Versuch einer Dekonstruktion

11. August 2003, 21:04
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Anmerkungen zur geplanten Ausstellung "Mythos RAF" in Berlin

Sommerdebatten beginnen häufig mit einer leichtsinnigen Formulierung. So hieß es in einem Ausstellungskonzept der Berliner Kunst-Werke über den "Mythos RAF", von Interesse wäre die Untersuchung der Frage, welche "Ideen, Ideale" der Roten Armee Fraktion "ihren Wert durch die Zeit gehalten" hätten und "nicht als naiv abgetan werden könnten".

Die Verantwortung für diese ein wenig blauäugige Beschreibung eines Erkenntnisinteresses trägt Klaus Biesenbach, der künstlerische Leiter der Kunst-Werke. Geplant war die Schau für den Herbst 2003, finanziert werden sollte sie aus Mitteln der Bundeszentrale für politische Bildung und der Hauptstadtkulturfonds, zur kuratorischen Mitarbeit sollte das renommierte Hamburger Institut für Sozialforschung des mäzenatischen Intellektuellen Jan Philipp Reemtsma gewonnen werden.

Viel mehr war nicht bekannt, die Skizze des Projekts war vage genug, die meisten Verantwortlichen auf dem Weg in den Urlaub. An der Rede von den "Ideen, Idealen" stießen sich zuerst Angehörige der Opfer des RAF-Terrorismus, erst dann witterten Politiker der Opposition im Bund eine Chance, eine mutmaßlich zurückkehrende linksliberale kulturelle Hegemonie im Keim zu ersticken.

Als Werkzeug zu deren Herstellung gelten neue Subventionsinstrumente des Staates, namentlich die Bundeskulturstiftung, die während der ersten rot-grünen Legislaturperiode etabliert wurde, sowie der seit 1999 tätige Hauptstadtkulturfonds, der Projekte in Berlin fördert, die von nationalem Interesse sind. In diesem Jahr gingen etwa 500.000 Euro an eine Ausstellung von Meisterwerken chinesischer Kunst, ähnlich harmlos sind die restlichen Projekte. Das Stichwort RAF provozierte allerdings durchaus symptomatisch sofort eine Rhetorik des Verdachts, die am besten ein Postskriptum aus einem Brief dokumentiert, den Jan Philipp Reemtsma an die Witwe von Alfred Herrhausen schrieb, der als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank einem Mordanschlag der RAF zum Opfer fiel:

"Soeben", schreibt Jan Philipp Reemtsma, "rief mich Staatsministerin Frau Dr. Weiss an, die Familie Schleyer habe beim Kanzler gegen die Ausstellung resp. die Bundesbeteiligung protestiert, u. a. mit dem Hinweis, auch ich hätte mich von ihr distanziert."

Eine gute Woche lang herrschte in den Medien und unter Stellung nehmenden Politikern und Betroffenen beträchtliche Verwirrung, es gab - ein klassischer Fall von Sommerdebatte - scharfe Proteste, Distanzierungen und deren Zurücknahme. Nun klärt sich die Szenerie. Klaus Biesenbach und die Kunst-Werke haben Buße getan und wenden sich deutlich von einem "radical chic" in Sachen RAF ab: "Ich möchte, dass die (Jugendlichen) das nicht unreflektiert sehen als eine Art Bonnie & Clyde aus Hollywood."

So beruhigt sich die Diskussion: Die Geldgeber werden voraussichtlich nicht abspringen, ihre Zusagen gelten als verbindlich. Angehörige der RAF-Opfer werden in die Ausstellungsvorbereitung involviert, dies gilt zumindest als Absichtserklärung. Und das Hamburger Institut für Sozialforschung "übernimmt als Auftragnehmer die Zusammenstellung und Präsentation des zeitgeschichtlich-dokumentarischen Materials, dieses aber ausschließlich in eigener Verantwortung", so Reemtsma in seinem Brief an Frau Herrhausen.

Eine Zusammenarbeit der beiden Institutionen hatte es bereits 2001 anlässlich der überarbeiteten, einst ähnlich umstrittenen Schau Verbrechen der Wehrmacht gegeben, damals hatten die Kunst-Werke die Wanderausstellung auf ihrer Berliner Station beherbergt. Der Versuch einer Dekonstruktion des Mythos RAF, wie schlampig oder sorgfältig auch immer, kommt 2003 oder 2004 vermutlich zu spät, um noch einmal eine ähnliche Relevanz zu gewinnen, wie es beispielsweise der Filmemacher Andres Veiels mit der selbst stark mythisierenden Dokumentation Black Box BRD erreicht hat.

Im deutschen intellektuellen Klima der Gegenwart, das von Erschöpfung nach einer erfolglosen konservativen Bürgermobilmachung gegen die schwachen rot-grünen Wahlsieger geprägt ist, eignet sich nicht einmal mehr die Kulturpolitik für eine Neuideologisierung der politischen Auseinandersetzung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 8. 2003)

Von Bert Rebhandl aus Berlin

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    Von links nach rechts: Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe

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