Alice Munro: Literaturnobelpreis für lakonische Erzählkunst

10. Oktober 2013, 17:14
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Der Literaturnobelpreis 2013 würdigt eine Meisterin des klugen Understatements

Wien - Wozu wollen Sie das wissen?, heißt die deutsche Übersetzung eines Alice-Munro-Erzählbandes. Munros Welt besitzt feste Umrisslinien. In der Landschaft Ontarios leben die Menschen ein unspektakuläres Leben. Sie sind, wie Munros Familie, vor langer Zeit aus Schottlands Tälern in die kanadische Seenlandschaft ausgewandert.

Munros Figuren sind fast immer Frauen. Die Mühsal des Lebens hat sie nicht bitter gemacht. Eher sind sie hellhörig geblieben gegenüber ihren Sehnsüchten, den Verlockungen eines in der Sicherheit der Großstadt zugebrachten Lebens. Munro, die Tochter eines erfolglosen Pelzhändlers, ist eine Meisterin des lakonischen Realismus. Als ihr angestammtes Terrain darf die "short story" gelten. Auf dreißig, vierzig Seiten ist die besondere Begebenheit, von der die Autorin Mitteilung macht, auch schon wieder ausmusiziert.

Munros Genie besteht in der Sicherheit, mit der sie ihr Handwerkszeug gebraucht. Man hat ihren Stil "unangestrengt" genannt. Vergleiche mit den Erzählungen Anton Tschechows wies die freundliche Dame stets bestimmt zurück. Die Lektüre Tschechows demütige sie, sagte sie, nichts daran sei "gewollt, nichts Abglanz einer Person".

Wozu will der Leser das wissen? Mehr als zwölf Sammelbände mit Munro-Erzählungen liegen vor. Heute lebt die Autorin am Ufer des Lake Huron. Und natürlich tragen ihre Figuren den Abglanz ihrer Person. In jungen Jahren drohte sie an der Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Berufung zu zerbrechen. Sie wehrte die kleine Tochter mit der Hand ab, heißt es, während sie mit der anderen tippte. Munros Literatur lässt erkennen, wie jung, wie brüchig, wie ungewohnt die Selbstbestimmung der Frau ist. Kaum weniger gefährdet die zivilisatorischen Errungenschaften, die gegenüber der kanadischen Wildnis behauptet werden müssen.

In Munros Fabulierkunst hat die angelsächsische Literatur jedes Pathos abgelegt. Hinter der Unscheinbarkeit der Kulissen lauert Unaussprechliches. Den Einengungen der Moral wird man in diesen Erzählungen kaum begegnen; es sind Begriffe wie Liebe und Vertrauen, Treue und Pflicht, die Munro prüft und für schwer genug befindet.

Blick ins gelobte Amerika

Häufig genug diente der Autorin die eigene Familiengeschichte als Quelle der Inspiration. Man soll es eben wissen: Ein Ahne der "Laidlaws", die als Schäfer und Schmuggler im schottischen Hochland ihr Unwesen treiben, steht in einer Erzählung aus The View from Castle Rock (2006) auf den Zinnen von Burg Edinburgh. Er will seinem Buben weismachen, man könne von hier aus ins gelobte Amerika hinüberschauen.

Mehr als 200 Jahre später, 1941, bereitet eine Laidlaw der familieneigenen Misere ein Ende. In Kanadas Provinz scheitert ihr Mann bei dem Versuch, Fuchspelze an die Großhändler in Montreal zu verhökern. Sie errichtet einen Verkaufsstand am See. Das Geschäft mit den Touristen läuft sofort bestens. "In der Anlage autobiografisch, nicht aber in den Details", hat Munro ihre Form der Wirklichkeitsaneignung genannt.

Die Kunst der Nobelpreisträgerin ist eine der sanftesten Verwandlung. Die Nester, in denen die Menschen hausen, heißen Hanratty, Jubilee oder Carstairs. Immer handelt es sich um Dreitausend-Seelen-Gemeinden. Sie alle sind Munros Heimatort Wingham nachgebildet. Oft genug tragen sich die Figuren mit der Absicht, die Enge hinter sich zu lassen. Häufig genug kehren sie wieder heim. Ihre Flügel sind ungebrochen. Der Rückblick aufs eigene Leben fördert Küsse und Komik zutage, zerbrochene Ehen und ein in Mäßigkeit gelebtes Glück.

Wingham ist dank Munro zum Schauplatz der Weltliteratur geworden. Es gibt ein einziges Gegenstück zu diesem Märchenland des Realismus. William Faulkner schuf mit "Yoknapatawpha County" vor 60 Jahren die fieberhitzige Entsprechung. Doch die explosive Getriebenheit der Menschen in Amerikas Süden ist Munro wesensfremd.

Nun wurde die Autorin von der Stockholmer Akademie als "master of the contemporary short story" geehrt. Ihre Wahl kam keineswegs überraschend. Autoren wie Jonathan Franzen haben Neid einbekannt, nicht genauso ökonomisch schreiben zu können wie sie. In Munros Literatur wird die mentale Landschaft auf Bruchlinien hin untersucht. Tragödien halten sich in den unscheinbarsten Sätzen verborgen. Eine kleine Tochter stirbt. Die Mutter erzählt Jahre später: "Sie ist ums Leben gekommen, als mein Mann die Frisierkommode in unserem Schlafzimmer verrückt hat, (...) eine der Laufrollen ist am Teppich hängengeblieben, und das ganze Ding ist auf sie draufgefallen." (Ronald Pohl, DER STANDARD, 11.10.2013)

Die letzten Erzählbände Alice Munros heißen: Himmel und Hölle (2004), Tricks (2006) und Zu viel Glück (2011).

  • Autorin Alice Munro entwarf am Küchentisch den Prototyp der modernen, welthaltigen "short story".
    foto: reuters/cassese

    Autorin Alice Munro entwarf am Küchentisch den Prototyp der modernen, welthaltigen "short story".

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