Katastrophen kalkulieren können

10. August 2003, 22:10
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Katastrophen werden sich nie ganz vermeiden lassen. Die Auswirkungen für die betroffenen Menschen und die Helfer möglichst abzuschwächen, ist daher die Hauptaufgabe des Desastermanagements. Die Forschung sucht nach neuen Prognosemodellen für eine effizientere Vorbereitung und nach Methoden für eine bessere Nachbetreuung

Waldbrände, Überschwemmungen, Wirbelstürme - beinahe täglich verstärken Berichte über Verwüstungen den Eindruck, dass Naturgewalten jährlich größere Schäden anrichten. Dieses Gefühl täuscht nicht, so Gerhard Grossmann, Leiter der Forschungsstelle für Krisen- und Katastrophenforschung an der Universität Graz. Gemeinsam mit Alexandra Kulmhofer konnte er feststellen, dass Katastrophen heute einen sechsmal höheren volkswirtschaftlichen Schaden anrichten als noch in den 60ern. "Schwere Unglücke mit verheerenden Wirkungen", wie die landläufige Definition von Katastrophe lautet, suchen auch Österreich in immer kürzeren Abständen mit immer größerer Wucht heim, so Grossmann.

Das stellt neue Anforderungen an das Katastrophenmanagement, das schon bei der Prävention ansetzt. Und da mangelt es laut Grossmann an fundierten "Vulnerabilitätsanalysen". Also Untersuchungen der verletzlichen Stellen einer Region. Gemeinsam mit der Uni für medizinische Informatik in Innsbruck arbeiten Grossmann und Kulmhofer gerade an der Ausarbeitung eines Profils für einen Teil der Steiermark. Für jeden einzelnen Quadratkilometer erheben die Forscher "natürliche" Risikofaktoren wie Flussverläufe oder abgerodete Waldflächen, aber auch, wo es einsatzfähige Geräte oder Menschen mit Fachkenntnissen wie Ärzte gibt. Das Ziel ist dabei, nicht nur im Katastrophenfall schnell alle nötigen Informationen zur Hand zu haben, sondern schon vor dem Eintreten die Alarmzeichen richtig zu deuten.

Ein - von der Datenbasis her kleineres - Prognosemodell erstellt haben Wissenschafter von Joanneum Research in Graz für Murenabgänge und Hochwasser. Als Grundlage zogen sie Angaben zum Gelände wie Pflanzenwuchs, Gerinne eines Flusses oder Gesteinsstruktur von ausgesuchten steirischen Einzugsgebieten heran, die sie mit Angaben zu Niederschlagsmengen kombinierten. Anhand von Fallbeispielen überprüften die Grazer ihr Modell und waren mit der Effizienz der Datenverarbeitung und -modellierung zufrieden, wie Projektleiter Herwig Proske schildert. Er hofft nun, dass die zuständigen Behörden auf derartige Prognosemodelle aufmerksam werden, die sie bei der Entscheidung über Katastrophenwarnungen und bei der Koordination des Rettungseinsatzes unterstützen könnten. Denn wenn erst einmal das Unglück passiert ist, brauchen die Rettungskräfte vor Ort möglichst schnell die richtigen Informationen.

Übermittelt werden die Daten meist über "Geografische Informationssysteme" (GIS, siehe Wissen). Über Laptops, kleine Taschencomputer (PDA) oder durch ein Funknetz können die Helfer alle notwendigen Informationen von Datenbanken abzapfen. Ein Beispiel für ein solches Informationssystem ist das "Lawine-Web", das vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Uni Wien und dem Lawinenwarndienst Tirol ausgearbeitet wurde. Vollautomatische Wetterstationen liefern alle zehn Minuten neue Daten über Schneelage und Temperatur, die nach Wien übertragen und in einer Datenbank gespeichert werden. Ein GIS setzt die Daten in eine Oberflächengrafik der Skigebiete um, die sowohl Profi-Bergsteigern als auch Lawinen-Verantwortlichen vor Ort schnell die aktuelle Gefahrenlage veranschaulicht.

Helfer leiden

Aber selbst wenn die Rettungseinsätze technisch gut unterstützt werden, die Katastrophe ist für die Helfer oft monatelang nicht vorbei. Wie viele von ihnen tatsächlich an geistigen und körperlichen Folgen leiden, untersuchte der Psychologe Gernot Brauchle vom Zentrum für Naturgefahren Management alpS in Innsbruck am Beispiel des Unglücks von Kaprun. 155 Menschen starben am 11. November 2000 im Tunnel der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn. Bei einem Viertel der damaligen Helfer war eine "Akute Belastungsstörung" feststellbar, wie Brauchle herausfand: Sie litten unter Schlafstörungen, Übererregung oder emotionaler Taubheit. Neun Prozent zeigten sogar posttraumatische Störungen, eine psychische Erkrankung, die ärztliche Behandlung erfordert. Zwar gebe es nach solchen Katastrophen Nachbesprechungen für die Beteiligten. Sie finden aber oft nur einmal nach dem Unglück statt und reduzieren die Symptome kaum.

Brauchle fand auch heraus, dass Einsatzleiter oft massiv an Schuldgefühlen leiden, die eigenen Mitarbeiter der Gefahr ausgesetzt zu haben: "Sie brauchen eine von den übrigen Helfern getrennte Nachbetreuung." Der Forscher will jetzt seine Ergebnisse den Entscheidungsträgern bei Katastrophen zukommen lassen. Eine Schulung für die behördlichen Einsatzleiter sei schon in Planung, erzählt er. Dass das Interesse an Katastrophenmanagement derzeit groß sei, bestätigt auch Grossmann, der im Herbst an der Innsbrucker Uni für medizinische Informatik mit einem neuen Lehrgang zum Thema startet. Um die Forschung voranzutreiben, muss allerdings auch die Aufmerksamkeit der öffentlichen Hand erhalten bleiben. Und daran zweifelt Joanneum-Forscher Proske: "Die Erfahrung zeigt: Das Interesse verschwindet, je länger das letzte Unglück zurückliegt." (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 8. 2003)

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