Tiefsinnige Vulkanausbrüche

12. August 2003, 14:11
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Der Pianist Arcadi Volodos gastierte in Salzburg im Großen Festspielhaus

Salzburg - Man muss Arcadi Volodos nicht nur gehört, sondern auch gesehen haben, um sich der Spannung zwischen Gelassenheit und gestalterischer Explosivität bewusst zu werden. Sehr privat, von rund 2000 Zuhörern anscheinend nur am Rande beeindruckt, macht es sich Volodos auf einem ganz normalen Stuhl bequem, gewöhnt seinen Rücken an die Lehne.

Und dann, wie in einem mysteriösen Prozess der Verwandlung, beginnt ein ebenso leicht- wie tiefsinniges Spiel der kleinsten, im nächsten Moment schwellenden, zuweilen geradezu dreidimensional, also akustisch gewissermaßen begehbaren Ereignisse, als habe sich das Raffinierteste mit dem Selbstverständlichen versöhnt.

Eine bis ins Letzte durchgearbeitete Klavierkunst im Zeichen der Bescheidenheit, denn Volodos gleitet in sein Programm, als habe er in der Garderobe schon stundenlang über dieselben Skrjabin-Kostbarkeiten (darunter die Sonate Nr. 8 op. 66) nachgedacht - und nun setze er diese Erwägungen in aller staunenden Öffentlichkeit fort. Dieser Vulkan agiert freilich nach den berechenbaren Reglements einer der Erdbebenforschung abgelauschten Richterskala. Den leisen, ungeheuerlich plastischen RachmaninowPréludes und -Transkriptionen, einer wie fremdsprachlich servierten Schubert-Sonate (D 157), einer Gruppe von gebremst pathetischen Liszt-Charakteren folgten vor der Pause bzw. gegen Ende des Programms die erhofften Ausbrüche.

Zunächst in Form einer Polka italienne, die Rachmaninow für Klavier zu vier Händen gesetzt hat, mit der sich Volodos einen rhythmisch deftigen, reich ornamentierten Virtuosenspaß erlaubt - den Beweis führend, dass für seine zehn Finger nichts leichter ist als alles, was ansonsten deren zwanzig halbwegs zu bewältigen vermögen.

Am Ende dann die Lisztsche Transkription der Danse macabre von Saint-Saëns und im Zugabenteil neben Mussorgskys Gopak in der Rachmaninow-Fassung noch eine neue Carmen-Paraphrase des 31-jährigen Volodos selbst - allesamt Leistungen von überwältigender, fast möchte man ausrufen: konkurrenzloser Überbravour. (coss/DER STANDARD; Printausgabe, 05.08.2003)

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