Nigerianische Truppen rücken weiter vor

6. August 2003, 20:59
posten

Friedenstruppe beginnt Stationierung in Monrovia - Angeblich neue Kämpfe - Beschwerde Liberias gegen Anklage Taylors - USA entsenden Soldaten

Monrovia - Zwei Tage nach ihrer Ankunft in Liberia haben Soldaten der westafrikanischen Friedenstruppe ECOMIL mit der Stationierung in der Hauptstadt Monrovia begonnen. Wie ein ranghoher nigerianischer Militärvertreter am heutigen Mittwoch mitteilte, seien die Soldaten vom 45 Kilometer entfernten Flughafen nach Monrovia unterwegs. Auch die USA wollen erstmals Soldaten nach Monrovia schicken. Mindestens vier Zivilisten sind nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in der Früh bei Kämpfen in Monrovia erschossen worden. Liberia beschwerte sich beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag wegen der Kriegsverbrecheranklage gegen Präsident Charles Taylor. Die UNO stellte eine neue Hilfsaktion für das Bürgerkriegsland in Aussicht.

Ärzte ohne Grenzen-Mitarbeiter: Neue Kämpfe im Stadtteil West Point

Ein MSF-Mitarbeiter berichtete telefonisch aus dem Stadtteil West Point der Nachrichtenagentur AFP von neuen Kämpfen. Im Hintergrund waren Schüsse zu hören. Liberias Verteidigungsminister Daniel Chea sagte, ihm lägen keine Berichte über die Verletzung des Waffenstillstandes zwischen Rebellen und Regierungstruppen vor. Am Vorabend hatte es auf den wochenlang heftig umkämpften Brücken von Monrovia Versöhnungsgesten zwischen jugendlichen Kämpfern beider Seiten gegeben.

Beschwerde Liberias

Liberia habe sich beschwert, dass die Anklage gegen Taylor nicht mit der Immunität für amtierende Staatsoberhäupter zu vereinbaren sei, teilte der IGH am Mittowoch mit. Taylor wird vom UNO-Sondergericht für Sierra Leone wegen Kriegsverbrechen verfolgt. Ihm droht lebenslängliche Haft. Er hat seinen von den USA geforderten Gang ins Exil davon abhängig gemacht, ob die Anklage gegen ihn fallen gelassen wird. Der Sprecher des UNO-Sondergerichts schätzte die Erfolgsaussichten für Taylors Beschwerde aber als gering ein.

Bush genehmigt Entsendung von Soldaten US-Präsident George W. Bush genehmigte die sofortige Entsendung von sechs bis zehn amerikanischen Soldaten nach Monrovia, wie ein Regierungssprecher in Crawford (US-Bundesstaat Texas) am gestrigen Dienstagabend mitteilte. Vor der Küste Liberias sind derzeit die beiden US-Kriegsschiffe USS Iwo Jima und USS Carter Hall mit etwa 2.500 Soldaten an Bord stationiert, die die ECOMIL-Mission unterstützen sollen. Laut einem unbestätigten Bericht des US-Fernsehsenders NBC wollen die USA allenfalls 300 Marineinfanteristen nach Liberia entsenden, sollte sich Bush zu einem US-Einsatz im Land entschließen.

Spendenaufruf der UNO und Hilfsaktionen

UNO-Generalsekretär Kofi Annan erklärte am Dienstagabend bei einem Treffen mit Sicherheitsratsmitgliedern in New York, die Vereinten Nationen wollten 69 Millionen Dollar (rund 60 Millionen Euro) eintreiben. Fast die Hälfte dieses Betrags soll dem Welternährungsprogramm für seine Projekte in Liberia zu Gute kommen. 16 Millionen Dollar sind für das Kinderhilfswerk UNICEF vorgesehen. Der Spendenaufruf sollte am (heutigen) Mittwoch von Annans Sondergesandten für Liberia, Jacques Paul Klein, bei einem Treffen mit potenziellen Gebern lanciert werden.

Ein Hilfseinsatz in Liberia ist nach Einschätzung von Caritas-International auch nach der Ankunft von 200 nigerianischen Soldaten noch nicht möglich. Trotz einer leichten Besserung sei die Lage weiterhin zu unsicher, um einen Einsatz verantworten zu können, sagte der Leiter der Katastrophenhilfe von Caritas-International, Jürgen Lieser, am im DeutschlandRadio Berlin. "Dazu bedarf es ganz, ganz dringend einer noch massiveren Intervention, um das überhaupt erst einmal zuzulassen."

Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wies auf die weiterhin prekäre Sicherheitslage in Monrovia hin. Zwar werde nicht mehr geschossen, doch seien weiterhin alle Lebensmittellager im für humanitäre Organisationen bisher unzugänglichen Rebellengebiet, sagte die lokale IKRK-Chefin Dominique Liengme.

Das Kinderhilfswerk UNICEF rief dringend zu Spenden auf. Die Notleidenden müssten möglichst schnell mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten versorgt werden. Allein in Monrovia sind mehr als eine Million Menschen von Cholera, Malaria, Lungenentzündungen oder Masern bedroht, die meisten davon sind Kinder und Jugendliche. Mittlerweile hätten schätzungsweise 450.000 Flüchtlinge in Monrovia Zuflucht gesucht, die alle unter katastrophalen Bedingungen lebten. Es gibt so gut wie kein sauberes Trinkwasser mehr. Der Preis für eine Tasse Reis ist laut UNICEF in den vergangenen Wochen von zehn auf hundert liberianische Dollar gestiegen. (APA/AP/Reuters/sda/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein brennendes Gebäude in der Nähe des von Rebellen kontrollierten Hafens

Share if you care.