Kinder von ganz woanders her

8. August 2003, 20:57
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Menschen, die Kinder aus dem Ausland adoptieren wollen, werden oft allein gelassen und setzen sich dem Verdacht des Kinderhandels aus

Eines Tages, so erzählt Petra Fembek, habe ein Freund bei ihr daheim ein Video vorgeführt. Von ihrer und ihres Ehemannes Ankunft vor drei Jahren auf dem Flughafen Wien-Schwechat, zusammen mit Sheila (heute fünf) und Lara (heute viereinhalb) aus Delhi.

"In den Wochen darauf hat Lara allen gesagt, dass sie ursprünglich aus dem Flugzeug komme", erinnert sich die Politikwissenschafterin aus Wien: "Es war an uns, darauf zu reagieren. Ihr zu erklären, dass sie in Indien geboren ist, von einer indischen Mutter."

Heute spreche Lara von dem "indischen Bauch", dem sie entstamme. Eine durchaus altersadäquate Wortwahl, meint Fembek, die nach der Annahme der beiden kleinen indischen Mädchen an Kindes statt den Wiener Verein Family for you mitbegründet hat, den derzeit in Österreich einzig aktiven, als freier Wohlfahrtträger anerkannten Verein für Auslandsadoptionen.

Individuelle Betreuung

Der Verein hat vom Wiener Jugendamt die ausgegliederten Aufgaben der Erstinformation, der Sozialstudie (Home Study) und Nachbetreuung auslandsadoptionswilliger Eltern übernommen. Chefin Fembek will "das Thema aus der Tabuzone bringen". Sie sieht sich als Modernisiererin: "Die Auseinandersetzung mit Auslandsadoptionen steckte in Österreich bisher in den Kinderschuhen. Jetzt explodiert die Sache", meint sie. Ganz in diesem Sinne wurden in den vergangenen drei Jahren österreichweit mehrere Vereine für legale Auslandsadoptionen gegründet, von einer Selbsthilfegruppe der Innsbruckerin Sabine Knienieder (Kontakt: bine@ knienieder.com) bis zu der - vom Sozialministerium subventionierten - Informationsdrehscheibe Adoptionsberatung in der Steiermark. Ihnen allen ist der ehrliche, "natürliche" Umgang mit der Herkunftsfrage der Kinder ein Anliegen. Ebenso die klare Distanzierung von der "manchmal fast automatischen Unterstellung des Adoptionskinderhandels", wie Fembek es ausdrückt.

Um die Unterstellung gar nicht erst aufkommen zu lassen, arbeitet Family for you nach dem Subsidiaritätsprinzip, wie es das Haager Abkommen vorsieht (siehe Wissen). Dabei steht die Hilfe für Kinder in den Herkunftsländern im Vordergrund: Im südafrikanischen Masibambane College wurden Patenschaften für Schüler übernommen, in die Slowakei, nach Georgien und Indien 1500 von der Firma Palmers gesponserte Sweatshirts geschickt.

Staaten bestimmen

Im Gegenzug zu Hilfe gemäß dem Haager Abkommen werden in den Vertragsstaaten Kinder zur Adoption freigegeben, die im Geburtsland selbst kein Unterkommen finden können. Nach den jeweils national herrschenden Kriterien: Die Slowakei etwa akzeptiert im Zielstaat nur Elternpaare, Indien auch so genannte ,single mothers', Südafrika als einziges Land auch ,single fathers'.

"Sehr viele Kinder sind es nicht, die so nach Europa kommen", weiß Martina Reichl-Rossbacher, Leiterin des Referats für Adoptiv- und Pflegekinder in der Wiener Magistratsabteilung 11. Die relativ geringen Zahlen, die damit verbundenen Wartezeiten und das Zurückschrecken vor Behördenkontakten brächten eine größenmäßig undefinierte Gruppe Adoptionswilliger dazu, den "Haager Weg" zu umgehen. Sie wenden sich an Agenturen, die Kinder auf anderen Wegen vermitteln: "Über die erfahren wir nur, wenn es Probleme gibt", weiß die Beamtin.

Wie zum Beispiel mit Diljan (11) aus einem Waisenhaus in Bulgarien, den ein "total überfordertes" Adoptivelternpaar vor zwei Jahren in ein Krisenzentrum der MA11 brachte. Zum Glück, so Reichl-Rossbacher, sei das in Wien bisher "nur ein Einzelfall gewesen".

Um Derartiges zu verhindern, setzt man bei Family for you auf "eine möglichst offene Atmosphäre" bei der Beratung der Adoptivwilligen, auf gute Vorbereitung und - wenn gewünscht und nötig - langjährige Nachbetreuung. "Unsere Klienten müssen sich trauen, alles zu fragen." Wichtig sei vor allem, sich über die Natur des Kinderwunsches und mit ihm verbundene Erwartungen klar zu werden: "Im Grunde", sagt Fembek, "sollte es egal sein, ob das Kind aus dem eigenen oder aus einem fremden Bauch stammt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.8.2003)

Menschen, die Kinder aus dem Ausland adoptieren wollen, werden oft allein gelassen und setzen sich dem Verdacht des Kinderhandels aus. Nun wurde eine Lobby für legale Adoptionen geschaffen, schildert Irene Brickner.

Link

family4you.at

adoptionsberatung.at

  • Für Ehrlichkeit, gegen Tabus: Birgit Meisterl mit Igor auf dem Arm, Pascale Voyer mit Benjamin, Petra Fembek mit Sheila
    foto: der standard/cremer

    Für Ehrlichkeit, gegen Tabus: Birgit Meisterl mit Igor auf dem Arm, Pascale Voyer mit Benjamin, Petra Fembek mit Sheila

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