Ein Manning für alle Fälle

Blog11. Oktober 2013, 14:08
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Ein Name steht am Anfang und am Ende der NFL: Manning. Über Himmelsrichtungen, Überraschungen und Enttäuschungen des ersten Viertels der Regular Season

Ironie des Schicksals. Peyton Manning, Quarterback der Denver Broncos, hat nach fünf Spielen zu 20 Touchdowns geworfen. So oft wie kein anderer Spielmacher je zuvor in der Zeit. Quarterback Rating: 136.4. Sein Bruder Eli steht ebenfalls an der Spitze einer Statistik: Er warf im selben Zeitraum zwölf Interceptions. Quarterback Rating: 65.8. Und so wie es den Brüdern jeweils geht, so geht es auch ihren Teams. Während Denver an der Spitze diverser Power Rankings und auch der Tabelle zu finden ist, kämpfen die New York Giants mit Jacksonville, Tampa und Pittsburgh (!) um die rote Laterne. Aussichten auf eine Playoff-Teilnahme: Negativ. Für alle vier.

Auf Grund jüngster Erkenntnisse gibt es diese Endzone auch als Vlog hier!

Bezeichnend für die Situation der beiden Mannschaften war ihr jeweils letzte Partie. Die Dallas Cowboys machten vergangenen Sonntag ihr offensiv bestes Spiel seit gefühlten 15 Jahren. Quarterback Tony Romo stellte einen Karriere- und einen Franchise Record auf, warf für 506 Yards, besorgte Terrance Williams, Dez Bryant und Jason Witten jeweils ein 100+ Receiving Yards Game mit Touchdown-Topping und trotzdem war das noch zu wenig. Die Schuld aus Sicht vieler Fans trägt natürlich wieder Romo, der just im falschen Moment seine einzige Interception im Spiel warf. Die Defense der Cowboys kann sich abputzen. Sie haben die erste und bisher auch einzige Interception gegen Manning gemacht und dazu noch Eric Decker beim Fumblen erwischt. Dass sie 517 Offense Yards und sechs Touchdowns zugelassen haben – Schwamm drüber? Aber sicher nicht! Wer einen Rushing Touchdown von Manning kassiert (den ersten seit fünf Jahren) der sollte den Finger schön in seiner Hosentasche lassen. „Where is Waldo?" für leichtgläubige Texaner. Unfassbar!

Die Giants hatten es mit den nicht gerade glänzenden Philadelphia Eagles aus ihrer „NFC Least" zu tun. Kurz vor Halbzeit fiel bei Philly Spielmacher Michael Vick aus – die Chance für New York, den ersten Saisonsieg einzufahren. Und sie kamen auch im dritten Viertel, holten sich mit zwei Touchdowns die Führung und brachten das Spiel vermeintlich zum Kippen. Doch dann kam Eagles Backup Quarterback Nick Foles und schredderte die Defensive der Giants. Was für eine Schande auf an sich schon niedrigstem Niveau. Wobei die Wochen davor für sie noch viel schlimmer waren. Das 7:31 gegen Kansas City kann man noch als Niederlage gegen ein „Team On The Rise" einordnen, doch wer gegen die weitgehend talentbefreiten Carolina Panthers ein 0:38 kassiert, dem ist dann ganz sicher nicht mehr zu helfen. Tom Coughlin ist angezählt, über Manning steht ein Fragezeichen, die Giants sind vorerst mal völlig weg vom Fenster. Vorerst heisst: diese Saison. Neuerfindung unumgänglich.

Man bucts nicht

Die gesamte NFC East hat übrigens so viele Siege am Konto wie die Denver Broncos. Wobei die Herren aus den Rockies in der eigenen AFC West mit den Chiefs ebenfalls ein 5-0 Team haben. Das wird daher ein knackiger Spätherbst, sollten Andy Reids neuen Chiefs halten was sie versprechen, was ich ehrlicherweise nicht glaube. Die purzeln wohl noch nach unten. Das dritte ungeschlagene Programm, die New Orleans Saints, haben den Kopfgeldaffären-Sitzenbleiber Sean Payton als Head Coach zurück und schauen auf einmal wieder so aus, als hätten sie ein gehöriges Wort mitzureden. Noch dazu ist ihre Division, die NFC South, ebenfalls gar grauslich. Carolina mit einem Sieg (eben gegen die Giants), das hoch und damit gleichzeitig auch falsch eingeschätzte Team aus Atlanta mit Niederlagen gegen die Saints, Dolphins, Patriots und Jets (!) und das vierte Team in der Liga - ohne Namen, ohne Sieg, aber dafür mit braunen Papiersackerln übern Kopf. Wann bekommt man dort wieder mal was gebuccen? Die Wiese im Süden ist daher für New Orleans schon kurz gemäht. Bleibt Brees gesund, geht es in die Playoffs. Apropos gesund: Bei den Falcons fällt Julio Jones für längere Zeit aus. Wobei es auch mit ihm nicht so recht laufen wollte. Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Pech daher. Die haben ihr Glück schon 2012 verbraucht.

Pech, das hatten die Miami Dolphins gegen die Baltimore Ravens. Und zwar mit der auf dem Rabenauge blinden Referee-Crew, die etwas sah, was gar nie da war. Miami lag vorne, die Offense Baltimores lungerte in der Sonne Floridas herum, da fiel den Schiedsrichtern ein, sie könnten zwei Pass Interference-Strafen für satte 55 Yards in den heißen Topf schmeissen, damit sich was tut. Tat sich dann auch. Baltimore hätte das Spiel ohne diese Crap Calls verloren. Period. Das ist Pech. Generell ist die Auslegung von PI-Penalties offenbar zur völligen Gustosache verkommen. Manche Crews haben es gerne härter, bei anderen sitzen die Flags lockerer. Man sollte das reviewen bzw. auch challengen dürfen, die Zebras würden sehr viel dabei lernen.

Auffälliges aus dem Osten

Die New England Patriots haben quasi keine Offense mehr, aber trotzdem vier Siege am Konto. Gäbe es die orangen Knüppel aus Cincinnati nicht, dann wäre ihre Weste gar noch weiß. Mit Wes Welker (nun groß in Denver) wurde man sich nicht handelseinig, sein Ersatz Danny Amendola kränkelt, Runningback Shane Vereen ist raus, die Tight Ends sind entweder im Lazarett (Rob Gronkowski) oder stehen unter Mordverdacht (Aaron Hernandez). Trotzdem rennt das Werkel. Das ist schon faszinierend und auch Patriots-Hater, die ja Legion sind, müssen sich eingestehen: Die sind leider immer noch gut. Nun werden Amendola und Gronk wieder zurück kehren und dann wird die AFC East ganz schnell wieder ganz unspannend. Wobei die Jets mit Geno Smith als Starter (Just so you know: Mark Sanchez befindet sich auf den Pfaden Tim Tebows) und vor allem die Dolphins, Ansätze zeigen, doch Widerstand leisten zu wollen. Die Bills, jetzt ohne EJ Manuel und mit einem gewissen Herrn Tuel Under Center, werden den Aufstand wohl weiter nur proben können.

Allfälliges aus dem Westen

Die stärkste Division der NFC ist derzeit die West. Seattle startete, abzüglich des kleinen Indy-Hängers zuletzt, formidabel in die Saison. San Francisco verfährt sich gerne in seinen eigenen Straßen, findet aber trotzdem öfter ans Ziel. Arizona hat drei Siege am Konto, was gar niemand so richtig bemerkt hat und selbst St. Louis hat in der Division mit Arizona und mit Jacksonville zwei willige Opfer gefunden. Wenn man denkt, wie das 2010 dort noch aussah, als man ganze sieben Saisonsiege (Seattle) gegen eine Bye Week in den Wild Cards eintauschen konnte. Das ist lange vorbei. Vor allem die 49ers und die Seahawks haben den Karren aus dem Dreck gezogen, namentlich: Jim Harbaugh und Pete Carroll.

Üben im Süden

Die AFC South stellt sich nach Woche 5 nicht ganz wie geplant dar. Die Colts hätte man schon eher vorne gehabt, dafür aber auch Houston. Nur die Texans haben (oder hatten?) Matt Schaub als Quarterback und der warf erschreckend regelmäßig zu Touchdowns. Einziger Schönheitsfehler und daher auch zum Schrecken: die vorzüglich zum Gegner. Als Pick 6-Spezialist bereits mit eigenen Burgern im Süden des Bundesstaates geehrt, hat er gute Chancen das nächste Opfer eines texanischen Volksports zu werden: Quarterbacks aus der Stadt treiben. Wobei es in der Gegend momentan eh nur ein Thema gibt und das ist Texas A&M, Johnny Football und ob er der beste Spieler seither es Football gibt, oder doch nur der Beste der letzten 100 Jahre ist. Richtig spannende Fragen also. Die NFL ist sowieso nur dieser Profi-Quatsch der Yankees. Die echten Profis sind am College und dafür werden sie dann auch bestraft, wie der eifrige Autogrammkartenschreiber Manziel, der gleich eine ganze Halbzeit (!) nicht mehr der Johnny vom Football sein durfte. Die NCAA ist ein seltsamer Verein. So oder so. Aber vielleicht sind die Fans dem Schaub eines Tages noch dankbar und er übt heimlich nur für den nächsten April, wenn es dann vielleicht tatsächlich heisst: And with the 7th Pick, the Houston Texans select... Und Schaub ist Staub von gestern, wird aber stets ein Herz auf Omas Polster in der Sitzecke haben.

Pittsburghfreier Norden

Die beiden North-Divisions sind beinahe Parallelwelten. 3-2, 3-2, 3-2, 0-4 die AFC und 3-2, 3-2, 2-2, 1-3 die NFC. Schuld daran hat Pittsburgh, die nichtmal mehr Minnesota schrecken können. Das Spiel in London, so sagen alle, wäre trotzdem „sehr lustig" gewesen. „Wenn Ben Roethlisberger zum Scramblen beginnt, dann wirkt es so, als würde eine Telefonzelle versuchen zu laufen.", so ein mir sehr lieber Augenzeuge des Geschehens. Adrian Peterson gegen eine Telefonzelle – das geht nicht gut aus für die Zelle. Pittsburgh steht dort, wo die Giants stehen: am Ende einer langen Reise. Da geht nichts mehr weiter auf der Straße. Ansonsten ist die NFC North mit drei Teams gleichauf sehr aufregend. Cleveland hat zuletzt den 1st Round Pick Trent Richardson (im Tausch für einen 1st Round Pick!) an Indianapolis abgegeben, was für nicht wenige so aussah, als wäre die Saison für sie beendet. Danach zauberten sie aber Brian Hoyer, Josh Gordon und Jordan Cameron unter der Leitung des gewitzten Rob Chudzinski zu drei Siegen über Minnesota, Cincinnati und Buffalo. Das Problem ist nun Hoyer, der sich gegen Buffalo verletzt hat. Das Vertrauen in Brandon Weeden als Spielmacher ist empirisch belegt enden wollend. Trotzdem: Sehr schön fürs Erste. Dass man das über die Browns schreiben darf! Cincinnati hat Ups and Downs. Das Mega-Up lieferte ihre Defense zuletzt gegen New England, die die Serie des Tom Brady beendete, der zum ersten Mal nach 52 Spielen zu keinem Touchdown warf. Damit bleibt Brees in der Kategorie Rekordhalter (54). Zwar steht die Offensive der Bengals auch mit einem Bein am Abgrund, aber die brauchte es in dem Fall gar nicht mehr. Ähnliches gilt für Baltimore, die sich wie erwähnt bei den Refs aus Miami bedanken können und sich schon auch fragen müssen, wie Buffalo zu einem Superbowlsieger-Besieger werden konnte. Abgerechnet wird bekanntlich am Ende, nach fünf Runden ist noch nichts verloren, aber auch nicht gewonnen. Besagte Ausnahmen werden die Regel bestätigen.

In der NFC North sieht Minnesota ganz danach aus, als könnten sie das Tempo dort nicht halten. Nun hat man mit Josh Freeman einen neuen Quarterback geholt, obwohl Matt Cassel in London so schlecht nicht spielte. Eigentlich sah das sogar vielversprechend aus. Zumindest deutlich besser als der nun doch eher nicht mehr Franchise QB Christian Ponder. Ob Freeman, der in Tampa am Abstellgleis landete, die Lösung ist, das darf man doch bezweifeln. Der Mann kann nicht viel, was man dort bisher nicht konnte. Es wird so oder so auf ein Auspressen der Peterson-Zitrone hinaus laufen, weil wer soll in Minnesota Bälle fangen? Jerome Simpson? Nö. Greg Jennings (zwei TDs im Wembley) wäre der Name, nur dem fehlt Aaron Rodgers.

Der verteilt die Bälle immer noch bei Green Bay. Die Packers haben auch schon bessere Tage gesehen. Der Sieg über Detroit nach der frühen Bye Week sollte aber Auftrieb geben. Davor konnte man ja nur die latent kniegefährdeten Redskins schlagen. Darf man im Standard eigentlich noch Redskins schreiben? Ich werde es merken...

Alles in allem ist die Saison im zweiten Viertel der Regular Season nun schön in Schwung gekommen, erste Enttäuschungen wie Überraschungen kristallisieren sich heraus, geben Anlass zur Freude und bei manchen auch zur Trauer.

NFL im Web und im TV

Eine neue Webseite aus Österreich zur Liga gibt es, also eigentlich wurde sie schon zum Saisonfinale 2012 gelauncht, aber jetzt ist sie so „richtig" online gegangen: NFL-CRUSH. Schauen Sie hin. Das Ding ist recht fett geworden mit Berichten zu allen Spielen, Power Ranking, eigenen Videosendungen und sehr feinen Gastbeiträgen.

Im heimischen TV ist die NFL trotz des Dahinscheidens von ESPN America nach wie vor gut vertreten. SPORT 1 US zeigt zwar (logisch) die nun schmerzlich vermissten Sendungen von ESPN nicht (Wo ist mein Sunday Night Countdown!?), dafür aber sehr fleissig Live-Spiele, wenn auch mit kleineren technischen Problemen. Alles in allem ist die Rettung aber sicher geglückt, auch College Football Fans werden ganz ordentlich bedient.

PULS 4 hat den Vertrag mit der NFL, nach einem sehr erfreulichen Jahr 2012, um zwei weitere Saisonen verlängert. Jede Woche gibt es ein/das 22:25 Uhr Spiel live (Neu: auch im Webstream), wobei die Beginnzeiten (je nach Länge des Spielfilms davor) variieren. Eingestiegen wird aber direkt, zwischen 22:15 Uhr und 22:45 Uhr, heisst auch: es gibt keine As Live Spiele mehr. Kommentiert wird von Michael Eschlböck, Pasha Asiladab und mir. Am kommenden Sonntag ab 22:45 Uhr zu sehen: New England Patriots vs. New Orleans Saints. Das hört sich nach einem großen Spaß an. Eventuell ist auch die Patriots Offense dann auch schon besser bestückt. (Walter Reiterer, derStandard.at, 11.10.2013)

Spielplan und Ergebnisse
Tabellen

  • NFL-crush.com
  • Höchststrafe für die Dallas Cowboys Defense. Pocket King Peyton Manning bewegte sich und fand nach fünf Jahren wieder einmal zu Fuß in eine Endzone.
    foto: ian halperin/ denver broncos

    Höchststrafe für die Dallas Cowboys Defense. Pocket King Peyton Manning bewegte sich und fand nach fünf Jahren wieder einmal zu Fuß in eine Endzone.

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