Freelancer werden IT-Branche zum Verhängnis

11. Oktober 2013, 13:38
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Einzelkämpfer oder Angestellte, Freiheit oder Zwang: IT-Jobs werden für viele zum Balanceakt. Die Branche fühlt sich von Behörden bedroht. Geld und Gesetz stehen auf dem Spiel.

Robert Bodenstein ist auf die Wiener Gebietskrankenkasse nicht gut zu sprechen: Sie saniere sich auf Kosten der Selbstständigen. Was in seiner Branche derzeit abgehe, nähre bei ihm den Verdacht auf eine reine Geldbeschaffungsaktion, poltert er.

Bodenstein vertritt Österreichs IT-Dienstleister und Unternehmensberater, von den Ersteren zählt der Obmann der Fachgruppe Ubit Wien an die 24.000 Aktive. Mehr als 60 Prozent unter ihnen seien Ein-Personen-Unternehmen.

Fast alle unten ihnen zögen die Selbstständigkeit fixen Angestelltenverhältnissen vor, ist er überzeugt - da es ihrer Lebensplanung entspreche und vielen ihr spezielles Know-how Arbeit bei zumeist drei bis zehn Auftraggebern ermögliche.

Nun gehe die Wiener Gebietskrankenkasse aber gegen die Branche aus seiner Sicht besonders rigide vor. Man dränge die Leute gegen ihren Willen in Anstellungen und fordere von ihren Auftraggebern rückwirkend enorme Beitragszahlungen.

Keine Einzelinteressen

Die Folge sei, sagt Bodenstein, dass große IT-Unternehmen kaum wagten, freie Dienstleister für Projekte zu engagieren. Der Markt werde sich damit über kurz oder lang auf ein paar wenige Anbieter konzentrieren. "Hier wird eine kleinstrukturierte Branche mit hoher Flexibilität mutwillig zerstört."

Johann Mersits, Direktor der Wiener Gebietskrankenkasse, schüttelt darüber nur den Kopf. Von Geldbeschaffung und Fokus auf die IT-Dienstleister sei keine Rede. "Wir prüfen auf Basis der bestehenden Rechtslage." Es gehe nicht um Einzelinteressen, sondern faire Rahmenbedingungen für alle.

Seine Behörde habe kein Problem mit echter Selbstständigkeit. Seien Freie jedoch wie fixe Dienstnehmer in Arbeitsabläufe eingebunden, gehöre das korrigiert. Vor allem auch im Sinne der anderen Marktteilnehmer.

Manch Softwarehaus wickelt bis zu 70 Prozent seiner Aufträge über Freelancer ab. "Viele fürchten, dass ihnen das um die Ohren fliegt, es geht um viel Geld", erzählt ein Betroffener. Wären die Behörden schon vor fünf Jahren zur Zeit seiner Firmengründung so vorgegangen, hätte er wohl gleich wieder zusperren können.

Johann Schmit, Chef der Softwareschmiede Anecon, setzt mit 110 Mitarbeitern rund zehn Millionen Euro um, für zehn bis 20 Prozent des Geschäfts sorgen Externe. Er würde gern mehr anstellen, allein er finde keine Spezialisten auf dem Markt, die fixe Jobs wollten, sagt Schmit. Auch er hat Prüfungen der Gebietskrankenkasse hinter sich, die ihm hohe Nachzahlungen bescherten und "die Augen öffneten": Was über Jahre gelebte und bewährte Praxis war, vor allem um Auftragsspitzen abzudecken, falle der Branche nun auf den Kopf.

"Die Rechtslage darüber, wer selbstständig ist und wer nicht, ist völlig klar", hält Alice Kundtner, Leiterin der Abteilung Soziales in der Arbeiterkammer, entgegen. Eine Grauzone sei jedoch die Freiwilligkeit. Viele Aufträge seien nur noch im Rahmen von Werkverträgen zu bekommen. Wie viele der Ein-Personen-Betriebe also tatsächlich auf eigenen Wunsch hin gegründet wurden und nicht, weil anders schlicht keine Einnahmen mehr zu erzielen sind, das lasse sich nicht trennen.

Die Aufregung der IT-Unternehmer hält sie für nicht nachvollziehbar. "Ideeneinbindung gibt es in vielen Branchen; die Frage ist auch nicht, ob jemand über EDV oder Papier in Betriebe eingebunden ist." Es gehe um die Form der Beschäftigung an sich, vor allem auch um die Zahl der Auftraggeber.

Für Bodenstein bleibt das Vorgehen der Behörde realitätsfern: IT-Spezialisten benötigten keine eigene Büroinfrastruktur und Server. Meist reiche ein Laptop. Die Interpretation von Werkverträgen hingegen stamme aus dem 19. Jahrhundert.

Sie wissen, was sie tun

Dass es unter ihren Auftraggebern schwarze Schafe gebe, schließt er nicht aus. Doch mehr als die Hälfte der IT-Kräfte seien Akademiker - zudem gehörten Gewerbescheine aktiv gelöst. "Die Leute wissen ja, was sie tun, dennoch wird ihnen jede Urteilskraft abgesprochen." Schmit regt eine Art Stempel an, der echte Selbstständige als solche ausschildert. "Ich will wissen, mit wem ich arbeiten darf und mit wem nicht."

Entsprechende Zertifikate gibt es bereits, und zwar in Form eines von der Krankenkasse ausgestellten Bescheides, erklärt Kundtner. "Ich verstehe nicht, warum derzeit nur so wenige davon Gebrauch machen."

Eine andere Lösung wäre, schlägt Schmit vor, die Gehälter als Maßstab bei der Überprüfung der Krankenkasse zu nehmen. Dass Ausbeutung verhindert werden müsse, sei klar. Gerade die IT-Branche zahle aber deutlich über dem Kollektivvertrag. Lange seien Stundensätze von 120 bis 190 Euro üblich gewesen - was in den vergangenen Jahren für viele Spezialisten ein Grund war, es trotz des höheren Risikos als Einzelkämpfer zu versuchen. Er fürchte sich nicht vor Veränderungen, sagt Schmit. Doch die aktuelle Situation sei untragbar.

Entscheidend sei, Verträge von Anfang an auf rechtlich sichere Beine zu stellen, damit Arbeitgeber wie -nehmer nicht erst nach Jahren die Rechnung präsentiert bekämen, sagt Kundtner. Derzeit werde sehr gern von Entfesselung und mehr Unternehmergeist geredet. Letztlich bezahlten dafür jedoch die Steuerzahler.

Kundtner will härtere, abschreckendere Maßnahmen gegen Lohn- und Sozialdumping: Neben Nachzahlungen gehörten dafür verantwortliche Unternehmer zu Geldstrafen verdonnert. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 11.10.2013)

  • Gemeinsam und doch einsam: Rund 80 Prozent der 45.000 IT-Dienstleister in Österreich sind Ein-Personen-Unternehmen.
    foto: dpa

    Gemeinsam und doch einsam: Rund 80 Prozent der 45.000 IT-Dienstleister in Österreich sind Ein-Personen-Unternehmen.

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