"Es geht um Interdisziplinarität"

13. Oktober 2013, 17:00
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Verstaubte Berufsbilder und noch immer zu wenige Frauen: Zum Auftakt der FH-next-Karrieremesse für IT und Medien wurde am Campus Hagenberg über Jobchancen und Herausforderungen in der IT gesprochen

Der Kampf um IT-Fachkräfte wird härter. Zwar könne derzeit, laut Zahlen des Institutes für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), die Nachfrage am Arbeitsmarkt gedeckt werden, wegen der demografischen Entwicklung aber nur bis 2025. Und dann auch nur, wenn entsprechende Absolventen auch in der Branche Fuß fassen wollen. Derzeit kommen laut ibw pro Jahr knapp 10.000 IT-Absolventen auf den österreichischen Arbeitsmarkt. Um einem dramatischen Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müssen nicht nur möglichst viele Junge bewegt werden, Ausbildungen in diese Richtung anzustreben, sondern zudem erfahrene Fachkräfte so lange wie möglich im Arbeitsprozess gehalten und auch die große und noch lange nicht ausgeschöpfte Gruppe der Frauen für Jobs in der IT begeistert werden. Argumente für einen Job in der IT sind etwa die Gehälter - auch für Einsteiger: Laut Deloitte können IT-Uni/FH-Absolventen mit Vorpraxis mit Einstiegsgehältern zwischen 30.000 und 40.000 Euro rechnen. Nicht nur in diesem Bereich erweist sich die IT als Jobfeld attraktiver, als viele annehmen.

Diese Woche Mittwoch fand zum Auftakt der FH>>next Karrieremesse für IT und Medien der FH Oberösterreich auf dem Campus Hagenberg ein Podiumsgespräch zum Thema "Karriere in der IT" statt - Chancen und Herausforderungen wurden aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet - aus Gründersicht, aus der Sicht eines weltweit agierenden Konzerns wie aus der Sicht der Academia.

Veraltete Berufsbilder

Es diskutierten Kathrin Eder, Head of Usability Interaction Design Web bei runtastic, Stephan Danner, Produktionsmanager beim Automationsexperten für Banken, Industrie, Dienstleistung und Energie Keba, Josef Leitner, Personalchef bei der voestalpine group-IT, Ingrid Schaumüller-Bichl, Lehrende des Studiengangs Sichere Informationssysteme, sowie Josef Altmann, Studiengangsleiter Kommunikation, Wissen, Medien an der FH Hagenberg, und Vorstandsmitglied des akostart-Netzwerkes für akademische Start-ups und Spin-offs.

Die Möglichkeiten, "Karriere in der IT" zu machen, seien vielfältig, so der generelle Tenor der Diskutanten, vielfältiger als von vielen gedacht. Geistern doch nach wie vor Bilder von "im Keller sitzenden Computer- Nerds" in vielen Köpfen herum - und zwar auch in jenen der Jungen. Josef Altmann sieht an diesem Punkt Industrie und Wirtschaft gleichermaßen gefordert, Jobprofile attraktiver darzustellen, die Berufsbilder in der IT wandeln sich laufend. So auch die Lehrinhalte, verglichen zu anderen Studien. Dazu Schaumüller-Bichl: "Was Sie heute lehren, kann in zwei oder drei Jahren schon veraltet sein." Mit einer starken Involvierung in anwendungsorientierte Forschungsprojekte, gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Wirtschaft, sowie der Arbeit und dem Engagement in fachspezifischen Netzwerken versuche man dem entgegenzuwirken. Rund die Hälfte der Lehrenden an der FH seien hauptberuflich Lehrende, die andere Hälfte tut dies nebenberuflich. Auch so versuche man den Anschluss an technologische Entwicklungen nicht zu verlieren, an Lehrinhalten werde laufend gearbeitet - und im Job werde weiter gelernt, so der Tenor - und zwar auf ganz unterschiedliche Weise.

Generalistentum

Stephan Danner, der sich bei Keba als Produkt-Manager für eine Linien- und nicht für eine Fachkarriere entschieden hat, schildert, dass er lernen musste, nicht bei allem in die tiefsten Fachspezifika einzutauchen, einen Schritt zurück zu machen und zu versuchen, das Ganze zu sehen. Das Generalistentum sage ihm mehr zu, er sehe darin viele - auch persönliche - Entwicklungsmöglichkeiten, sagt er. Es gibt aber auch andere Wege, in die Linie zu gehen, wie jener von Kathrin Eder. Gleich nach ihrem Master in Digital Media dockte sie beim App-Entwickler runtastic an (kürzlich erwarb der Medienkonzern Axel Springer 50,1 Prozent des Hagenberg-Start-ups). Damals war sie eine von drei Angestellten, heute baut sie ihre eigene Abteilung auf und aus. Eder: Als sie in der Gestaltung und Programmierung begonnen habe, kannte sie alle Beteiligten noch beim Namen. Heute sei das anders. Mit wachsender Unternehmensgröße entferne man sich, so Eder sinngemäß, vom ursprünglichen Beruf, dafür kommen andere Kompetenzen zum Einsatz.

Altmann, der als Vorsitzender von akostart Studierende und Absolventen noch vor der Gründung ihrer Start-ups beratend zur Seite steht, legt Wert auf die Feststellung, dass runtastic ein Vorzeigebeispiel sei: "Nicht alle Start-ups sind so erfolgreich", aber mit einer optimalen Betreuung vor der Gründung seien die Chancen, am Markt zu bestehen, höher. Fürs Gründen und für die Unternehmensführung brauche es mehr als IT-Fachwissen. IT sei die Basis, letztlich gehe es - egal wo - immer um Interdisziplinarität. akostart stelle dafür - gemeinsam mit der Kepler-Uni und der Linzer Kunst- Uni - auch Co-Working-Spaces zur Verfügung, um diese Interdisziplinarität und das kreative Miteinander zu fördern.

Wege bei Groß und Klein

Roman Schacherl, der seine Masterarbeit von Altmann betreuen ließ, bezeichnet sich selbst als Jungunternehmer, nicht als Gründer. Ein Raketenstart mit der Erfindung eines Produktes, das sei ihm nie in den Sinn gekommen. Schacherl erstellt mit seinen Kollegen der Firma Softaware individuelle Softwarelösungen auf Basis von Microsoft-Technologien. Vielleicht war unbewusst auch die Überlegung da, so näher an den Weltkonzern heranzurücken, sagt er rückblickend. Heute sehe er das anders. Die eigenständige Umsetzung von Ideen, ohne in eine fremdbestimmte Struktur eingebettet zu sein, sage ihm mehr zu als die Vorstellung einer Karriere in einem Weltkonzern.

Unbenommen ist, dass Letztere nicht zuletzt aufgrund der Größe für viele Anreize bieten - von flexiblen Arbeitszeitmodellen bis hin zur Wahl zwischen Fach- und Linienkarrieren auch auf internationalem Feld. Auch Technikerinnen sollen über diese Angebote ans Unternehmen gebunden werden - das tut auch die voestalpine group-IT, sagt Josef Leitner, deren Personalchef. Heute habe man keine Probleme, hochqualifizierte IT-Fachkräfte an Bord zu holen, auch Frauen. Leitner: "Bei uns arbeiten hochqualifizierte Technikerinnen in Teilzeit. Und ich kann Ihnen sagen, die verdienen bei uns sehr gut."

Es seien nicht nur die inhaltlichen Herausforderungen, die Menschen anziehen und binden, es seien auch die Möglichkeiten, die man in Fragen der Vereinbarkeit anbieten könne. Auch die Älteren sind in seinem und in anderen Bereichen des Konzerns ein Thema - um der demografischen Entwicklung zu begegnen, müsse man jetzt handeln, so Leitner, das betreffe auch die IT. (red, DER STANDARD, 12./13.10.2013)

  • Ob im KMU oder im Konzern, IT-Karrieren sind bunt. Im Audimax des Campus Hagenberg sprachen (v.re.) Stefan Danner, (Keba), Kathrin Eder (runtastic), Roman Schacherl (Softaware), Ingrid Schaumüller-Bichl (FH OÖ Hagenberg), Josef Leitner (voestalpine group-IT) und Josef Altmann (FH OÖ Hagenberg) mit Heidi Aichinger (STANDARD).
    foto: brandstätter

    Ob im KMU oder im Konzern, IT-Karrieren sind bunt. Im Audimax des Campus Hagenberg sprachen (v.re.) Stefan Danner, (Keba), Kathrin Eder (runtastic), Roman Schacherl (Softaware), Ingrid Schaumüller-Bichl (FH OÖ Hagenberg), Josef Leitner (voestalpine group-IT) und Josef Altmann (FH OÖ Hagenberg) mit Heidi Aichinger (STANDARD).

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