Agnes Husslein: "Ein solches Palais gibt es kein zweites Mal"

Interview11. Oktober 2013, 17:30
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Die Belvedere-Direktorin über das Winterpalais des Prinzen Eugen, das 160 Jahre als Finanzministerium diente - und nun als Museum eröffnet wird

STANDARD: Sie eröffnen am 17. Oktober mit dem Winterpalais des Prinzen Eugen eine weitere Dependance. Wird der Komplex Belvedere, zu dem auch das 21er-Haus gehört, nicht langsam zu groß?

Agnes Husslein: Das ist aber wohl eine Scherzfrage! Prinz Eugen hat zunächst das Winterpalais und danach das Sommerpalais, also das Obere und das Untere Belvedere, errichten lassen. Maria Theresia kaufte die drei Bauwerke nach dessen Tod. Von 1848 an war das Stadtpalais das Finanzministerium. Es ist ein Juwel des Barock - und seit den Umbauarbeiten 1752 nahezu unverändert. Ein solches Palais gibt es in Wien kein zweites Mal. Es ist schlüssig, die Teile nun wieder zu einem großen Ganzen zusammenzuführen.

STANDARD: Ihre Aufgabe ist aber eigentlich die Leitung der "Österreichischen Galerie", die im Belvedere untergebracht ist.

Husslein: So stimmt das nicht. Das Museum hat auch eine Verantwortung gegenüber den Gebäuden. Wir haben das Untere Belvedere vor wenigen Jahren auf die ursprüngliche Substanz rückgebaut, ergänzen es fortlaufend um Originalgegenstände. Denn wir wollen den Besuchern die beste Barockarchitektur und die barocke Lebenshaltung präsentieren. Das Barock ist die Blütezeit der österreichischen Kunst. Mithilfe des Winterpalais kann man diese Zeit noch besser darstellen. Das Gebäude wurde zu Repräsentationszwecken errichtet: um Freunde, Diplomaten, also "Publikum", zu unterhalten, um ihnen die Künste nahezubringen. Als ein solches Gebäude führen wir es weiter.

STANDARD: Es wurde, wie das Liechtenstein Museum, restauriert - und nicht, wie die Albertina, renoviert?

Husslein: Ja, man ging extrem sorgfältig vor. Die Arbeiten unter der Obhut des Bundesdenkmalamts dauerten fünf Jahre. Das wirklich Wunderbare ist, dass die maria-theresianische Originalsubstanz erhalten geblieben ist.

STANDARD: Aber originale Einrichtungsgegenstände?

Husslein: Die fehlen leider. Nach dem Tod von Prinz Eugen 1736 verkaufte dessen Nichte, Victoria von Savoyen, alles, was beweglich war. Vieles erwarb ihr Onkel, der König von Sardinien und Sizilien. Diese Objekte befinden sich heute in Turin in der Galleria Sabauda. Uns ist es zumindest gelungen, den riesigen Gobelin, der in der Vorkammer - später das Arbeitszimmer des Finanzministers - hing, als Leihgabe für die Eröffnungsausstellung zu erhalten. Wir bekommen auch ein paar Originalmöbel. Zu sehen ist eine Hommage an den Prinzen, der am 18. Oktober 1663, vor exakt 350 Jahren, in Paris geboren wurde.

STANDARD: Wurde das Goldzimmer beim Umbau nicht zerstört?

Husslein: Sie übertreiben! Ja, es gab ein riesiges Goldzimmer, das über acht Fenster ging. Der Raum wurde geteilt, man zog neue Decken ein - daher blieb das Fresko erhalten. Bei den Restaurierungsarbeiten haben wir festgestellt, dass es in einem fantastischen Zustand ist. Wir überlegen nun, wie wir damit umgehen sollen. Die eine Hälfte des Goldzimmers kam übrigens ins Untere Belvedere.

STANDARD: Das dortige Goldkabinett ist prachtvoll. Warum soll ich mir das Stadtpalais dann überhaupt anschauen?

Husslein: Sie sehen Barock vom Feinsten. Das Frühstückszimmer mit dem direkten Blick in die Hauskapelle ist derart üppig, dass sich selbst Maria Theresia scheute, es auszubauen.

STANDARD: Man sah auch im Liechtenstein-Museum "Barock vom Feinsten". Aber die Besucher blieben aus. Nun ist es geschlossen.

Husslein: Das Palais Liechtenstein liegt abseits im 9. Bezirk.

STANDARD: Das Belvedere liegt auch nicht näher zum Zentrum.

Husslein: Und auch in unser al- tes Barockmuseum ist kaum ein Mensch gegangen. Aber das Winterpalais liegt neben der Kärntner Straße. Millionen Menschen rennen vorbei. Ich bin mir sicher: Mit den richtigen Ausstellungen und Strategien wird es gelingen, genügend Publikum zu generieren.

STANDARD: Sie machen sich also selbst Konkurrenz?

Husslein: Überhaupt nicht. Ins Belvedere kommt man u. a. wegen des Bellotto-Blicks auf Wien und der weltgrößten Klimt-Sammlung. Mit dem Winterpalais wollen wir auch jene ansprechen, die an barocken Baudenkmälern interessiert sind. Wir werden zudem ein Kombiticket für alle Gebäude anbieten.

STANDARD: Ist Prinz Eugen überhaupt vermarktbar - so wie Maria Theresia oder Mozart?

Husslein: Er war immerhin einer der wichtigsten Kriegsherren des 18. Jahrhunderts! Ohne Prinz Eugen würde Europa anders ausschauen. Aber es stimmt: Es wird unsere Aufgabe sein, dem jungen Publikum dessen Bedeutung in der Geschichte zu erklären.

STANDARD: Sie bekommen für die Bespielung zusätzliches Geld?

Husslein: Es gibt ein schriftliches Agreement zwischen Finanzministerin Maria Fekter und Kulturministerin Claudia Schmied, dass wir 2,5 Millionen Euro pro Jahr bekommen. Ich hoffe, die nächste Regierung hält sich daran.

STANDARD: Sie haben vorhin Klimt erwähnt. Gustav Ucicky gab dem Museum dessen Werk "Die Braut" als Leihgabe. Das Bild befindet sich nun in einer Privatstiftung, die bekanntgab, mit ihren Klimts Erlöse erzielen zu wollen. Werden Sie Leihgebühr zahlen?

Husslein: Entschuldigung? Dafür, dass das Bild seit 53 Jahren im Belvedere der Öffentlichkeit zugänglich ist? Nein, sicher nicht. 1903 wurde im Unteren Belvedere die Moderne Galerie gegründet - von Klimt und den Secessionisten. Es sollte deren Museum sein. Daher haben wir diese außerordentliche Klimt-Sammlung. Daher haben auch die Bloch-Bauers, Gustav Ucicky und andere zahlreiche Klimt-Bilder dem Belvedere geschenkt oder geliehen. Und deshalb verstehe ich die Witwe Ucicky nicht, dass sie nun ihre Klimt-Werke in eine höchst sonderbare Privatstiftung eingebracht hat. Ich glaube, dass sie schlecht beraten wurde. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 12./13.10.2013)

Agnes Husslein-Arco (59) arbeitete für Sotheby's, leitete das Rupertinum bzw. das Museum der Moderne in Salzburg und ist seit 2007 Direktorin der Österreichischen Galerie Belvedere.

  • Ist ab 18. Oktober öffentlich zugänglich: das aufwändig restaurierte Winterpalais des Prinzen Eugen in der Himmelpfortgasse in Wien.
    foto: oskar schmidt, © belvedere, wien

    Ist ab 18. Oktober öffentlich zugänglich: das aufwändig restaurierte Winterpalais des Prinzen Eugen in der Himmelpfortgasse in Wien.

  • Schwärmt für die Barockzeit: Agnes Husslein. 
    foto: apa/georg hochmuth

    Schwärmt für die Barockzeit: Agnes Husslein. 

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