe verzeichnet.

Eine Umfrage unter Frauen zwischen 19 und 49 aus Seoul ergab: Jede Fünfte von ihnen hatte sich bereits zumindest einmal einer Schönheitsoperation unterzogen. Was als schön gilt, bleibt wie viele Lebensbereiche im konfuzianistisch geprägten Korea klar definiert: Ein schmales v-förmiges Gesicht ist gefragt, dazu große Augen, eine hohe Nase, möglichst weiße Haut und große Brüste.

Die Basics: Eine Falte ins Lid

Der Germanistikstudentin Lee Su-rim entlocken solche Statistiken nur ein müdes Lächeln, in ihrer Schulklasse gab es schließlich kein Mädchen, das sich nach der Matura nicht sofort unters Messer gelegt hätte - die Ferien zwischen Schulabschluss und erstem Semester sind die Hochsaison für Schönheitschirurgen. Zumindest die "Basics" hätten sich alle machen lassen, sagt Lee.

Darunter versteht man in Korea eine Augen-OP, bei der eine Falte ins Augenlid geschnitten wird, um das Auge größer erscheinen zu lassen. Im Gegensatz zu Europäern besitzt nur die Hälfte der ostasiatischen Bevölkerung von Geburt an ein doppeltes Lid. Der Eingriff gilt mittlerweile als beliebtes Maturageschenk von Müttern an ihre Töchter. Mindestens 150 Euro muss man dafür zahlen, bei renommierten Chirurgen kann der Preis zehnmal so hoch sein. Einige Kliniken in Seoul bieten gezielte Rabatte an, etwa eine kostenlose Botoxspritze für die Mutter, wenn sich die Tochter Augen und Nase machen lässt.

"Das Aussehen ist zu einer Kompetenzanforderung geworden, wobei manche gar scherzen, dass es für hässliche Leute unverschämt sei, keine Schönheitsoperation machen zu lassen", sagt die Soziologin Choi Set-byul.

In der männlich dominierten Gesellschaft Koreas kann ein schönes Gesicht für junge Frauen mehr wert sein als ein guter Uniabschluss. Zudem ist die Kultur noch tief im schamanistischen Aberglauben verwurzelt, nach dem menschliche Attribute vor allem an äußere Gesichtsmerkmale geknüpft werden. Schönheitsoperationen gelten als Investition für die Heirats- und Berufswahl. Beides wird in Korea vor allem an der Universität gefunden.

Die Schönheitskliniken tun alles Erdenkliche, um ihre Patienten so sanft wie möglich in ihren neuen Körper zu überführen. Vor dem sechsstöckigen Gebäude des JK Plastic Surgery Center in Seoul versperrt ein Rolls-Royce den Bürgersteig. Die Klinik liegt in Seouls "beauty belt", dem Bezirk Gangnam. Rund 350 der mehr als tausend Kliniken des Landes haben sich in diesen Straßenzügen angesiedelt.

Im ersten Stock sitzt die Chirurgin Baek Hye-won, mitten auf dem Glastisch im Zimmer steht zu Veranschaulichungszwecken ein Totenkopf. In den Semesterferien schneidet die 37-Jährige bis zu 16 Patienten ein künstliches Augenlid, das Gros unter ihnen sind Studentinnen. "Manchmal haben die Leute unrealistische Vorstellungen", sagt die Chirurgin. Die Risiken verschweigt die Branche nur allzu gerne. "Die Unfälle nach Schönheitsoperationen steigen", berichtet Anwalt Shin Hyon-Ho, der sich auf Behandlungsfehler spezialisiert hat.

Als besonders gefährlich gilt eine Kieferoperation, bei der beide Kiefer gebrochen und verkleinert werden, um die Gesichtsform scheinbar femininer zu machen. In fast allen U-Bahn-Stationen preisen Schönheitskliniken diesen riskanten Eingriff an. "Jede hat es getan außer dir" prangt auf einem der Werbeplakate, auf denen Vorher-nachher-Bilder junger Frauen zu sehen sind. Laut einer Studie leiden 52 Prozent nach einen solchen Eingriff an sensorischen Problemen, etwa einem tauben Gesicht, oder können nicht mehr richtig kauen. Letzten August nahm sich eine 23-jährige Studentin nach einer solchen OP das Leben.

Wie eineiige Zwillinge

Im April postete ein User auf dem Netzwerk Reddit die Fotos aller 20 Miss-Korea-Finalistinnen. Der Eintrag zog virale Kreise - unfassbar schien, dass sich die Frauen wie eineiige Zwillinge ähneln. Wenn man die Bilder wie in beim Daumenkino aneinanderreiht, verschmelzen die Gesichter zu einem. Gut ein Jahr vorher konfrontierten Reporter Miss Korea 2012 mit Jugendfotos, die vermeintlich eine andere Person zeigen. Ihre lakonische Antwort: "Ich habe nie gesagt, dass ich schön auf die Welt gekommen bin." (Fabian Kretschmer aus Seoul, DER STANDARD, 11.10.2013)

  • Schönheitskliniken werben mit Vorher-nachher-Träumen im Bezirk Gangnam von Seoul.
    foto: standard/kretschmer

    Schönheitskliniken werben mit Vorher-nachher-Träumen im Bezirk Gangnam von Seoul.

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