Wer hat Angst vor Fannie und Freddie?

11. August 2003, 11:22
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Die beiden größten US-Hypothekenfinanzierer sitzen jeweils auf über 500 Milliarden Dollar, und werden zu einem immer größeren Risiko - Gastkommentar von Michael Margules

Nicht so sehr die widersprüchlichen Konjunktursignale aus dem klassischen „Mekka“ des Wirtschaftswachstums, den Vereinigten Staaten, sondern ein Gerücht machte dem nach wie vor an den internationalen Finanzmärkten vorherrschenden vorsichtigen Optimismus zu schaffen: Laut einer Meldung der Agentur Bloomberg hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Mitgliedsbanken aufgefordert, Anleihen der beiden größten US-Hypothekenfinanzierer Freddie Mac sowie Fannie Mae – die schon Anfang Jahr durch zu tief(!) ausgewiesenen Gewinne in die Schlagzeilen gerieten – zu verkaufen. Zudem habe die EZB einen Teil ihrer Bestände abgestoßen, zitierte Bloomberg eine anonyme Quelle aus offensichtlich nicht allzu diskreten Zentralbank-Kreisen.

Privatisierte Hypothekarunternehmen mit....

Was machen Freddie (korrekter Name: Federal Home Loan Mortgage Corporation) und Fannie (Federal National Mortgage Association) eigentlich? Der US-Kongress gründete 1938 die Federal National Mortgage Association, um einer breiten Schicht der amerikanischen Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, ein eigenes Haus zu erwerben, und um den Wohnungsbau zu fördern. 1970 wurde, wiederum mit dem Segen des Kongresses, die Federal Home Loan Mortgage Corporation gegründet. Beide Hypothekarhäuser wurden im Verlauf der Siebzigerjahre privatisiert und später in Fannie Mae und Freddie Mac umgetauft. Die Unternehmen treten nicht direkt als Kreditgeber in Erscheinung, sondern sind auf dem Sekundärmarkt aktiv. Dazu kaufen sie in großem Stil Baukredite von anderen US-Banken. Einen Teil davon halten sie in der Bilanz, den Rest reichen sie als hypothekengesicherte Wertpapiere (mortgage-backed securities) an Investoren weiter. Die Mittel für ihr Geschäft besorgen sich die Schwesterfirmen am Kapitalmarkt mit(tels) der Ausgabe von Obligationen.

...unverändert staatsähnlichem Charakter

Beide Unternehmen sind sogenannte Government Sponsored Enterprises (GSE), und damit ging man allgemein davon aus, daß die US-Regierung Fannie Mae und Freddie Mac zu Hilfe eilen würde, sollten sie in finanzielle Schieflage geraten. Dementsprechend genießen die zahllosen Anleihen der beiden Unternehmen den Ruf einer Stabilität von Staatspapieren, und tragen auch das sogenannte Triple-AAA für höchste Kreditwürdigkeit.

ABER: die Dimensionen haben im Laufe der Jahre, und vor allem zuletzt durch die Immobilien-Hausse in den USA, gigantische Ausmaße angenommen: Freddie und Fannie kontrollieren 42 Prozent des 7 Billionen US-$ schweren Marktes für private Baudarlehen, dabei „sitzt“ Fannie auf Wohnungskrediten im Wert von rund 816 Milliarden Dollar, bei Freddie sind es „nur“ 573 Milliarden Dollar – nota bene fast komplett kreditfinanziert.

Und genau da liegt nun das Problem. Zwar zählen Fannie- und Freddie-Papiere nach wie vor zu den solidesten Investments überhaupt. „Wenn man aber beginnt, Fannie und Freddie als alleinstehende Unternehmen zu analysieren, erscheinen sie plötzlich als zwei der weltweit am stärksten schuldenfinanzierten Finanzinstitute weltweit“, zitiert das Wall Street Journal namhafte Experten in dieser Woche.

Weltweite Sorgenfalten

Derartige Blicke auf den Verschuldungsgrad und die damit verbundenen Risiken, die vor allem die Wertpapiere von Freddie und Fannie bergen, scheint auch offenbar EZB-Chef Wim Duisenberg zu fürchten. Zwar halten europäische Banken im Schnitt weniger als 10 Prozent der von Fannie und Freddie angebotenen Anleihen. Aber asiatische Zentralbanken sind mit einem Anteil von 25 bis 35 Prozent bedeutend gewichtiger. Und sie könnten dem Beispiel der EZB folgen.

Dies könnte eine Kettenreaktion mit ungeahnten Folgewirkungen auslösen. Sollten nämlich beide Hypothekarhäuser tatsächlich ernste Probleme bei der Kapitalaufnahme bekommen, könnte dies den amerikanischen Immobillienmarkt, die aktuell wohl wichtigste Stütze der dortigen Wirtschaft, auf das Stärkste belasten. Damit wiederum wäre die US-Notenbank als Helfer in der Not gefragt, und dies wie immer insbesondere in Sachen billige Liquiditätsbeschaffung.

Das Problem dabei: anders als zu Zeiten der Russland-, LCTM- oder 9/11-Krise hat die Notenbank ihr Zinssenkungspulver so gut wie verschossen. Wenig verheißungsvolle Alternative: die Gelddruckmaschinerie in Gang setzen, mit unausweichlichen Konsequenzen an der zur Zeit ruhigen Inflationsfront. Das Gegenmittel bei anziehenden Inflationsraten lautet bekanntlich „steigende Zinsen“, und die fürchten Wachstumsökonomen wie jene in Washingtoner Weissen Haus wie der Teufel das Weihwasser. Denn ein nachhaltiges Anziehen an der Zinsfront wäre gleichbedeutend mit unabsehbare Folgen für die US-Konjunktur und das gesamte Weltfinanzsystem – die ohnehin gar nicht so kleinen Mücken Freddie und Fannie könnten dann endgültig zu Elefanten mutieren!

Nachlese

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--> Bitte am Shareholder Value festhalten
--> Politischer Einfluss stützt Aktienrally
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Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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    foto: derstandard.at
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