Kein Kulturschock zu befürchten

8. August 2003, 20:57
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Experten über Voraussetzungen für eine gelingende Adoption

Wer das Recht habe, über den Kinderwunsch anderer zu entscheiden - und damit über das Schicksal eines Kindes -, der trage besondere Verantwortung, meint der Wiener Kinderpsychiater Max Friedrich. "Wer kontrolliert die Kontrolleure?", fragt er. Zumal Home Studies über die Lebensumstände potenzieller Adoptiveltern "extrem von der Subjektivität des Menschen, der untersucht", geprägt seien.

Friedrich erinnert sich an den Fall eines "sehr vermögenden", zur Auslandsadoption entschlossenen Paares. Die Sozialarbeiterin habe "einen wahren Jubelbericht" verfasst, "doch die Oberfürsorgerin hat die Bewilligung abgelehnt". Nähere Erkundigungen hätten ergeben, "dass die Vorgesetzte selbst ein adoptiertes Kind war" und damit große Probleme hatte.

Um den störenden Einfluss unbearbeiteter Konflikte zu verringern - die natürlich auch zum Übersehen tatsächlicher Einwände führen können - schlägt Friedrich "regelmäßige Supervision" der Entscheidungsträger vor. In Ämtern wie in Vereinen.

Problem "zweite Wahl"

Ehrliches und systematisches In-sich-Gehen empfiehlt Friedrich aber auch den Adoptiveltern in spe. Vor allem in Fällen, wo ungewollte Kinderlosigkeit zu ihrem Entschluss geführt hat: Dann gehe es darum, "zu überprüfen, ob ein adoptiertes Kind ein Kind zweiter Wahl wäre - egal ob es aus dem In- oder Ausland kommt". Bestehe eine solche Wertschätzungshierarchie, so werde es "im Trotzalter oder spätestens in der Pubertät" Probleme geben.

Das sei auch im Fall von Adoptionen, "um Gutes zu tun", zu befürchten, ergänzt die Entwicklungspsychologin Brigitte Rollett. Sie besteht darauf: Wer Kinder aufziehen will, sollte "persönliche Freude" daran haben. Stimme das, so sei auch in späteren Jahren kein "Kulturschock" zu befürchten, wie er bei Auslandsadoptionen vielfach befürchtet wird. "Wenn ein Kind, als es zu den neuen Eltern kam, jünger als zweieinhalb war, dann wird es sich jenem Kulturkreis zurechnen, in dem es aufgewachsen ist." (Irene Brickner, DER STANDARD,Print-Ausgabe, 04.08.2003)

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