Vor den Bautrupps kommen die Archäologen

8. August 2003, 21:06
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Im Tullnerfeld wird die neue Hochgeschwindigkeitstrasse der Westbahn errichtet - doch auch räuberische Hobbygraber zieht es hin

St. Pölten - Vom Standpunkt des archäologischen Praktikers aus liegt das südliche Tullnerfeld 60 Zentimeter tiefer als in den Landkarten festgehalten. Unter dem fruchtbaren Humus nämlich, den die wissenschaftlichen Erdarbeiter "mit 20-Tonnen-Löffelbaggern in 30 Meter breiten Streifen vom Boden abziehen" - wie es Grabungsleiter Christian Stöckl erläutert.

In die so entstandenen staubigen Wannen inmitten des mannshoch gewachsenen Mais rücken dann - mit Schaufeln und Pinseln bewaffnet - die Grabungsteams ein. Um zum Beispiel die knöchernen Überreste eines Tullnerfeld-Bewohners von vor 3500 Jahren aus dem Erdreich zu holen, dessen Zähne überraschend weiß hervorgrinsen.

"Mittlere Bronzezeit", sagt Stöckl. "Mit den typischen Grabbeigaben: Dolch und Essensreste", ergänzt sein Chef, Christoph Blesl. Die Zähne, so versichern beide, seien nur scheinbar intakt: "Zahnschmelz hält am längsten. Auch die Menschen von früher haben an Karies gelitten."

Blesl ist Leiter des derzeit größten archäologischen Projekts in Österreich: Der so genannten Rettungsgrabung, die das Bundesdenkmalamt (BDA) bis Herbst 2004 im Tullnerfeld und im Perschlingtal durchführt. Auf insgesamt 600.000 Quadratmetern, um 5,7 Millionen Euro: Die Grabungsorte sind Baugebiet der von der Hochleistungsstrecken-AG (HL-AG) errichteten, zweispurigen Hochgeschwindigkeitstrasse der Westbahn von Wien nach St. Pölten.

Würde man vor dem Trassenbau nicht "alles Wichtige" aus dem Erdreich bergen: "Das archäologische Erbe wäre unwiederbringlich verloren", erläutert Blesl. So wie es jedes Mal geschehen sei, wenn sich spätere Kulturen auf historischen Siedlungsorten breit machten - "mit dem Unterschied, dass es früher keine vergleichbar zerstörerischen Baugeräte gab."

Ruinierte Fundorte

Die vor der Bahn geretteten Fundstücke aus der Römerzeit, der Hallstatt- (800 bis 450 vor Christus) und Bronzezeit (2500 bis 750 v. C.) oder gar aus den altneolithischen frühen Bauernkulturen ab 6000 v. C. sollen Wissenschaftern zur Bearbeitung zur Verfügung stehen. Es sei denn, heimliche Konkurrenten der BDA-Bergetrupps waren schneller: "Raubgraber und Feldgeher, Münzsammler und anerkennungshungrige Heimatforscher", wie Blesl sie bezeichnet, die in dunkler Nacht mit Metallsuchgeräten über die Felder stolperten.

Die eigenmächtigen Sucher und Sammler - verschwiegen, doch per Internet vernetzt - folgten dem offiziellen Grabungsverlauf auf dem Fuße, schildert der Projektleiter. Das Problem: "So wie ein tief gelegter Ferrari vor der Disco Reifenspuren hinterlässt", ruinierten die Schwarzarchäologen die nicht versicherte Infrastruktur an den Fundstellen.

Als Gegenstrategie versuche man, "diese Leute in unsere Arbeit einzubinden". Lieferten sie Fundstücke ab, so werde ihnen Verfolgungsfreiheit zugesichert. Doch am wichtigsten bleibe Diskretion: "Vor Grabungsabschluss teilen wir den Ort via Medien nicht mit." Wie auch in diesem Fall - dem Gräberfeld im Mais. (Irene Brickner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 8. 2003)

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