Zeitarbeit: "Moderne Sklaven", "überlassene Arbeitskräfte"

11. Oktober 2013, 17:00
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Bei der Zeitarbeit hakt es schon bei den Begriffen: Sind die Beschäftigten nun "Leiharbeiter" oder "überlassene Spezialisten"?

Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, brachte zur traditionellen Jahrestagung des Forum Personal des Österreichischen Produktivitäts- und Wirtschaftlichkeitszentrums (ÖPWZ) Zahlen einer repräsentativen Umfrage unter Leiharbeitern mit. Rund 70 Prozent würden dieser Art von Beschäftigung kritisch gegenüberstehen, ebenso viele glaubten nicht an eine Übernahme durch jenen Betrieb, in dem sie eingesetzt seien, sagte Chalupka Donnerstagnachmittag beim Forum Personal. Das Jahresmeeting der heimischen Personalmanager widmete sich diesmal dem Thema "Rent or Hire in den Humanressourcen".

Etwa 45 Prozent der Zeitarbeiter hätten angegeben, den Job zu machen, weil sie sonst keine andere Beschäftigung fänden. Und das überwiegende Selbstbild laute "moderne Sklaven". Mit dem Wissen, dass Anerkennung, Kollegialität, Selbstverwirklichung für die Arbeitszufriedenheit wesentlich seien, ist das für Chalupka kein besonders gutes Bild. Die Frage laute: "Wer trägt das Risiko für Spitzen- und Stehzeiten? Arbeitnehmer oder Arbeitgeber?"

75.000 Arbeitskräfte

Die Differenzen zum gesellschaftspolitisch heiklen Thema - in Österreich sind derzeit rund 75.000 Arbeitskräfte im Bereich Zeitarbeit tätig - beginnen freilich schon viel früher. Erich Pichorner, Geschäftsführer der Personalbereitstellungsfirma ManpowerGroup, hält schon den Begriff "Leiharbeiter" für "verblödet". Er kenne niemanden, der sich selbst als Leiharbeiter verstehe.

In Wahrheit würden auch viele hochspezialisierte Arbeitskräfte auf diesem Weg anderen Firmen "überlassen". Seine Branche kämpfe bis heute mit diesem vor 20 Jahren entstandenen schlechten Bild.

In der Semantik sieht auch Universitätsprofessor Wolfgang Mazal vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht an der Uni Wien ein Problem. Begriffe wie "Leih- oder Leasingarbeit", die an Sachen und Dinge erinnerten, würden "nicht zufällig" verwendet.

Der richtige Begriff "überlassene Arbeitskräfte", wäre der "Beginn einer Kultur des Respekts." Manpower-Chef Pichorner jedenfalls warnt eindringlich vor einer Einschränkung der Arbeitskräfteüberlassung. Wo dies versucht worden wäre, Pichorner nennt Dänemark als Beispiel, sei ein "informeller Arbeitsmarkt" entstanden. Im Klartext: Es gibt mehr Pfusch.

Arbeitslose Reservearmee

Pichorner sieht in der Arbeitskräfteüberlassung jedenfalls eine Chance für viele Arbeitnehmer: "Wir geben ihnen Arbeit, viele kommen aus der Arbeitslosigkeit", sagt Pichorner.

Da muss René Schindler, Bundessekretär der Produktionsgewerkschaft Pro-Ge, deutlich widersprechen. Die Leute kämen aus der Arbeitslosigkeit, weil sie von den Leiharbeitsfirmen vorher in diese geschickt worden seien. Über Weihnachten 2012 etwa wurden 2500 in die Arbeitslose geschickt. Für Schindler ein klassischer Fall einer "industriellen Reservearmee".

Sozialrechtler Mazal kann dem auch nicht widersprechen. Allerdings: Diese "systemische Verlagerung" gebe es auch in anderen Branchen wie etwa in der Bauwirtschaft oder im Fremdenverkehr (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 12./13.10.2013)

  • Arbeitskräfteüberlasser Erich Pichoner, Diakonie-Chef Michael Chalupka, Gewerkschafter René Schindler und Rechtsexperte Wolfgang Mazal (v. li.) diskutierten in Salzburg über "alternative Beschäftigungsformen". STANDARD-Ressortleiterin Karin Bauer moderierte.
    foto: hannes huber

    Arbeitskräfteüberlasser Erich Pichoner, Diakonie-Chef Michael Chalupka, Gewerkschafter René Schindler und Rechtsexperte Wolfgang Mazal (v. li.) diskutierten in Salzburg über "alternative Beschäftigungsformen". STANDARD-Ressortleiterin Karin Bauer moderierte.

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