Pro & Contra: Freie Fahrt - Neurotische Raserei

14. August 2003, 19:17
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Für und Wider einer Erhöhung des Tempolimits auf Österreichs Autobahnen - Von Michael Simoner und Martina Salomon

PRO: Freie Fahrt


Michael Simoner

Ein alter Käfer ist kein Porsche und Schnellfahren ist nicht Rasen. Vorausgesetzt, die äußeren Umstände passen: also trockene Straße, freie Sicht und freie Fahrt. Ob 130 km/h oder 150, ist dabei - rein theoretisch - völlig egal. Es geht darum, ob die gewählte Geschwindigkeit den Verhältnissen angepasst ist. Und darum geht es immer, wenn man von Sicherheit spricht.

Auch 130 km/h auf der Autobahn können bei weitem zu schnell sein, zum Beispiel bei Regen im Wechselabschnitt auf der Süd. Wer dann in den engen Kurven die PS-Sau herauslässt, ist eine tödliche Gefahr - für sich selbst und für alle anderen Verkehrsteilnehmer.

Aber was, bitte, spricht auf der Westautobahn bei Amstetten gegen 150? Nichts, außer dem Gesetz. Hier herrscht kilometerweite Aussicht auf drei Spuren. Die Mehrheit aller Autofahrerinnen und Autofahrer fährt hier ohnehin schneller als erlaubt, und trotzdem ist der Abschnitt keine "Todesstrecke".

Dass ein generelles Tempolimit überhaupt dazu beitragen kann, Unfallzahlen zu verringern, ist äußerst umstritten. In diesem Zusammenhang immer wieder als Beispiel zitiert: Deutschland, wo es stellenweise überhaupt keine Geschwindigkeitsbeschränkung gibt. Und trotzdem ereignen sich in Deutschland im Verhältnis weniger Verkehrsunfälle als in Österreich.

Zugegeben, auch die Deutschen stehen im internationalen Vergleich der Unfallzahlen immer noch schlecht da. Aber das liegt nicht daran, dass es schnelle Zonen auf den Autobahnen gibt. Sondern, wie auch in Österreich, daran, dass Lenker alkoholisiert sind, zu wenig Sicherheitsabstand einhalten oder zum falschen Zeitpunkt aufs Gaspedal steigen. Ob das im Käfer geschieht oder im Porsche, macht letztlich keinen Unterschied.

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KONTRA: Neurotische Raserei


Von Martina Salomon

Die Autoindustrie baut Geschoße mit 440 PS. Sollen denn diese Höllenmaschinen, deren Tacho eine Höchstgeschwindigkeit von 260 ausweist, wirklich nur lahme 130 Stundenkilometer zuckeln dürfen? Ja, natürlich!

Was wäre denn das (fatale) Ergebnis eines höheren Tempolimits? Dass jene, die derzeit auf Autobahnen im Schnitt 150 statt der erlaubten 130 km/h fahren, künftig mit mindestens 170 Sachen unterwegs sind. Schon jetzt werden Autofahrer auf der Überholspur wüst bedrängt, wenn sie "nur" 140 fahren. Rasen und drängeln gilt hierzulande als kaum geahndetes Kavaliersdelikt, während Parksünder rigoros abgestraft werden.

In Mitteleuropa, wo man seine Neurosen im Gegensatz zu den USA gern auf der Straße auslebt, sind die Unfallzahlen ohnehin viel zu hoch. Würde ein Virus oder ein Atomkraftwerk jährlich Tausende Menschen ausrotten oder schwer verletzen, würde sich ein Heer von Experten und Politikern damit beschäftigen, wie die Gefahr gebannt werden könnte. Aber im alltäglichen "Krieg" auf der Straße werden Aggressionen mit tödlichem Ausgang nicht nur achselzuckend akzeptiert, man diskutiert sogar noch über mehr Tempo. Das entspricht durchaus dem Zeitgeist: Wer schwach und langsam ist, wird aussortiert. Schnell zu sein ist hingegen megacool. Ein für junge Fahranfänger (vorwiegend männlichen Geschlechts) tödliches Risiko.

Sogar die Umwelt leidet: Mit steigender Geschwindigkeit erhöhen sich Spritverbrauch und Schadstoffausstoß.

Alles keine Argumente für die tollkühnen Burschen in ihren (fast) fliegenden Kisten? Dann, liebe Kinder, gebt die Playstation frei! Damit die Erwachsenen ihre Sucht nach dem Geschwindigkeitsrausch dann und wann gefahrlos befriedigen können! (DER STANDARD, Printausgabe, 4.8.2003)

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    Die Geier lassen grüßen... - Plakatinitiative gegen Raser auf Deutschlands Autobahnen.

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