Geht es Amazon um die Vernichtung des kritischen Geistes?

12. Oktober 2013, 18:00
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Amazon unterteilt seine Kundenrezensionen in "hilfreichste positive" und "hilfreichste kritische". So wie die Rubriken benannt sind, ist das Zensur. Über eine Bedeutungsschummelei

Gerade eben. Auf der Buchmesse von Göteborg. Ich hatte kein Exemplar meines letzten Romans bei mir. Ein reizender rumänischer Autor wollte das Buch sehen. Ich nahm also mein Notebook und ging auf amazon.de und zeigte das Bild von meinem Buch her. Dann wurde Kaffee getrunken, und wir redeten über die Frage, ob in einer heutigen Ausgabe eines Romans aus dem Jahr 1975 die Spuren der Zensur von damals ausgewiesen werden sollten. Der rumänische Autor war dagegen. Ich fand das aber wichtig. Wir ließen es dabei.

Beim Zuklappen des Notebooks fiel es mir dann auf. Nach der Anzeige für den Roman Die Schmerzmacherin fanden sich die Kundenrezensionen, und die waren in zwei Rubriken geteilt. Auf der linken Seite stehen die "hilfreichsten positiven Rezensionen" und in der Rubrik rechts die "hilfreichsten kritischen Rezensionen".

Ich weiß nicht, wie es anderen Autorinnen und Autoren geht. Ich muss eine vorgefundene Rezension lesen. Also las ich die hilfreichste positive Rezension und dann die hilfreichste kritische Rezension.

Die positive Rezension argumentierte literaturkritisch die Errungenschaften dieses Romans. Die kritische Rezension war eine ziemliche Schimpferei über die Belästigung durch diesen Text. Das wäre alles mit dem gebotenen Gleichmut zu nehmen, wenn die "kritische" Rezension einfach negative Rezension genannt würde und damit in klarer Gegenüberstellung zur positiven Rezension gelesen werden könnte.

Es sind viele Gründe vorstellbar, warum die negative Rubrik "kritisch" genannt wird. Der netteste wäre natürlich die Vermeidung des gewalttätigen Aspekts einer solchen Bezeichnung. Aber. Dieser Aspekt findet sich ja in den Kundentexten selbst in so deutlicher Form, dass die Bezeichnung "kritisch" als Heuchelei schnell offenkundig wird.

Abweichung vom Standard

Vielleicht beruht diese Vermeidung der Offenheit auf einer Kultur eines Amerikanischen, das jeder sprachlichen Gewalt aus dem Weg geht. Corporate Philosophy von Amazon also. Aber diese Interpretationen sind nur Versuche, der Tatsache nicht entgegentreten zu müssen, dass diese winzige Bezeichnung durchaus vernichtende Folgen für literarische Texte überhaupt nach sich zieht.

Denn natürlich ist es sehr wohl strategisch und darin sehr wohl überlegt, warum die negative Kritik eines literarischen Texts "kritisch" genannt wird. Alles, was sich nicht dem Marktdiktat der "well written literature" des Amerikanischen unterordnet, kann so unter dem Euphemismus "Kritik" abgelehnt werden. Unter dem Begriff "Kritik" wird hier jede Abweichung vom Standard beschrieben.

Literatur wird erneut an einem Regelwerk gemessen, das sich auf diesen vagen und jederzeit veränderbaren Standard bezieht und das Literarische an der Literatur mit seltsam sadistischem Vergnügen zunichtemacht. In der "kritischen" Rubrik - jedenfalls bei allen Texten der Literatur - wissen die Kundenrezensenten fast immer, wie der Text hätte geschrieben werden sollen. Das ist immer eine Möglichkeit, hat aber mit der Ästhetik eines Texts nichts zu tun. Die Errungenschaften einer nicht normativen Ästhetik werden durch eine falsche Benutzung des Begriffs "Kritik" außer Kraft gesetzt. Das ist perfide. Kritik sollte doch genau jene Methode der Erfassung eines Werks oder eines Texts sein, die aus dem Werk heraus argumentiert und nicht als Deckbegriff für die schlechte Laune reaktionärer Lesarten herhalten muss.

Denn diese antiliterarischen Leseweisen literarischer Texte führen in einen Kosmos der Beschränkungen und Vorschriften, der die Freiheit der Literatur und damit die Literaturhaftigkeit selbst kostet. Jedenfalls so lange, als Kunden ihre negativen Rezensionen unter "kritisch" abspeichern können. Stünden dieselben Texte unter der Rubrik "negativ", ihre Wirkung wäre so emotional oder rational, wie die jeweiligen Kundentexte eben verfasst worden sind. Der Titel "kritisch" verleiht diesen Kundenrezensionen jedoch eine Aura, die sie über die persönliche Wirkung hinaushebt. Die Rubrik "hilfreichste kritische Rezensionen" stellt so ein idealtypisches Beispiel für die Wichtigkeit des Kontexts dar. So, wie sie jetzt benannt ist, bedeutet die Rubrik Zensur. Und das ausschließlich durch die Rubriküberschrift und nicht durch die Kundenrezensionen.

Diese Zensur wirkt sich nicht nur auf die Lesart des literarischen Texts aus. Die unter der Rubrik "hilfreichste positive Rezensionen" zu findenden Texte bekommen eine Färbung des hilflos Dilettantischen. Es stellt sich ja kein Gegensatzpaar her, wenn die Bezeichnungen "positiv" und "kritisch" nebeneinandergestellt werden. Selbstverständlich hat der Begriff kritisch die komplexere Bedeutung, und positiv wird mit parteiisch gleichzusetzen sein.

Das eigentliche Gegensatzpaar lautet also "parteiisch" und "unparteiisch". Oder noch besser "mit Sympathie" und "ohne Sympathie". Der komplizierte und komplexe Gegenstand Literatur als Errungenschaft einer persönlichen Erzählweise, die sich als Einzelstimme gegen den vorgeschriebenen Standard insgesamt stemmt. Dieser Gegenstand wird zwischen diesen nicht vergleichbaren Begriffen zermalmt.

Das Buch aus der Hand legen

Jeder und jede, die mit der positiven Rezension übereinstimmt, muss eine kleine Abwertung über sich ergehen lassen. Seine oder ihre Meinung ist nicht "kritisch", also unparteiisch fragend und argumentierend, um eine Ästhetik und deren Politik aufzuspüren. Die positiven Leser und Leserinnen, die lesen nur, während die "kritischen" dabei auch noch gedacht haben. Alles ist genau umgekehrt und auf den Kopf gestellt, und eine kleine Bedeutungsschummelei reicht dazu aus.

Und weil man oder frau gar nicht genug in Verschwörungstheorien schwelgen kann, behaupte ich, dass diese winzige Einzelheit an der Literaturhaftigkeit von vorhandenen und vor allem an noch zu schreibenden Texten ihre Wirkung tut. Und tun wird. Literatur soll sich in die Unterhaltung einreihen. Es soll nämlich verkauft werden.

Der Diskussion über die Kenntlichmachung von Zensur in Göteborg folgend, finde ich, dass die Absicht einer Kundenrezension auf Amazon der Wahrheit entsprechend gekennzeichnet werden muss. Also: die hilfreichsten positiven Rezensionen. Die hilfreichsten negativen Rezensionen. Und Kritik überlassen wir dann den Lesern und Leserinnen der Rezensionen insgesamt.

Ich habe die negativen Rezensionen zu meinem Roman dann genau gelesen und immer nur heraushören können, dass die Leser und Leserinnen sich von meinen Texten bedrängt fühlten. Das ist eine Wirkung von Literatur und beabsichtigt, aber wenn jemand das nicht will, dann bitte das Buch aus der Hand legen. Davon können und wollen wir lesen. Aber eben als Erfahrungsberichte und nicht unter der Überschrift "Kritik". Und.

Ach ja. Wenn schon Forderungen an Amazon, dann bitte: Könnte ich als Autorin da auftreten? Die kleine Änderung in der Software wird sich doch machen lassen, und ich muss mich nicht als Autor Marlene Streeruwitz vorfinden.

Sonst wünsche ich noch eine erfolgreiche restliche Buchmesse in Frankfurt, bei der die Literatur nicht vollends der Unterhaltung geopfert wird. "Kritik", die nichts anderes als Befindlichkeitsbeschreibung ist und irgendwelche Gestimmtheiten in die Welt schleudert.

Solche Vorgänge nennen wir weiterhin nicht Kritik, sondern Launen. Und davon hat es schon genug gegeben. Kann über Literatur wieder als sekundär modellbildendes System gesprochen und damit ihrer Komplexität wenigstens zur Sichtbarkeit verholfen werden, wenn schon nicht zur Anerkennung. (Marlene Streeruwitz, Album, DER STANDARD, 12./13.10.2013)

  • Artikelbild
    foto: reuters/rick wilking
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