Abschied vom Dachschwimmbad

2. Juni 2003, 18:00
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Das mit dem Baden habe ich versaut. Ich habe es nicht hingekriegt. Und es wäre zwar einfach,...

...aber doch auch gemein, dafür Georg Stumpf verantwortlich zu machen. Denn dem habe ich in den letzten Jahren gar nicht die Chance gegeben, mir den Spaß zu verderben - weil ich gar nicht gefragt habe. (Siehe auch die Stadtgeschichte „Mit Georg am Pool“ vom Mai 2001) Und weil Stumpf - oder zumindest seine Hausverwalter - ansonsten eigentlich gegenüber fast jedem Blödsinn offen waren. Aber damit ist jetzt Schluss. Und ich war nicht baden.

Stumpf hat, das dürfte bekannt sein, seinen Millennium Tower verkauft. An irgendein Immobilienunternehmen. Darum gehe ich davon aus, dass es in Zukunft wohl kein Badevergnügen beim höchsten Top der Stadt geben wird: Vom Traum, einmal im Pool auf dem Dach des Millennium Towers zu planschen und dabei auf die 160, 180 oder Wievielemeterauchimmer unter mir liegende Stadt zu blicken, werde ich mich wohl verabschieden müssen.

Dabei kennen wir einander doch schon so lange, der Pool und ich. Das erste Mal trafen wir einander, als das Haus noch gar nicht fertig war. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie man verhindert, dass die Gesetze von Schwerkraft und Fallbeschleunigung die bei Klospülungen üblichen neun Liter Wasser nicht mit annähernder Schallgeschwindigkeit (gut, das ist eine Übertreibung) und (jedenfalls) mit ganz ordentlicher Wucht 180 Meter tiefer in die Kanalisation knallen lassen, hatte mich der Facilitymanager - ein Wolkenkratzer hat nicht einfach einen Hausmeister - durch die Baustelle geführt.

Ein Sprinkler-Badeteich

Und dort, wo das schräge Dach der Top-Penthouse-Etagen beginnt, war ich relativ baff, als er mir an einem kleinen, runden Swimmingpool, in dem gerade die Scheinwerfer und die Leiter montiert wurden mit völlig ernstem Blick erklärte, dass hier eine Brandschutzeinrichtung installiert werde. Erst auf Nachfrage lächelt der biedere Mann: Als Ergänzung zu den Sprinkleranlagen mit ihren enormen Pumpen im Keller müsse bei Häusern dieser Größe eben ein Wassertank relativ ganz oben eingebaut werden. Und weil keine Vorschrift bekannt sei, die besage, dass man in den Tank nicht hineinspringen können dürfe, werde hier eben ein Pool gebaut. Aber, feixte der Hausmeister noch bevor ich danach hätte fragen können, auch wenn es für die obersten Geschoße des Turmes keine oder noch keine Mieter gäbe, wäre es falsch daraus zu schließen, dass hier eventuell ein Luxusdomizil am Dach der Stadt entstünde. Ganz ganz ganz falsch. Schließlich, zwinkerte der Mann, sei das Gebäude ja nicht als Wohnhaus gewidmet.

Zum Ausgleich für das damals noch nicht mögliche Badevergnügen kletterten wir durch die Dachluke bis an den tatsächlich - fast - höchsten Punkt des Turmes, klammerten uns an den Antennenmasten fest und schauten die Donau entlang bis nach Hainburg. Und weil neben dem nüchternen Facilitymanager auch noch ein an der Detailplanung des Hauses und dessen Inschusshaltung beteiligter Architekt mit uns auf dem Dach der Stadt herumkrabbelte und der mindestens genauso verspielt und kindisch war wie - scheinbar - viele Männer, denen man Playmobil und Lego endgültig weggenommen hat, durfte ich bald darauf wieder auf den Abenteuerspielplatz: Zum Liftfahren.

Expressliftsurfen

Sicher, hatte der Architekt gesagt, 51 Stockwerk im Expresslift wären eine fade Sache. Wenn man drinnen steht. Aber ob ich schon mal auf dem Lift gestanden habe. Und zwar nicht - wie es offiziell sogar erlaubt ist - bei Servicefahrten in Schrittgeschwindigkeit, sondern bei vollem Tempo. Express eben. Rauf, in ein schwarzes Loch das plötzlich doch ein Ende hat. Und runter, wenn der Luftzug der vorbeisausenden Kabinen im Nachbarschacht einen ein Loblied auf jeden klappernden Karabiner anstimmen lässt und der Magen an die Schädeldecke gedrückt wird. Angst davor, dass das zum Volkssport werden könne, erklärte der Architekt, habe er keine: An den Sicherheitskontrollen beim Zugang und denen der Haustechnik komme so rasch niemand vorbei. Es war Herbst. Oder Winter. Der Pool am Dach, sagte mein Guide, sei derzeit zugedeckt und nicht benutzbar.

Und auch als ich - bisher - das letzte Mal am Dach des Turmes war, war der Pool kein Thema. Der Architekt hatte eine Fahrt mit dem Fensterputzer organisiert. Und als auf 160 Meter Höhe eine an zwei dünnen Stahlseilen hängende Gondel über die Brüstung des Turmes ins tiefe Nichts geschwenkt wurde und der Fensterputzer erklärt, dass sogar sein Wettex-Fetzerl angeleint ist, weil es nach 160 Meter freiem Fall sonst - und zwar „locker“ - die dreifache Panzerglasplatte über der Mall durchschlagen würde (er könne mir da Schauergeschichten von abgestürtzen Hämmern, Schlüsseln und Schrauben während des Turmbaus erzählen) war der Pool nebenan so ungefähr das letzte, woran ich dachte. Und das war dann auch während der Putzfahrt - nicht so schnell wie am Lift, aber dafür mit einem umwerfenden Ausblick - so: Erst als wir die Klettergurte wieder abgelegt hatten und auf dem Weg zurück in die Stadt waren, fiel mir der Pool wieder ein - und ich nahm mir vor, bald bei Stumpf anzurufen und mit meinem Schwimmtier vorbei zu kommen.

Jetzt hat Georg Stumpf den Turm verkauft. An irgendein Immobilienunternehmen. Ein deutsches, wie man hört. Sicher: Ich könnte dort ja einfach anrufen. Und fragen. Aber meine Vorurteile will ich mir halt auch nicht so einfach nehmen lassen. Vielleicht rufe ich diese Woche noch an bei Georg Stumpf. Irgendwo wird der schon ein Bild von einem Aufblasdingsbums im kleinen Pool haben. Das soll er mir einfach schenken. Zur Erinnerung. Und damit ich in ein par Jahren behaupten und „beweisen“ kann, doch im höchsten Planschbecken der Stadt gewesen zu sein. Und dann ganz nostalgisch und traurig drein zu schauen.

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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