Atomkrise: Paris belastet Teheran

5. August 2003, 18:24
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Der Iran kann innerhalb weniger Jahre Nuklearwaffen herstellen, heißt es in einem vertraulichen Bericht der französischen Regierung

Paris empfiehlt seinen Verbündeten, Exporte in den Iran äußerst streng zu überwachen.


Wien/Paris/Teheran – "Frankreichs Einschätzung ist derzeit, dass dieses Land eine ausreichende Menge an spaltbaren Material erworben hat, um innerhalb weniger Jahre nukleare Waffen zu bauen." Das offizielle zivile Nuklearprogramm des Iran, so warnte die französische Regierung, "verdeckt wahrscheinlich ein militärisches Programm".

Der vertrauliche Bericht der französischen Regierung, gestützt auf Erkenntnisse des eigenen Auslandsgeheimdienstes und am Montag von der Los Angeles Times veröffentlicht, unterscheidet sich deutlich in Ton und Aussage von den zurückhaltenderen Stellungnahmen der EU-Staaten zur Atomkrise um den Iran. Die Erklärung, deren Inhalt – wie es einleitend im Text heißt – "mit der amerikanischen Seite koordiniert" war, gaben französische Vertreter bei einem Treffen der "Gruppe der Nuklearlieferländer" (NSG) Ende Mai in Pusan in Südkorea ab. "Wir haben schon in der Vergangenheit erklärt, dass uns der Iran nicht alles gesagt hat", bestätigte Lothar Wedekind, ein Sprecher der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien, Frankreichs Einschätzung. Die IAEO hoffe weiter, dass der Iran die "Zusatzprotokolle" zum Nichtverbreitungsvertrag unterzeichnen werde, die strengere Kontrollen nuklearer Anlagen erlauben, meinte der Sprecher gegenüber dem Standard. Drei Rechtsexperten der Wiener UN- Behörde halten dazu am heutigen Dienstag und Mittwoch Gespräche in Teheran ab.

IAEO-Direktor Mohamed ElBaradei listete bereits vergangenen Juni in einem Bericht die Versäumnisse der iranischen Regierung auf, die entgegen der Bestimmungen des Nichtverbreitungsvertrags von 1970 und weiterer Zusatzabkommen etwa die Einfuhr von 1,8 Tonnen Uran aus China 1991 verschwieg sowie den Bau verschiedener Nuklearanlagen. So sah ElBaradei erst bei einem Besuch im Iran im Februar dieses Jahres zwei im Bau befindliche Urananreicherungsanlagen in Natanz, 200 Kilometer südlich von Teheran. Insgesamt stehen seit Juni vier neue Anlagen im Land unter Beobachtung der Atombehörde. UN-Diplomaten gaben schließlich im Juli der Nachrichtenagentur Reuters bekannt, dass Inspektoren der IAEO Bodenproben mit Spuren von angereichertem Uran fanden, das zur Herstellung von waffenfähigen Material notwendig ist.

In ihrer Erklärung beim Treffen der Nuklearlieferländer in Südkorea berichtete die französische Regierung auch von Versuchen des Iran, Dokumente über Spot-Bestrahlung und deren Generatoren zu beschaffen. Solche Geräte würden auch für Atomtests und deren Simulation verwendet. Im Jahr 2006 könnte Teheran im Besitz nuklearer Sprengköpfe sein, zitierte die Los Angeles Times Anton Khlopkow, einen Atomexperten vom "Zentrum für politische Studien" in Moskau. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2003)

Von Markus Bernath
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