Frühe Migrationen sorgten für genetische Vielfalt

10. Oktober 2013, 20:06
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Forscher zeigen, wie frühzeitliche Völkerwanderungen den genetischen Pool in Europa beeinflussten

Washington/Mainz - Analysen von Isotopen und Genmaterial aus mehreren archäologischen Fundstätten in Deutschland werfen ein neues Licht auf genetische Entwicklungen der europäischen Bevölkerung. Eine Forschergruppe um den Mainzer Biologen Guido Brandt legte nun eine Studie darüber vor, wie frühzeitliche Völkerwanderungen den genetischen Pool in Europa beeinflusst haben.

Gemeinsam mit Kollegen aus Halle untersuchten sie die Erbsubstanz von 364 Menschen, die vor rund 7.500 bis 3.500 Jahren in der Mittelelbe-Saale-Region lebten. Die im Fachmagazin "Science" veröffentlichten Daten wiesen in deren DNA genetische Einflüsse von Jägern und Sammlern aus Skandinavien nach. Die Forscher gehen davon aus, dass es einen Austausch mit den mitteleuropäischen Kulturen gab.

Steinzeitliche Parallelgesellschaften

In einem zweiten Artikel berichten Wissenschafter um die Mainzer Anthropologen Ruth Bollongino und Joachim Burger, dass Jäger und Sammler im steinzeitlichen Mitteleuropa über 2000 Jahre lang mit eingewanderten Ackerbauern zusammenlebten, ehe erstere überraschend spät, nämlich vor 5000 Jahren, verschwanden. Bisher sei man davon ausgegangen, dass die Wildbeuter recht bald nach Ankunft der sesshaften Bauern verschwanden.

"Tatsächlich behielten die Nachfahren der mittelsteinzeitlichen Menschen ihre Lebensweise als Jäger und Sammler zunächst bei", sagte Bollongino vom Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität. Zum Ende der vergangenen Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren lebten in Europa die Nachfahren der ersten anatomisch modernen Menschen. Sie ernährten sich von der Jagd und dem Sammeln wilder Gräser, Früchte und Knollen. Erste Anzeichen einer bäuerlichen Lebensweise in Mitteleuropa sind etwa 7.500 Jahre alt.

Die Forscher fanden nun Beweise für steinzeitliche Parallelgesellschaften bis vor 5.000 Jahren. Dazu untersuchte sie Knochen von 25 Menschen, die in der westfälischen Blätterhöhle über einen Zeitraum von mehr als 4.000 Jahren bestattet worden waren. Alles deute darauf hin, dass Jäger und Sammler ihre Toten in der gleichen Höhle bestatteten wie Ackerbauern. Wildbeuter-Frauen heirateten bisweilen in die Bauerngesellschaften ein, während jedoch keine genetischen Linien von Bauersfrauen bei Jägern und Sammlern gefunden wurden. "Dieses Heiratsmuster ist bekannt. Bauersfrauen empfanden die Einheirat in Wildbeuter-Gruppen als sozialen Abstieg", erklärte Bollongino. (APA/tasch/red, derStandard.at, 10.10.2013)

  • Im Bild: Begräbnisstätte im deutschen Karsdorf, Sachsen-Anhalt.
    foto: juraj liptak

    Im Bild: Begräbnisstätte im deutschen Karsdorf, Sachsen-Anhalt.

  • Analysen der Funde geben Auskunft über genetische Entwicklungen der mitteleuropäischen Bevölkerung.
    foto: dfg

    Analysen der Funde geben Auskunft über genetische Entwicklungen der mitteleuropäischen Bevölkerung.

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