"Mein Handy muss nicht bügeln können"

Interview11. Oktober 2013, 17:00
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Die Individualisierung von Technik prophezeit Technikstressforscherin Annette Hoppe - Den richtigen Umgang mit ihr müssen wir erst lernen: "Werden nicht mit technikaffinem Gen geboren"

Weg vom Fokus auf Komplexität und hin zu einer zielgerichteten Technik: Die Technikstressforscherin Annette Hoppe von der deutschen Universität Cottbus-Senftenberg wünscht sich ein Umdenken bei Herstellern. Was sich im Verhältnis zwischen Mensch und Maschine ändern muss und welche Auswirkungen das Versagen von Technik hat, erläutert sie im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Technikstress: Was ist das überhaupt?

Hoppe: Es handelt sich um eine besondere Form von Stress, die beim direkten, aber auch beim indirekten Umgang mit Technik entsteht. Direkt meint die Arbeitsweise mit Computern oder mit jeglicher Technik, aber auch das Verständnis und die Nutzung der Begleitmaterialien. Etwa die Handbücher, um Technik bedienen zu können. Zum indirekten Umgang gehören die Einstellung zur Technik und auch die Akzeptanz. Zum Beispiel, wenn ich ständig mit Technik konfrontiert werde, mit der ich gar nicht arbeiten möchte, aber muss, oder wenn Arbeitstechnik in schneller Folge wechselt und ich mich immer aufs Neue einarbeiten muss - das sind dann stressauslösende Faktoren.

derStandard.at: Betrifft das auch Bereiche außerhalb der Arbeit? Wenn ich etwa nicht weiß, wie ich einen Aufzug bedienen muss?

Hoppe: Ja, Technik beschränkt sich nicht nur auf den Arbeitsplatz, sondern kommt auch sehr stark im privaten und öffentlich-gesellschaftlichen Raum zum Einsatz. Etwa bei Fahrkartenautomaten oder Infosäulen. Oder bedenken Sie die vielfältige Nutzung von Technik im Freizeitsportbereich oder im Haushalt. Und die Visionen gehen ja weiter bis hin zum Pflegeroboter oder zum einkaufenden Kühlschrank für jedermann. Die Welt verändert sich rasant, auch für Menschen, die das nicht in dieser Form so schnell mitmachen wollen und können, weil sie an diesen Prozessen nicht beteiligt werden. Zum Beispiel haben einige Menschen, jüngere und viele ältere, Hemmungen, mit neuer Technik umzugehen. Durch solche Ressentiments entsteht Stress. Viele bevorzugen die Ansprache mit anderen Menschen, weil es mehr Sicherheit gibt, man nachfragen kann, die Mimik und Gestik sieht.

derStandard.at: Ist das eine reine Generationenfrage?

Hoppe: Nicht nur, obwohl die Entwicklung von Technik in den letzten Jahren sehr schnell gegangen ist und viele ältere Menschen nur als Konsumenten und nicht als "Mitgestalter" betrachtet werden. Man tut etwas für sie und nicht mit ihnen. Das ist ein Problem, das sich aber Stück für Stück in den nächsten Generationen verflachen wird und hoffentlich bei den Herstellern ein Umdenken bewirkt. Es sind aber auch nicht alle jungen Menschen technikaffin, das darf man nicht vergessen. Wir werden schließlich nicht mit einem technikaffinen Gen geboren. Und es gibt auch heute schon viele ältere Menschen, die souverän mit Technik umgehen.

derStandard.at: Welche Unterschiede gibt es?

Hoppe: Bei menschengerechter Technik müssen wir beachten, dass sich mit zunehmendem Alter auch Körperfunktionen verändern. Ein 20-Jähriger braucht zum Beispiel zum Sehen nur halb so viel Licht wie ein 40-Jähriger. Das Hören nimmt ab, der Tastsinn verändert sich. Ältere Menschen kommen schlecht mit Touchscreens zurecht. Durch die Forschung kommt das jetzt mehr ins Bewusstsein der Hersteller. Genauso wie ein Umdenken hin zu zielgerichteter Technik einsetzen muss, weg von bloßer Komplexität. Der Nutzer muss entscheiden können, nach dem Motto: "Mein Handy muss nicht bügeln können. Ich brauche nur eines zum Anrufen und eventuell noch zum Fotografieren. Das reicht mir." Hersteller stehen miteinander in Konkurrenz und versuchen über Multifunktionalität zu punkten. Das muss nicht immer gut für den Nutzer sein, denn: Je komplexer Technik ist, desto höher ist auch die Versagensquote und die Möglichkeit der Fehlbedienung.

derStandard.at: Das heißt, es geht in Richtung Individualisierung von Technik?

Hoppe: Ja, das denke ich auch, und man wird ganz spezielle Geräte für spezielle und sehr individuelle Anforderungen herstellen.

derStandard.at: Seniorenhandys mit großen Tasten gibt es ja auch noch nicht so lange.

Hoppe: Vorher war der Hype, dass ein Gerät so viel wie möglich können muss. Und Konsumenten müssen nehmen, was Hersteller auf den Markt bringen. Jetzt muss der Dreh dazukommen: "Bringt das auf den Markt, was wir wollen." Wir müssen den Schritt vom Bediener, also dass wir der Dienstherr der Technik sind, zum Benutzer machen. Technik bekommt wieder die Rolle, die ihr auch zusteht. Sie ist ein Hilfsmittel für den Menschen. Wir verwenden die Technik, die für uns richtig ist.

derStandard.at: Bedeuten viele verschiedene Modelle höhere Kosten für Firmen?

Hoppe: Nicht unbedingt. Auf technologischer Ebene ist das kein großes Problem mehr. Mit bestimmten Tools lässt sich das gut variieren. Es geht ohnehin schon stark in diese Richtung. Beim Automobilbau zum Beispiel stellt sich auch schon jeder sein persönliches Auto zusammen, indem er bestimmte Tools wählt und bestimmte nicht. In der IT-Branche kann so etwas auch zukünftig angedacht werden. In unserer Forschung reden wir dann von unternehmens- und tätigkeitsgerechter Technik.

derStandard.at: Sie sagen, es gibt kein "technikaffines Gen". Ist der Umgang mit Technik also primär eine Frage der Sozialisation?

Hoppe: Die Sozialisation spielt dabei eine entscheidende Rolle. Aber das menschlich "Normale" ist Gott sei Dank biologisch breit aufgestellt. Und es gibt Menschen, die trotz aller technischen Möglichkeiten und erzieherischen Lenkung keine "Techniker" werden, sondern eben auch Verweigerer oder Minimalnutzer ohne Interesse am ständig neuen Ausprobieren. Manche beherrschen zwar die Nutzung, werden aber nicht zu diesen Freaks, die bis ins kleinste Detail Bescheid wissen und immer das Neueste haben möchten. Der Mensch darf nicht nur an der Benutzung oder dem Besitz von Technik gemessen werden.

derStandard.at: Entwickeln sich die verschiedenen Menschentypen parallel, oder besteht die Gefahr, dass es zu einer Vereinheitlichung kommt, weil die Rolle der Technik so dominant ist?

Hoppe: Zu welchen Kompetenzveränderungen es kommt, wird unter Arbeitswissenschaftlern, Technikphilosophen und anderen Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit Technikherstellern eifrig diskutiert. Wie sieht der Mensch der Zukunft aus, der von klein auf durch diese technische Bildung geht? Ist das der, den wir in jedem Bereich brauchen? Und wo müssen wir gegensteuern? Viele gehen auch davon aus, dass sich Denken und Handeln verändern werden. Sprache beispielsweise hat sich schon verändert, dadurch wird sich auch Gesellschaft verändern. Denken Sie daran, dass Revolutionen übers Internet ausgelöst werden können. Die Technik ermöglicht, dass wir überall und zu jeder Zeit erreichbar, aber auch manipulierbar sein können.

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren ebenfalls drastisch verändert. Feste Arbeitsplätze und Festanstellungen, die eine gewisse Sicherheit geben und Regionen verjüngen, fallen mehr und mehr weg. Das hat auch Einfluss auf Familienbildung, Freundschaften und Sesshaftigkeit, sprich: Einfluss auf individuelle soziale Netzwerkbildung. Was später zu einem Problem der Pflegekassen führen wird, da keine sozialen Netzwerke mehr da sind und der Staat die Verantwortung der früheren Familien übernehmen muss.

derStandard.at: Inwiefern wird sich das Denken und Handeln verändern?

Hoppe: Einige italienische Technikphilosophen sprechen von einer "Vermassung in Einsamkeit", die in dieser Generation Platz greift. Jeder sitzt mit der gleichen Technik, aber einsam zu Hause. Früher hat der Mensch mit Arbeitstechnik gearbeitet, dann hat er das Büro verlassen und sich daheim mit anderen Sachen beschäftigt. Heute arbeiten wir zum Großteil mit den gleichen Geräten, ob zu Hause oder im Büro. Es werden immer die gleichen Hirnregionen beansprucht, deswegen haben wir wahrscheinlich auch einen Anstieg bei psychosomatischen Krankheiten. Hier müssen wir aufpassen.

Auch mit der Forderung, dass die Kinder vom Kindergarten weg Lernvorgänge grundsätzlich mit technischen Geräten durchführen, ist meiner Meinung nach bedenklich, wenn nicht gar falsch. Es geht um das Hineinwachsen in menschliches Sein und Handeln, dazu braucht es viele unterschiedliche Lernformen, und eine davon, wenn auch heute eine wichtige, ist sicher der Umgang und das Lernen auch mit Technik. Mit der Vielfalt menschlichen Lernens trainieren wir unterschiedliche Hirnregionen, die in den jeweiligen Reifephasen ausgebildet werden müssen, um menschliches Handeln und Leistung später möglich machen. Da geht es um viele Inhalte, nicht nur um das Nachvollziehen von Programmen durch Tastendruck. Technik sinnvoll im Leben zu nutzen muss auch erlernt werden.

derStandard.at: Und durch den Fokus auf die Technik werden andere Bereiche vernachlässigt?

Hoppe: Ein Beispiel zur Illustration: Das ist wie mit Drogen, sie können helfen, in einer bestimmten Dosierung Krankheiten zu heilen, sie können aber auch in Überdosis krank und in ständiger Nutzung abhängig machen. So ist es mit allen Sachen, diese Extreme sind nicht gut. Ich bin dafür, dass Kinder lernen, mit Technik umzugehen, dass sie Freude daran haben, dass sie neugierig werden, aber sie sollten auch von Menschen lernen in einem sicheren, ruhigen, verständnisvollen Sozialbezug. Und da sind neue Schulkonzepte, Aus- und Weiterbildungsprogramme, in denen beides sinnvoll miteinander verbunden wird, gefragt. Wir müssen Diversity nicht mehr nur mit dem Blick auf die kulturelle Vielfalt der Menschen betrachten, sondern auch als die Vielfalt der menschlichen Lernformen verstehen.

derStandard.at: Sind wir im Umgang mit Technik erst am Anfang eines Lernprozesses?

Hoppe: Positiv ist, dass die körperlich belastende Arbeit durch Technik immer weiter zurückgegangen ist. Technik macht ja den Informationsaustausch, das Zusammenarbeiten über Grenzen hinweg viel einfacher und schneller. Das Problem ist, dass damit der Begriff der Geschwindigkeit eine zentrale Rolle im menschlichen Leben eingenommen hat. Wir wurden in schneller Folge mit Entwicklungen überrascht, und Forschung kann erst im Nachhinein analysieren, wie dieser Prozess sich auf den Menschen und die Gesellschaft auswirkt. Auch hier vollzieht sich ein Lernprozess, der von der Wissenschaft unterstützt wird.

Wir haben untersucht, was passiert, wenn Technik in einem Arbeitsprozess plötzlich nicht mehr funktioniert. Wie hoch ist der Stress, und wie sind die Strategien, damit umzugehen? Das sind Forschungen, die über drei, vier Jahre gehen. An welcher Stelle müssen wir Pausen einlegen, wann sind wir physisch oder psychisch überfordert et cetera? Wie kann zum Beispiel Technik uns helfen, mit Technik sinnvoller umzugehen? Wie muss Arbeit, wie muss ich selbst mich organisieren? Welche Technik ist für mich richtig? Hier müssen Hersteller von Technik mit der Wissenschaft zusammenarbeiten. In unserer Kooperativen Forschungsstelle Technikstress an der BTU Cottbus-Senftenberg arbeiten wir transdisziplinär, es sind acht wissenschaftliche Fachgebiete, sowohl mit Unternehmen als auch Verbänden und der Politik zusammen - ein vielversprechender Ansatz.

derStandard.at: Welche Auswirkungen hat es, wenn Technik versagt?

Hoppe: Gemessen haben wir die Hautleitfähigkeit, sogenannte Schwitzwerte, und die Herzschlagfrequenz, zusätzlich haben wir das Verhalten und die Arbeitstätigkeiten beobachtet. Im Vorfeld und im Anschluss an die Untersuchungen gab es Befragungen. Alle 146 Probanden zeigten eine Reaktion bei den Körperwerten. Es war ein 15-Minuten-Versuch, bei dem die Technik zweimal, geplant von uns, ausgefallen ist. Der Ausfall war nicht die Schuld der Teilnehmer, dennoch ist die Hälfte der Probanden davon ausgegangen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Ein großer Prozentsatz gibt sich also die Schuld, wenn Technik plötzlich nicht mehr funktioniert. Das heißt, sie bewerten sich und ihre Kompetenz an der Funktionsweise der Technik.

Bei unserem Versuch stand hinter dem Ausfall keine Konsequenz, sie verlieren weder Zeit für ihre Arbeit noch ihren Arbeitsplatz. Trotzdem hatten wir einige Probanden, die eine fünfhundertfache Erhöhung des Hautleitwerts gegenüber dem Beginn des Versuchs aufwiesen. Die meisten merkten das nicht einmal, sie fühlten sich nach eigenen Angaben nicht gestresst. Das ist ein Alarmzeichen, diese physische und psychische Beanspruchung wird also nicht einmal mehr während der Tätigkeit mit der Arbeitstechnik subjektiv registriert, ist aber da.

derStandard.at: Was ist die Erklärung?

Hoppe: Wir arbeiten hochkonzentriert mit Technik. Dabei fokussieren wir unsere Wahrnehmung auf die Arbeitstätigkeiten, sodass die Selbstkontrolle entfällt. Wir registrieren nicht die Beanspruchungen unseres Körpers. Bei anderen Arbeiten, zum Beispiel mit dem Spaten, merken wir das, aber im Falle von Technik konzentrieren wir uns nicht mehr auf uns selbst. Wir trinken zu wenig, schauen zu wenig in die Tiefe, machen nicht rechtzeitig Pausen, achten nicht auf unsere Arbeitshaltung, Arbeitsumgebung und so weiter. Technik wird nicht müde.

derStandard.at: Wenn Sie das Experiment auf Arbeitsprozesse im Beruf umlegen, wird der Stress noch potenziert, oder?

Hoppe: Das ist durchaus denkbar, denn unser Experiment war ein zeitlich sehr geringer und nicht vom Arbeits- und Erfolgsdruck gekennzeichneter Laborversuch. Nun sind wir dabei, unsere Forschung im Feldversuch, sprich an konkreten Arbeitsplätzen fortzuführen und haben erste Ergebnisse veröffentlicht. Wir konnten Unternehmen schon gute Gestaltungsempfehlungen erarbeiten und mit Expertengruppen Handlungsregularien für die Politik ableiten. Es sind ja auch sehr interessante Ergebnisse herausgekommen.

Vielleicht noch ein kleiner Exkurs in die heute oft zitierten Unterschiede zwischen Frauen und Männern. In unserem Versuch fanden wir heraus, dass Frauen geringere Fehlersuchzeiten aufwiesen, sie fingen wieder von vorn an zu arbeiten, um das Ergebnis rechtzeitig fertigzustellen. Während Männer in einen Wettbewerb mit dem Computer traten, um ja den Fehler zu finden. Also weiblich Ergebnis- und männlich Wettbewerbsorientierung. Beides sind wichtige Eigenschaften für Unternehmen. Wir haben herausgefunden, dass Mischteams, also Frauen und Männer, leistungsfähiger sind. Wichtig ist, keinen starken Konkurrenzdruck innerhalb eines Teams aufzubauen, weil man denkt, dass Mitarbeiter so noch leistungsfähiger werden. Das kostet viel Kraft. Die Konkurrenz sollte "draußen" gesehen werden. In einem so geführten Mischteam ist die Leistungsfähigkeit am größten, denn jeder bringt seine Stärken ein.

derStandard.at: In Deutschland gibt es Dienstvereinbarungen, etwa jene aus dem Arbeitsministerium, um Mitarbeiter in ihrer Freizeit zu schützen, indem etwa Erreichbarkeitsregeln aufgestellt werden. Ist das schon ein Trend, oder sind das nur Einzelfälle?

Hoppe: Das ist der Versuch, den Umgang mit Technik zu lernen, indem man den Rahmen dafür vorgibt. Es ist wichtig, dass die Politik sich verantwortlich für die Menschen einsetzt. Ich glaube, dass ein Spielraum für individuelle Lösungen in wichtigen politischen Vorgaben beachtet werden muss. Viele Unternehmen leben vom internationalen Geschäft, da haben wir mit Zeitverschiebungen zu kämpfen, ein Kommunikationsverbot für diese Zeiträume bringt die Unternehmen dann eher in Schwierigkeiten. Wir brauchen hier gemeinsames Handeln von verantwortungsvollen Unternehmen, einer interdisziplinären Forschung und einer ressortübergreifenden Politik.

Ich sage meinen Mitarbeitern, Arbeit gehört in die Arbeitszeit, und Freizeit ist arbeitsfreie Zeit. Individuellen Gestaltungsspielraum dafür lasse ich bei guten Leistungen zu. Ich nehme mir zum Beispiel selbst keine Arbeit mit nach Hause, lieber arbeite ich dann in meiner Arbeitsumgebung länger. So ist beim Ankommen in meinem Zuhause sofort das Signal "Freizeit" gegeben, und ich kann schneller abschalten. Aber das muss jeder für sich entscheiden, und es müssen die subjektiven Voraussetzungen für solch eine Entscheidung gegeben sein, wie zum Beispiel Leistungsbereitschaft, Selbstdisziplin, Zeitmanagement von den Mitarbeitern und Vertrauen, Anerkennung, also Entlohnung plus Wertschätzung, und Sicherheit von den Unternehmen.

derStandard.at: Also Argumente gegen das Homeoffice?

Hoppe: Nein, das würde ich nicht so generell sagen. Es gibt Menschen, die in ihrer eigenen Umgebung sehr kreativ sind. Zu empfehlen wäre aber beispielsweise ein abgegrenzter Arbeitsplatz zu Hause. Man muss auch den Umgang mit flexibler Arbeitszeit lernen.

derStandard.at: Auch Führungskräfte, die mitten in der Nacht Mails mit Arbeitsaufträgen senden?

Hoppe: Hier muss auch ein Lernprozess stattfinden. Natürlich gibt es auch die Eulen-Typen, die nachtaktiv sind und zu später Stunde besser arbeiten können. Mein Rat ist, alles aufzuschreiben, aber bitte Mails dann erst in der Früh abzuschicken.

derStandard.at: Sind das unnötige Stressoren für Mitarbeiter?

Hoppe: So setzt man Mitarbeiter unter Druck, sie fühlen sich schlecht, weil sie nicht in der Nacht arbeiten. Grundsätzlich muss man sagen, dass sich der Schriftverkehr in den letzten Jahren durch den Einsatz neuer Medien grundsätzlich verändert hat. Positiv ist der schnelle, globale Informationsaustausch. Wie er vollzogen wird, ist wieder eine andere Sache. Auch hier muss dazugelernt werden. Es ist nämlich eine Unart, alle Mails an jeden weiterzuschicken. Ganz schlimm ist auch, auf eine vernünftige Betreffzeile zu verzichten. Der Inhalt sollte schon dort ersichtlich sein, damit die Priorität deutlich wird. Jede E-Mail sollte nur einmal angefasst werden und dabei erledigt werden, also beantworten oder delegieren, sonst bleibt im Hinterkopf, dass noch etwas zu erledigen ist. Beim erneuten Öffnen muss man sich sonst wieder neu einarbeiten.

derStandard.at: Sind die vielen Burnout-Fälle eine direkte Folge von Technikstress?

Hoppe: Wenn immer die gleichen Hirnregionen ohne Erholung arbeiten müssen, kann es sein, dass man deswegen ausgebrannt ist. Bei der Diagnose sollte allerdings aufgepasst werden, auch Ärzte müssen erst befähigt werden, Burnout von anderen Krankheiten zu unterscheiden. Generell haben wir ja verschiedene Stressoren, etwa im kognitiven, muskulären, emotionalen oder vegetativ-hormonellen Bereich. Ist einer der Bereiche gestresst, sollte ich den in Ruhe lassen und dafür einen anderen strapazieren. Habe ich Liebeskummer, sollte ich mir keinen Liebesfilm anschauen, weil genau die gleichen Ebenen angesprochen werden. Bin ich geistig sehr gefordert, kann ich in die emotionale oder körperliche Ebene gehen. Ich beschäftige mich mit meinem Hobby oder treibe Sport. Dementsprechend können auch Arbeitspausen in Unternehmen und im Homeoffice gestaltet werden. Auch das kann man lernen. Und die Wissenschaft muss dazu die Erkenntnisse bringen, Politik und Unternehmen müssen gemeinsam den finanziellen Rahmen schaffen. (Oliver Mark, derStandard.at, 11.10.2013)

Annette Hoppe leitet des Lehrgebiet Arbeitswissenschaft und Arbeitspsychologie sowie die Kooperative Forschungsstelle Technikstress an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). Die Forschungsstelle Technikstress betreibt interdisziplinäre Forschung zum Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen - von Grundlagenforschung über Feldversuche bis zur Konzeptentwicklung. Hoppes Team umfasst derzeit 16 Mitarbeiter unter anderem aus den Bereichen Psychologie, Soziologie, Mediendesign, Mathematik, Wirtschaftswissenschaften und Kulturtechnik.

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Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg

  • Annette Hoppe leitet die Kooperative Forschungsstelle Technikstress an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg.
    foto: privat

    Annette Hoppe leitet die Kooperative Forschungsstelle Technikstress an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg.

  • Das Handy als Schweizermesser der Gegenwart? Multifunktionalität wurde zum Credo einer gesamten Branche, für eine Individualiserung plädiert die Technikforschung.
    foto: istockphoto.com / adventtr

    Das Handy als Schweizermesser der Gegenwart? Multifunktionalität wurde zum Credo einer gesamten Branche, für eine Individualiserung plädiert die Technikforschung.

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