Alles klar, Mrs. Columbo

6. Oktober 2003, 15:56
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Es gibt Dinge im Leben eines fernsehenden Mannes, die von elementarem Gebrauchswert sind ...

Sie strukturieren die Lebenswelt, helfen das Dasein zu verschönern, verleihen Stetigkeit und Plastizität.

Zu Artikeln besagter Art gehören, ohne besondere Reihenfolge, die WC-Ente, das Dosenbier, Kai Pflaume - vor allem aber die US-Krimi-Serie Columbo, deren rund 754 Folgen vom ORF in einer unergründlichen, exponentiellen, wahrscheinlich aber der Chaostheorie entlehnten Abfolge auf die im Prinzip ordnungshungrige Menschheit losgelassen werden. Dieser Kommissar, ein plattfüßiger, italokalifornischer "Schnüffler" im Caritas-Trenchcoat, überzieht die Reichen und Schönen von L. A. mit Myriaden von Mutmaßungen, wo diese in fraglichen Mordnächten ihr bisschen Erlebnishunger gestillt haben. Er weiß vorab die Lösung. Er liest aschfarbene Frauenhaare von Fußmatten auf und schwätzt alle zu mit den Küchenweisheiten seiner "Mrs. Columbo", die noch nie jemand gesehen hat.

Die Mörder der Vietnam-Trauma-Jahre tragen Sakkos mit Lederflecken auf den Ellbogen, kuriose Schnäuzer und trinken rauchfarbenen Whiskey aus scharf geschliffenen Zahnputzgläsern. Es muss eine finstere Zeit gewesen sein. Sie wird nie mehr aus unseren Köpfen schwinden. Sie kostet uns sogar das bisschen Lebenszeit, das wir sinnstiftend - mit unseren Lieben scherzend, sie treuherzig neckend - umso vieles nützlicher zubringen können. Sonntag. Der Kommissar geht um. Es ist die Zeit unserer Schuldigkeit. (poh/DER STANDARD; Printausgabe, 5.8.2003)

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