Sprechende Hilfe gegen Herztod

10. August 2003, 22:10
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Seit Anfang des Jahres ist er auch in Österreich zu haben: der so genannte Laien-Defibrillator, der den Atem-Kreislauf-Stillstand verhindern soll. Ärzte befürworten das Gerät, das spricht und Anweisungen zur richtigen Handhabung gibt, warnen aber vor allzu großen Hoffnungen

40.000 Österreicher leiden an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 15.000 Menschen sterben pro Jahr an den Folgen eines Atem-Kreislauf-Stillstandes. "Plötzlicher Herztod" steht dann auf dem Totenschein, Leid und Entsetzen der Angehörigen sind groß - durch nichts hat sich das Versagen des Herzens angekündigt, der Mensch ist einfach umgefallen. Wäre er rechtzeitig und sachkundig reanimiert worden, lebte er vielleicht noch - doch der Notarzt kam zu spät.

Solche Szenen sollen in Zukunft seltener werden: Seit Anfang des Jahres ist in Österreich als einem der ersten Länder Europas der Defibrillator für jedermann zugelassen. Ein Gerät, das mittlerweile auch in Bädern griffbereit sein soll und sogar zur Grundausstattung von mobilen Staubetreuern gehört. Politiker verlangen flächendeckende Versorgung. Kein Wunder: Der Kasten enthält eine hochkomplexe Technologie, die es auch Laien ermöglichen soll, im Notfall lebensrettende Stromstöße zu verabreichen. Ist das Gerät gleich zur Hand und wird der Stromstoß innerhalb von 3 Minuten gesetzt, können 70 Prozent der Herz-Kreislauf-Versagen sofort behoben, der in Lebensgefahr Schwebende gerettet werden.

Eine Langzeitstudie in den Kasinos von Las Vegas gibt den Entwicklern dieser Defibrillatoren Recht: Sie hat ergeben, dass der Einsatz des kleinen Kästchens die Zahl der plötzlichen Herztode dramatisch reduzierte. Jeder zweite, der zusammengebrochen war, überlebte die Attacke. Der Grund: Die Kasinos hatten, für alle gut sichtbar, flächendeckend Laien-Defibrillatoren montiert.

Das Österreichische Rote Kreuz startete bereits im Jänner die Aktion "Defi hilft". Falsch machen kann man mit dem Gerät eigentlich nichts: Sobald man den Deckel öffnet, sagt eine freundliche, ruhige Automatenstimme jeden Schritt an. Vom Ansetzen der Elektroden bis zum Verabreichen des Elektroschocks. Das Gerät erkennt auch selbstständig, ob die Wiederbelebung überhaupt notwendig ist - wenn nicht, blockiert es sich selbst. Stellt es dagegen Kammerflimmern fest, ordnet die Stimme sofortige Reanimation an. Der "Defi" zählt dabei die Zahl der Herzschläge pro Minute - 60 bis 80 sollten es sein. Schlägt das Herz in wilden, unregelmäßigen Abständen und unterschiedlich stark, nennt das der Mediziner Fibrillieren oder Flimmern.

Wenn das Herz nicht mehr in der Lage ist, Blut durch den Körper zu pumpen, stirbt der Mensch. Sogar in Wien, wo die Rettung im Durchschnitt nicht länger als sechs Fahrminuten zum Einsatzort benötigt, ist der Notarzt oft zu spät. Der Patient ist daher auf den "first responder", den Ersthelfer, angewiesen - und darauf, dass dieser im Stress die Nerven behält.

Ärzte befürworten die Laien-Defibrillatoren - doch sie warnen auch vor überzogenen Hoffnungen: "Leben werden nur gerettet, wenn Menschen auch bereit sind, in Notsituationen zu helfen", meint etwa Erwin Rasinger, ÖVP-Gesundheitssprecher und niedergelassener Hausarzt. Rasinger: "Oft geraten Menschen in Panik, wenn einer umfällt, und trauen sich nicht, ihn anzugreifen." Kein Elektroschock der Welt könne helfen, so Rasinger, "wenn man Angst vor Erster Hilfe hat".

Daher gibt es den "Defi" im Handel (siehe Wissen) nur mit Auflage: Wer ihn kaufen möchte, muss gleichzeitig eine kurze Einschulung absolvieren, um für den Notfall gewappnet zu sein. Die drei wichtigsten Schritte: Zuerst muss man Notarzt oder Rettung rufen, dann sofort mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage beginnen; nützt das nichts, sofort zum Defibrillator greifen - er wird in aller Ruhe sagen, wie man weiterhilft. (Petra Stuiber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 8. 2003)

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