Britische Regierung erneut unter Druck

7. August 2003, 18:55
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Blair-Sprecher hatte Ex-Waffeninspektor Kelly als "wichtigtuerischen Fantasten" bezeichnet

London - Der Vergleich des verstorbenen Waffenexperten David Kelly mit einem "Tagträumer" hat einen britischen Regierungssprecher stark unter Druck gebracht. Tom Kelly entschuldigte sich am Dienstag für seine Äußerungen. Laut Medienberichten hatte er den Irak-Experten und ehemaligen UNO-Waffeninspektor, der nach Querelen um die Rechtfertigung des britischen Kriegskurses Selbstmord beging, als Fantasten dargestellt. Oppositionspolitiker forderten seine Entlassung.

Entschuldigung bei der Familie

Der Vergleich mit einer Romanfigur sei nicht als Feststellung zu verstehen gewesen, erklärte Regierungssprecher Kelly am Dienstag. Er habe lediglich eine Reihe von Fragen aufgeworfen, die sich der Untersuchungsausschuss zum Tod des Waffenexperten zu stellen habe. Bei der Familie des Verstorbenen entschuldigte er sich. Auch Vizepremier John Prescott entschuldigte sich im Namen der Regierung bei Kellys Witwe.

Die Zeitung "The Independent" hatte am Montag berichtet, dass ein nicht näher identifizierter hoher Regierungsbeamter den Waffenexperten mit der literarischen Figur Walter Mitty verglich, einem Tagträumer aus einer Erzählung von James Thurber, der sich in seinen Gedanken als Held sieht. David Kelly habe möglicherweise über Dinge gesprochen, von denen er nichts wusste, als er der BBC sagte, die Regierung habe die von Irak ausgehende Bedrohung übertrieben, wurde die Quelle zitiert.

Die Fragen, die er aufgeworfen habe, seien nicht auf den Irak-Experten beschränkt, sondern beträfen alle Parteien, erklärte Regierungssprecher Kelly. Es sei nicht um sein Urteil oder das der Regierung gegangen. "Wir haben über Fragen gesprochen, nicht über Antworten", sagte er. Tom Kelly ist einer der beiden offiziellen Sprecher von Premierminister Tony Blair.

Entlassung gefordert

Blairs Kritiker forderten am Dienstag die Entlassung des verantwortlichen Beamten. "Die Fähigkeit von Nummer 10 (Blairs Amtssitz in der Downing Street), uns anzuwidern, scheint grenzenlos zu sein", sagte Glenda Jackson, eine Abgeordnete von Blairs Labour Party, dem Radiosender BBC. "Ein Mann hat sein Leben verloren, seine Familie den Ehemann und Vater, und anscheinend will Nummer 10 jetzt auch noch seinen Ruf zerstören. Sie sind unglaublich."

Im Zentrum des Konflikts steht ein umstrittenes Dossier der britischen Regierung zu irakischen Waffenarsenalen. Als mögliche Quelle für einen kritischen Bericht der BBC, wonach die Regierung die ihr zur Verfügung stehenden Geheimdienstinformationen vor dem Irak-Krieg absichtlich aufgebauscht habe, wurde David Kelly genannt. Der ehemalige UNO-Waffeninspektor im Irak hat sich Mitte Juli das Leben genommen, nachdem er angeblich massiv unter Druck gesetzt worden war. Wie es zur Nennung von Kellys Namen in Zusammenhang mit dem BBC-Bericht kam, soll eine öffentliche Untersuchung unter Leitung von Lord-Richter Lord Hutton klären. (APA/AP)

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    Tom Kelly sieht sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

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