Kommentar der anderen: Klimawandel hautnah

24. Oktober 2003, 11:19
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Von Barbara Coudenhove-Kalergi

Vor der Obsternte in der Oststeiermark. Die Äpfel sind noch nicht ganz reif, sie sehen schön aus, aber der Bauer, der die Obstplantage gepachtet hat, ist nicht zufrieden. Nächstes Jahr läuft sein Pachtvertrag aus, er will ihn nicht verlängern. Nachfolger ist keiner in Sicht.

Warum? "Klimawandel", lautet kurz und bündig die Antwort. Das Klima ist zu heiß und zu trocken geworden in den letzten Jahren, die Äpfel bekommen nicht genug Saft. Letztes Jahr hat der Pächter die halbe Ernte wegwerfen müssen. Beim Lagern im Kühlhaus sind die Früchte schwarz geworden.

"Klimawandel", "globale Erwärmung", "Temperaturkatastrophe" - das sind Begriffe, die man gemeinhin aus dem Fernsehen kennt, weit entfernte Gebiete betreffend. Dürre in Afrika. Sturmfluten in Asien. Hurrikane in Amerika. Etwas für Wetterexperten und Ökologiespezialisten. Interessant, aber nicht für uns. Jetzt aber rückt der Klimawandel allmählich in den Erfahrungshorizont des Normalverbrauchers. Die Veränderungen holen uns ein.

Neulich ein Ausflug ins Weinviertel. Wir machen Station bei dem Weinhauer, bei dem es früher immer den guten Grünen Veltliner gegeben hat. Aber der Weinhauer schüttelt den Kopf. Nein, Grünen Veltliner hat er nicht mehr. Er hat die Produktion auf Rotwein umgestellt: Das Wetter ist schuld. Die trockene Hitze der letzten Jahre hat den Wein "dumpf" gemacht, erklärt er uns. Das Frische, Spritzige, so Typische für den Grünen Veltliner war weg. Jetzt wächst auf den Weinbergen unseres Hauers ein recht guter Roter.

Im letzten Winter ein Wochenende auf dem Semmering. Es war, nach Ansicht der Einheimischen, ein "guter" Winter mit einigem Schneefall. Die Berge waren weiß angezuckert. Aber Skifahren konnte man nur auf speziell präparierten Pisten, die mit Schneekanonen fahrtauglich gemacht worden wären. Die endlosen weißen Schneelandschaften, Paradies der Skifahrer, gibt es längst nur mehr in den Tourismus-Werbefilmen oder beim sündteuren Helikopter-Skifahren in Kanada.

Es scheint, dass sich unser Klima ebenso wie die Welt im Allgemeinen schneller verändert als unser Bild von ihm. In unseren Köpfen und auch in unserer Alltagsfolklore sind die Winter in Österreich immer noch eiskalt und schneereich, zu Weihnachten stapfen die Bauernkinder immer noch durch den tiefen Schnee zur Mitternachtsmette, und die Skifahrer ziehen von Dezember bis Mai ihre Schwünge durch den Pulverschnee. In der Steiermark wachsen auf ewig die Äpfel und im Weinviertel der Grüne Veltliner.

Was, wenn das alles eines Tages nicht mehr so ist? In den vergangenen Jahrhunderten hat sich das Klima auf der Erde des Öfteren verändert. Viele Historiker führen große geschichtliche Umwälzungen - von der Völkerwanderung bis zu Kriegen und Revolutionen - auf diese Wandlungen zurück.

Offensichtlich stehen wir derzeit mitten in einem solchen Klimawandel. Spannend, was sich in den nächsten Jahrzehnten in seiner Folge noch alles verändern wird, außer den Äpfeln, dem Wein und dem Skitourismus.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 8. 2003)

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