Sprechen mithilfe eines springenden roten Punkts

11. Oktober 2013, 10:00
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Sprachcomputer ermöglicht Studium – Diakonie fordert weniger Hürden für Beschaffung von Hilfsgeräten

Wien – Manchmal sieht Kathrin Lemler am Abend einen roten Punkt vor sich herumschwirren. Wenn die 28-Jährige an einer Uni-Arbeit schreibt oder viel mit ihren Freundinnen "gequatscht"  hat, jagt schon mal ein Tupfen durch die Dunkelheit. Der "echte"  rote Punkt kurvt die meiste Zeit des Tages über den Bildschirm ihres Sprachcomputers.

Das Gerät braucht Lemler aufgrund einer Infantilen Cerebralparese. Ihr Körper bewegt sich unkontrolliert, sie sitzt im Rollstuhl und ist auf 24-Stunden-Betreuung angewiesen. Lemler steuert den Sprachcomputer über Infrarottechnik mit ihren Augen – sie gehorchen ihrem Willen. Punktgenau. Der Farbtupfen hüpft von Buchstabe zu Buchstabe, dann formuliert eine weibliche Computerstimme, was die Kölner Studentin mitteilen will. Zusätzlich kann sie auch über ihren persönlichen Assistenten aus Fleisch und Blut kommunizieren. Er liest von ihren Augenbewegungen Buchstaben ab, und kann ihr so seine Stimme leihen.

63.000 Betroffene

"Ich sage immer, Schriftsprache ist meine Muttersprache" , sagt die Computerstimme, sagt Kathrin Lemler jetzt. Vor einer halben Stunde saß sie noch am Podium einer Pressekonferenz, die die Diakonie Österreich in Wien zum Thema "Recht auf Kommunikation für Menschen mit Behinderungen"  veranstaltet hat. Lemler ist eine Expertin auf dem Gebiet – auf dem in Österreich laut Diakonie noch einiges im Argen liegt. "63.000 Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrer Lautsprache sind nicht sprachlos, sie werden viel mehr sprachlos gemacht, weil ihnen die notwendige Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben seitens der Politik verweigert wird" , sagt Diakonie-Direktor Michael Chalupka.

Hilfsmittel seien schwierig zu bekommen und würden nur zum Teil finanziert. Die Hilfsmittelkataloge der Sozialversicherungsträger seien zu alt, Rollstühle und Prothesen kämen darin vor, Sprachcomputer aber nicht. Und für die monetäre Unterstützung müsse man viele bürokratische Hürden nehmen. Neben Unfall-, Kranken- und Pensionskassen sind auch die Länder und das Bundessozialamt zuständig. Betroffene oder ihre Angehörigen würden zudem häufig von einer Stelle zur anderen geschickt. Eine komplette Übernahme der Kosten – zwischen ein paar hundert bis mehrere tausend Euro – finde nicht statt.

Die Diakonie fordert daher von der kommenden Bundesregierung die Schaffung einer zentralen Anlaufstelle für das Ansuchen um Hilfsmittel zur Kommunikation. Im Büro von Sozialminister Rudolf Hundstorfer verwies man darauf, dass laut SPÖ-Wahlprogramm künftig das Sozialministerium als zentrale Anlaufstelle dafür fungieren soll.

In den letzten Jahren sprang in finanziellen Belangen ein Fonds zur Soforthilfe ein, bei dem der Verbund mithalf. Außerdem hat sich aus einer Zusammenarbeit des Forschungszentrums Seibersdorf und der Diakonie 1998 die gemeinnützige Gesellschaft Lifetool entwickelt, die bezüglich computerunterstützter Werkzeuge berät und unterstützt.

Kathrin Lemlers nächstes Ziel ist das Masterstudium. Sie arbeitet außerdem an der Universität Köln am Forschungs- und Beratungszentrum für Unterstützte Kommunikation mit. Hätte sie nicht (technische) Mittel und Wege gefunden, sich auszudrücken, sie würde wohl in einem Heim leben und in einer Werkstätte arbeiten, meint sie. "Weiter mag ich gar nicht denken." (Gudrun Springer/DER STANDARD, 11.10.2013)

  • Kathrin Lemler kann über einen Sprachcomputer sprechen. Ihre Augen buchstabieren die Wörter, die sie sagen will.
 
    foto: der standard/heribert corn

    Kathrin Lemler kann über einen Sprachcomputer sprechen. Ihre Augen buchstabieren die Wörter, die sie sagen will.

     

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