Martin Schulz: Aus dem Schatten getreten

10. Oktober 2013, 17:00
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Ohne Studium an die Spitze Europas: Martin Schulz kandidiert für die europäischen Sozialdemokraten als EU-Kommissionschef

Es ist der 10. Dezember 2012. Die Spitzen der Europäischen Union haben gerade den Friedensnobelpreis im Rathaus in Oslo entgegengenommen. Die Überraschung der vergangenen Wochen über die Wahl des Preisträgers ist mittlerweile etwas verflogen. Drei Männer strahlen im Flackern des Blitzlichtes um die Wette. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, EU- Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso - und Martin Schulz.

"Martin wer?", dürften sich viele Menschen in ganz Europa gefragt haben - auch in seinem Heimtland Deutschland. Neben seinen dauerpräsenten und langgedienten Kollegen van Rompuy und Barroso wirkte Schulz damals ein wenig wie der kleine Bruder, der in Begleitung seiner älteren Geschwister das erste Mal länger um die Häuser ziehen darf. Seinen "großen Bruder" Barroso könnte er aber schon bald beerben: Schulz soll nach Wunsch der Sozialdemokraten im Zuge der Europawahl 2014 Chef der EU-Kommission werden.

Ein Frischling auf dem europäischen Parkett ist Schulz beileibe nicht, aus dem Schatten seiner beiden wichtigsten Mitstreiter ist er mittlerweile getreten. Bereits 1994 zieht er erstmalig ins Europäische Parlament ein, ist seither ständiges Mitglied und sitzt in diversen Ausschüssen, etwa dem Menschenrechtsausschuss, dem Innen- und dem Justizausschuss. Zur Jahrtausendwende wird er Vorsitzender der deutschen EU-Abgeordneten der SPD und Fraktionsvorsitzender der europäischen Sozialdemokraten im EU-Parlament. Seit Jänner 2012 steht der 57-Jährige dem Europäischen Parlament vor - ohne Frage nach Kommission und Ministerrat immer noch die schwächste der EU-Institutionen, aber immerhin die einzige direkt gewählte supranationale Einrichtung der Welt.

Ohne Studium an die Spitze Europas

Als Jugendlicher ist Martin Schulz Anhänger guter Literatur und des 1. FC Köln, daran hat sich bis heute nichts geändert, sein Weg in die Politik wirkt gemessen an seinem jetzigen Posten ungewöhnlich unspektakulär. Anstatt eines langjährigen Studiums absolviert er eine zweijährige Ausbildung - zum Buchhändler. Von 1977 bis 1994 arbeitet er in unterschiedlichen Buchhandlungen, von 1982 an in seinem eigenen Buchladen - auch noch viele Jahre nachdem er 1987 31-jährig Bürgermeister der kleinen nordrhein-westfälischen Stadt Würselen wird. Dort ist er schon als 19-Jähriger den ansässigen Jusos beigetreten und den eingeschlagenen Werdegang bis ins Bürgermeisteramt weitermarschiert, bis ihn die Europawahl 1994 schließlich nach Straßburg spülte.

Konflikten mit der EU-Kommission wie auch den Staats- und Regierungschefs geht Schulz nicht aus dem Weg, ohne jedoch die eigene Partei- oder Staatszugehörigkeit zum Motor des eigenen Handelns werden zu lassen. Er wirkt ein wenig wie das schlechte Gewissen des Brüsseler Politikbetriebs. Bestes Beispiel war das jüngste Flüchtlingsdrama in Lampedusa. Als das enorme Ausmaß der Tragödie noch nicht einmal absehbar war, sprach sich Schulz bereits für Konsequenzen in der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union und deren Mitgliedsländern aus. "Es ist eine Schande, dass die EU Italien mit dem Flüchtlingsstrom aus Afrika so lange allein gelassen hat", hatte Schulz gegenüber der "Bild Zeitung" erklärt.

Aufbrausender Kämpfer für ein starkes Europa

Ein braver Mitläufer ist der Sozialdemokrat nie gewesen, zum ausgesprochenen Moderator reifte er erst in seiner Aufgabe als Präsident des EU-Parlaments. Ein bisweilen aufbrausender Kämpfer für ein demokratisches, transparentes und starkes Europa, das seinem Verständnis nach mehr als nur der Kompromiss der stärksten Nationalstaaten sein müsse. Besonders gern und häufig zitiert wird eine Aussage aus einem Interview mit dem "Spiegel" im Jahr 2009: "In der EU wird der Erfolg nationalisiert und der Misserfolg europäisiert."

Inhaltlich steht dahinter die strikte Abneigung gegen eine Renationalisierung Europas, gegen die Schulz stetig und scharf argumentiert. Ob im EU-Parlament oder der EU-Kommission: Diese Ansichten wird man Martin Schulz nicht austreiben können. (Josef Saller, derStandard.at, 10.10.2013)

  • Martin Schulz ist ein überzeugter Europäer. Seit 1994 sitzt der Sozialdemokrat im Europäischen Parlament.
    foto: epa/seeger

    Martin Schulz ist ein überzeugter Europäer. Seit 1994 sitzt der Sozialdemokrat im Europäischen Parlament.

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