Grazer "Masomania"

3. August 2003, 10:00
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Eine Menge Bücher: Neues und Altes zu Leopold von Sacher-Masoch

Ein Friseur, ein Blumenladen, eine Apotheke, neben dem wuchtigen Eingangstor ein unscheinbares Schild ("Architekt Günther Domenig") - das Haus Ecke Jahngasse/Wickenburggasse in Graz zeigt keinerlei äußerliche Anzeichen des Gedenkens an die jahrelange Wohnadresse "einer der bedeutendsten Grazer Persönlichkeiten", des "Grazer Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch", wie ihn die Website von "Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas" tituliert. Vielleicht wäre die Anbringung einer Gedenktafel auch nicht mehr zeitgemäß, also gedachte Graz "seines" Schriftstellers mit einem Festival, bei dem etwa Peter Weibel in der Ausstellung "Phantom der Lust" über "Visionen des Masochismus in der Kunst" assoziierte und die Wissenschafter eines Symposions oder Gerhard Rühm in einem "Sprechstück mit Chor" von der "Masomania" erfasst werden sollte. Die Sacher-Masoch-Industrie warf als Nebenprodukte auch eine Reihe von Publikationen ab, die dazu angetan sein könnten, einige der dunklen Bereiche von Vita und Werk dieses - abseits der Venus im Pelz - nach wie vor wenig bekannten Schriftstellers auszuleuchten.

Den Reigen eröffnete Anfang des Jahres Lisbeth Exner mit ihrer rororo-Monografie. Es gelingt der Germanistin ausgezeichnet, die in dieser Reihe geforderte leichte Lesbarkeit und Verständlichkeit mit fundierter Recherche zu verbinden, in der Einleitung verspricht sie nichts weniger, als "erstmals verlässliche biografische Daten" zu liefern. Naturgemäß geht auch sie vom Begriff Masochismus aus, an den, seitdem der Teilzeit-Grazer Richard von Krafft-Ebing 1891 den Terminus in seiner Psychopathia sexualis prägte, das uvre Sacher-Masochs gekettet ist. Diese Verknüpfung, bedauert Exner, habe aber nicht wie im Falle von Sadismus und de Sade zu einem gesteigerten Interesse am "Ursprungswerk" geführt: "Außerhalb der erotischen Nische und neben der durchaus regen wissenschaftlichen Forschung gibt es kein breiteres Interesse."

Exner stellt erfrischenderweise gleich zu Beginn zwei Dinge klar: Sacher-Masoch war zum einen ein unsteter Zeitgenosse, Graz, dessen Bewohner er gerne als "Abderiten", einfältige Schildbürger, bezeichnete, nur eine seiner vielen Stationen zwischen dem Geburtsort Lemberg und dem Sterbeort Lindheim in Hessen. Zum anderen findet sie klare Worte zur Qualität eines Gutteils seiner Literatur: "triviale Massenware". Daneben stehen allerdings einige seiner Novellen, die ihn nicht zu Unrecht zu Lebzeiten als Nachfolger Turgenjews gelten ließen.

Lisbeth Exner arbeitet konzis diese Widersprüche heraus und bleibt dabei in gesunder Distanz zu ihrem Untersuchungsgegenstand - zweifellos kein leichtes Unterfangen bei einem so manischen Selbststilisierer. Sie versucht zudem Antworten auf die spannende Frage nach der heutigen Lesbarkeit seiner Werke zu geben und hat nebenbei noch Platz für Gossip: Marianne Faithfull, eine Urgroßnichte Sacher-Masochs, schenkte einen der Zinnteller, die zur Erhebung der Familie in den Ritterstand 1729 überreicht wurden, Mick Jagger.

Da der Nachlass Sacher-Masochs als verschollen gilt, muss auch Exner streckenweise auf drei Publikationen zurückgreifen, deren Authentizität zumindest zweifelhaft ist: 1906 veröffentlichte die erste Ehefrau des Autors, die sich nach der Hauptfigur der Venus im Pelz Wanda nannte, ihre Lebensbeichte; Carl Felix von Schlichtegroll, ein deutscher Porträtist, Trivialautor sowie Flagellationsexperte, der sich als Anwalt des "Nachfolgers Goethes" sah und bereits 1901 umfassende Studien zu Sacher-Masoch herausgebracht hatte, antwortete auf diesen "Kübel voll Schmutz und Unrat" mit "Wanda" ohne Maske und Pelz, dem er die einzigen erhalten gebliebenen Tagebuchpassagen hinzufügte. Wanda von Sacher-Masoch ließ 1908 wiederum einige "Berichtigungen" in Buchform folgen.

Der in Sachen Sacher-Masoch unglaublich umtriebige Münchner Kleinverleger Michael Farin vom belleville Verlag (sieben für das Frühjahr angekündigte Masoch-Titel) hat nun diese Schriften neu herausgebracht. Farin sieht sich offensichtlich als reinen Dokumentaristen, was hier leider fehlt, ist ein Nachwort, das auch dem nicht ausgewiesenen Masoch-Spezialisten schlichtweg erklärt, wer Schlichtegroll war und - wenn das noch rekonstruierbar ist - wie er zu Sacher-Masoch stand. Man kann aber die Fehde zwischen Wanda und dem "Sekretär" als ein Kuriosum der Literaturgeschichte hinter sich lassen und wird bei Schlichtegroll neben Lobeshymnen auch Erhellendes zum Werk des "Galiziers" und seiner Wirkung finden (etwa "Masochismus in der Kunst"). In der Lebensbeichte der geborenen Aurora Rümelin eröffnet sich dem Leser hinter viel Trivialem und Effekthascherei durchaus auch spannendes soziokulturelles Zeitkolorit.

Es ist ein Topos der Masoch-Forschung seit Krafft-Ebing und Schlichtegroll, dass der Autor ohne seine "Krankheit" ein besserer Schriftsteller gewesen wäre; und nicht wenige der interpretierenden Männer machen die Ehefrau für die Zuspitzung dieser "Fixierung" verantwortlich. In dem von den Grazer Germanistinnen Ingrid Spörk und Alexandra Strohmaier herausgegebenen Dossierband schlägt ausgerechnet Michael Farin in diese Kerbe, sein "Kurzer Abriss des Lebens" macht Wanda erneut zur schuldhaft treulosen und in Wirtschaftsbelangen unfähigen Ehefrau. Zweifelsohne war Aurora/ Wanda gut im Maskieren und Kaschieren und versuchte aus ihrem Namen Kapital zu schlagen, aber auch Farin zieht daneben die sozialen und ökonomischen Zwänge der Zeit gerade für eine Frau nicht in Betracht. Und es ist mittlerweile Common Sense der Forschung, dass es ist immer der Masochist ist, der die Fäden, die Macht in der Hand hat. (Hartmut Böhme: Die Domina "ist Dienstleisterin", "sie ist Instrument, nämlich Peitsche".)

Der Droschl-Dossier-Band zeigt, wie sehr die Forschung immer noch auf Schlichtegroll und die "Lebensbeichte" angewiesen ist und wie schwer sie sich nach wie vor mit der Einordnung dieser problematischen Quellen tut. Er führt aber auch vor, wie breit Sacher-Masoch mittlerweile diskutiert werden kann: Ingrid Spörk bringt Ansätze der Gender-Debatte ins Spiel, Hartmut Böhme breitet den kulturwissenschaftlichen Hintergrund der Venus im Pelz aus und wehrt sich dabei gegen eine psychogenetische Herleitung des Masochismus aus dem Text - genau das, was Alexandra Strohmaier mithilfe Judith Butlers sehr wohl schlüssig (aber leider nur mit exzessivem Einsatz des Fremdwörterlexikons verständlich) versucht.

Zwischendurch ist das Close Reading des belesensten Beitrages (Maria Klanska) richtiggehend erholsam. Schließlich kann man sich jederzeit zu Herzen nehmen, womit Pascal Quig-nard, der Gewinner des letztjährigen Prix Goncourt, bereits 1969 - durch den Dossierband erstmals auf Deutsch zugänglich - seine Gedanken zu Sacher-Masoch einleitete: "Fangen wir noch einmal an. Eine Menge Bücher sind da." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

Von Wolfgang Straub

Der Autor ist freier Verlagslektor, Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker.

  • Lisbeth Exner:
    Leopold von Sacher-Masoch.€ 8,50/160 Seiten. Rowohlt, Reinbek 2003
  • Wanda von Sacher-Masoch:
    Lebensbeichte. € 29,-/408 Seiten. belleville, München 2003
  • Carl Felix von Schlichtegroll:
    Sacher-Masoch. €29,-/ 416 Seiten. belleville, München 2003
  • Ingrid Spörk:
    Alexandra Strohmaier (Hg.), Leopold von Sacher-Masoch. (Dossier 20). € 31,-/
  • 384 Seiten. Droschl, Graz 2003.
    • Abseits der "Venus im Pelz" nach wie vor kaum bekannt: Leopold von Sacher-Masoch. Neue Publikationen leuchten nun unbekannte Bereiche seines Werks aus.
      bilder: belleville verlag

      Abseits der "Venus im Pelz" nach wie vor kaum bekannt: Leopold von Sacher-Masoch. Neue Publikationen leuchten nun unbekannte Bereiche seines Werks aus.

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