Besser spät als nie

12. August 2003, 19:12
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Mit dem Einmarsch der Friedenstruppe wächst die Hoffnung in Liberia - Von Gerhard Plott

Tausende Menschenleben hätten in den letzten Wochen gerettet werden können, wäre die internationale Friedenstruppe schon früher in Liberia einmarschiert. Lange ließen die nigerianischen Soldaten der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas auf sich warten, die im Auftrag der USA die Kastanien aus dem Feuer holen sollen.

Auch die USA selbst zierten sich über Gebühr. Drei Kriegsschiffe lagen vor der liberianischen Küste, doch die US-Marines griffen nicht ein, obwohl sie ein leichtes Spiel gehabt hätten: Sowohl die regierungsnahen Milizen als auch die Rebellen gelten als amerikafreundlich und wünschten sich sogar einen Einmarsch der US-Truppen.

Aber immerhin: Jetzt sind erste Vorauskommandos der Nigerianer eingetroffen, die Rebellen haben versprochen, sich zurückzuziehen. Staatschef Charles Taylor, ein blutrünstiger Gangster der Extraklasse, kann sein Versprechen wahr machen und sich ins Exil zurückziehen. Erstmals gibt es wieder eine Hoffnung auf Frieden in dem geschundenen Land, das seit 1980 praktisch ununterbrochen unter Massakern und Bürgerkrieg gelitten hat.

Ob es den Soldaten der Ecowas-Truppe alleine gelingt, Frieden und Stabilität zu garantieren, ist aber trotzdem nicht sicher. Um 1996, es tobte der Bürgerkrieg zwischen dem damaligen Präsidenten Samuel Doe und dem Rebellenführer Charles Taylor, sandte die Ecowas auch schon eine Friedenstruppe nach Liberia.

Diese Eingreiftruppe, Ecomog genannt, machte sich allerdings nur deshalb einen Namen, weil sie ungehemmt an Plünderungen und Ausschreitungen teilnahm, anstatt die Konfliktparteien voneinander zu trennen. Das Kürzel Ecomog wurde zum Synonym für "Every car or moveable object gone" ("Jedes Auto oder bewegliche Objekt ist weg"), die mehrheitlich nigerianischen Truppen schleppten Container voll Raubgut außer Landes.

Auch damals hielten sich die USA zurück, obwohl Washington gegenüber Liberia eine besondere Verantwortung trägt. Im frühen 19. Jahrhundert kauften Gegner des Sklavenhandels amerikanische Sklaven frei und schafften sie in ihre mutmaßliche Heimat zurück. Die ehemaligen Sklaven bildeten jedoch sofort eine neue Oberschicht, die im Namen des Christentums die ortsansässige Bevölkerung unterjochte, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft aufbaute und selbst Sklavenhandel betrieb.

Der Polit-Kitt, der die Einwanderer zusammenhielt und von den Einheimischen abgrenzte, war damals pikanterweise die "True Whig Party", deren Hauptquartier, ein Freimaurertempel in Monrovia, seit der Ermordung des demokratisch gewählten Präsidenten William Tolbert 1980 als öffentliche Toilette dient.

Weil die offizielle Währung der US-Dollar war und die Wirtschaft von amerikanischen Firmen kontrolliert wurde, gelang es der liberianischen Regierung nie, die Kontrolle über den Geldfluss zu gewinnen. Mehr als 1,5 Milliarden Dollar verließen zwischen 1946 und 1975 als Profite das Land, ohne dass die Regierung Liberias auch nur einen Cent davon sah.

Vor allem Kautschuk - Liberia war um 1950 die größte Kautschukplantage der Welt, in der praktisch die gesamte männliche Bevölkerung des Landes für den Reifenhersteller Firestone arbeitete -, später Eisenerz und Tropenholz wurden hochprofitabel verkauft. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass auch die jetzige Rebellion gegen Charles Taylor exakt zu jenem Zeitpunkt begann, als Taylor mit dem Holzkonzern Oriental Timber Cooperation zu streiten begann. Plötzlich verfügte eine Hand voll Aufständischer über moderne Waffen und konnte Taylor in Bedrängnis bringen. So machen Konzerne in Afrika Politik.

Bei diesen erklecklichen Profiten, die Washington im Lauf der Zeit aus Liberia zog, wäre es nur fair gewesen, hätten sich US-Marines an die Spitze der Friedenstruppen gestellt und den überforderten afrikanischen Soldaten geholfen. Doch Fairness ist eben keine politische Kategorie. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2003)

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