Hallo, ich bin Mathias, und ich bin Autist

Leserkommentar10. Oktober 2013, 13:20
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Ein Autist schildert seinen Alltag, die Fassade der Normalität

Als ich über folgendes Interview zum Thema "Autisten im Job" stolperte, war mir klar, dass ich meine Meinung dazu abgeben muss. Anfänglich versuchte ich es in einem Forenpost zusammenzufassen, aber 750 Zeichen erwiesen sich schlichtweg als inadäquat für diese Aufgabe. Darum hier als Leserkommentar.

"Ich glaube, diese 'leichten Autisten' faken es nur", schallte es mir vor sechs Jahren im Wiener Dialekt entgegen. Es war eine kleine, gesellige Runde, und irgendwie kam nach zwei Bieren dieses Thema auf.

War ich bis dahin vergleichsweise unbeteiligt an den teils lebhaften Diskussionen davor, kam ich hier nicht umhin, eines der vielen von mir über die Jahre einstudierten Rituale einzusetzen: ein Räuspern. Der Aufmerksamkeit der Runde sicher, verkündete ich: "Ich bin ein Autist."

Damals wie heute war und ist die Reaktion meistens identisch: ungläubiges Staunen, erhobene Augenbrauen und Anmerkungen vom Schlage "Aber du bist so normal!". Der Knackpunkt, zusammengefasst in fünf Worten.

Ungesehene Schwierigkeiten

Die meisten Leute, die ich heutzutage kennenlerne, würden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erraten, dass ich Autist bin. Natürlich, eine gewisse Exzentrik wird mir gemeinhin zugeschrieben, und meine Interessen und Hobbys passen gut in das bekannte Bild eines Nerds oder Geeks. Dieses Auftreten mit Nischeninteressen und mitunter wortgewandter Schlagfertigkeit, gepaart mit einer empfundenen sozialen Unbeholfenheit, lässt sich eher mit diesen Schemata vereinbaren denn mit dem Bild eines unkommunikativen Wesens, welches vollkommen unselbstständig ist, oder dem Hollywood-Image des "Rain Man".

Ich beobachte und lerne seit mehr als zehn Jahren sehr bewusst, Körpersprache und Tonfall zu imitieren. Ich sage imitieren, weil es für mich nicht intuitiv ist. Was niemand mir ansieht: wie monumental viel Energie es mich kostet, wie schwierig es ist, diese antrainierte Fassade der Normalität zu tragen. Und es ist eine brüchige Fassade, selbst heute.

Augenkontakt kann ich nicht halten, ohne dass mir mein Rückgrat prickelt und jeder Instinkt zur Flucht rät. Körperkontakt jeder Art mit nicht vertrauten Personen - und sei es so etwas Banales wie ein Händedruck - ist unangenehm, als ob die Haut an dieser Stelle eingeschlafen wäre und die Nerven nun wieder aufwachen.

Software, nicht Hardware

Um eine technische Analogie zu verwenden: Die meisten Menschen haben dedizierte Hardware verbaut, mit der sie unbewusst, unkompliziert und schnell Körpersprache verarbeiten und nutzen können - und vor allem energieeffizient. Sie haben so etwas wie einen speziell dafür ausgelegten Chip eingebaut, mit dem sie diese subtilen Hinweise blitzschnell verarbeiten können.

Bei mir fehlt dieser Chip. Ich musste lange beobachten und aus den Verhaltensweisen anderer Schlussfolgerungen ziehen, wie dieser funktioniert. Und dann musste ich ein Stück Software schreiben, welches diese Inputs annehmen und verarbeiten konnte - und darüber hinaus "korrekte" Outputs liefert.

Das Problem dabei? Wo die meisten stromsparend einen Handychip haben, der nebenbei im Hintergrund läuft, brauche ich die Leistung eines ausgewachsenen Desktop-PCs sowie das Programm. Nicht zu vergessen, dass man dann daran denken muss, es bei Bedarf aufzurufen - und aufgrund der Tatsache, dass es ein Programm ist, welches nicht auf einem spezialisierten Prozessor läuft, braucht es auch wesentlich länger, bis es zu einem Ergebnis kommt. Und braucht mehr Energie. Zeit, die einem eine mit Chip ausgestattete Person nicht zugesteht. Energie, die mit jeder Interaktion verbraucht wird.

Menschen sind anstrengend

Das ist ein Grundsatz, der sich für mich bisher immer bewahrheitet hat. Es ist nicht als Kritik an der einzelnen Person oder einer Gruppe zu verstehen, es ist lediglich ein Fact of Life für mich. Ganz im Gegenteil sogar: Ich bin hochfasziniert von den Facetten und Kanten, den vielen Seiten anderer Seelen. Allerdings: Sobald ich in der Umgebung einer weiteren Person bin, setze ich meine Maske auf. Freilich, jeder macht das zu einem gewissen Grad, aber ich behaupte, die meisten machen es unbewusst. Für mich ist es eine tägliche Vorstellung, und die einzigen Pausen, die man dem Stardarsteller gönnt, sind diese abseits des staunenden Publikums. Konzentriere ich mich stark auf etwas oder entspanne mich, bricht die Fassade weg. "Geht es dir gut?" "Warum schaust du so gequält?" "Was bedrückt dich?" Gut gemeinte Worte, aber mir geht es gut. Ich habe nur zu tun. Ich werde es dich schon wissen lassen, wenn es einmal anders sein sollte.

Nach acht Stunden im Büro bin ich erledigt. Ich machte nicht nur meinen Job - ich lieferte parallel eine Galavorstellung ab. Ich brauche meine Ruhe vor Leuten, um die Batterien wieder aufladen zu können. Ab und an kann ich auch mal länger fortbleiben oder abends fortgehen, wenn ich den Tag lang Ruhe hatte. Ein Teil von mir würde gern öfter. Weit häufiger als jetzt sogar - ich finde Menschen ja faszinierend! Aber es ist und bleibt anstrengend.

Ich habe den Vorteil, dass ich abseits meiner direkten Kollegen fast nur mittels E-Mail kommuniziere, und so lieb und teuer mir die Leute sind, mit denen ich den Raum teile, auch sie kosten mich Energie - mehr als der eigentliche Job. Klingt komisch, ist aber so. Darum könnte ich wohl nie einen Job in einem Callcenter annehmen oder gar kundennahe Positionen im Handel oder Verkauf. Ich würde blitzschnell ausbrennen und wahnsinnig werden. (Nun ja - zumindestens wahnsinniger, als ich es ohnehin schon bin).

Job, Herz und andere Angelegenheiten

Ich habe meinen gegenwärtigen Job Vitamin B zu verdanken. Ich schäme mich nicht, dies hier offen darzustellen. Ohne diesen Kontakt wäre ich wohl nicht aufgenommen worden, und ich hoffe, dass ich mich so weit als goldrichtiger Kandidat erwiesen und bewährt habe. Es liegt sicherlich nicht an einem Mangel an Versuchen - mein Eintrag beim AMS hat vermutlich mehr als genug Belege für meine Bemühungen, eine Stelle zu finden. Aber offenbar ist es, wie der Artikel behauptete: Lücken im Lebenslauf sind Gift für solche Bemühungen, und ich habe nicht wenige solche.

Ich bin kompetent. Ich beherrsche mehrere Programmiersprachen, habe grafische Neigungen, und einige Resultate können sich durchaus sehen lassen. Ich lerne Neues in bemerkenswerter Geschwindigkeit. Und manche Leute behaupten von mir, dass ich ein gewisses Gespür für Worte habe. Steht das so im Lebenslauf? Nein. Ich schätze mich als fähig ein. Aber ich bin mir bewusst, dass ich nicht der Beste bin. Und das stelle ich von Anfang an klar - dass ich nicht alles weiß und im Zweifelsfall nachsehen muss.

Bei den wenigen Vorstellungsgesprächen, mit denen ich das Vergnügen hatte, mag das als Verunsicherung oder ein Mangel an Selbstsicherheit und Kompetenz rübergekommen sein, aber ich habe es mir schlicht nicht zur Angewohnheit gemacht, auf die Frage nach dem Können mit einem brustvoll gebellten "Jawoll!" samt Gewehr bei Fuß zu antworten, weil das im Grunde Unehrlichkeit massivster Art gleichkommt - etwas, was mir zutiefst zuwider ist und auch den potenziellen Kollegen gegenüber schlicht unfair wäre. Danke fürs Kommen, wir melden uns bei Ihnen, wir halten Sie in Evidenz.

Selbst abseits davon, im Bereich des Privaten, wird es nie leicht sein. Ich habe Freunde. Ich entwickle Gefühle für einzelne Leute. Aber ich werde solche vermutlich nie wirklich auf die allgemein erwartete Art und Weise zum Ausdruck bringen können - aber das soll nicht mit einem Fehlen solcher Gefühle gleichgesetzt werden. Auch werde ich anderseitiges Interesse nur in den direktesten der Fälle wahrnehmen - etwas, was in einem auf Subtilität und Körpersprache aufbauenden Spiel markanten Seltenheitswert aufweist.

Wahrnehmung

Ein vermeintlicher Mangel an Selbstsicherheit ist hier ähnlich fatal wie bei einem Vorstellungsgespräch - und während es im Kontext einer Karriere "lediglich" zu Arbeitslosigkeit führt, kann es sich hier allzu leicht als Magnet für manipulative Partner entpuppen, welche einen in ein emotionales schwarzes Loch mitreißen. Gefährlich für jemanden, der Körpersprache und Intentionen nicht intuitiv erkennt.

Autisten sind auch nur Menschen. Sie fühlen, sie leiden und lieben, sie freuen sich. Die Art und Weise, wie sie das zum Ausdruck bringen, die Art und Weise, wie sie kommunizieren, mag anders sein, aber selbst wenn die Allgemeinheit es nicht bemerkt: Auch wir haben Sehnsüchte und Hoffnungen, Ambitionen und Ehrgeiz. Wir sind ein Flüstern im Sturm - aber das heißt nicht, dass wir weniger Mensch, weniger legitim sind. Viele Autisten - egal ob sie sich ihres Status bewusst sind oder nicht - wollen einfach genauso teilhaben. Viele von diesen versuchen, innerhalb ihrer Möglichkeiten, der Mehrheit entgegenzukommen. Ich wünschte mir, dass die Mehrheit ab und an diese Geste erwidert. Es ist kein Aufruf, Mitleid zu haben. Wir wollen nur gehört werden. (Mathias Rehnman, Leserkommentar, derStandard.at, 10.10.2013)

Mathias Rehnman (28) ist Portalmanager und lebt in Wien.

Nachlese

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